Nonsens und ernste Spiele in der Sandkiste

21. Juni 2012, 18:22
6 Postings

Hans-Peter Feldmann ist manischer Sammler von Alltagsbildern, ausgestattet mit einer gesunden Distanz zum Künstlertum und schelmischem Humor

Feldmanns Glück der kleinen Dinge versammelt die Bawag Contemporary in Wien.

Wien - Hans-Peter Feldmann hat in allerletzter Minute noch eine Botschaft im Ausstellungsraum hinterlassen: "Art must have the right to risk being bad", steht auf dem angepinnten Papierbogen im Stil eines Erpresserbriefs. Kunst hat das Recht, böse zu sein. Hans-Peter Feldmanns Bad-Guy-Image ist allerdings zu 90 Prozent schelmisch; es ist geprägt von Streichen oder vielmehr "künstlerischen Freiheiten", die Kuratoren an den Rand des Wahnsinns bringen.

"Hans-Peter Feldmann ist allergisch auf Perfektion jeglicher Art", bringt es Bawag-Contemporary-Leiterin Christine Kintisch auf den Punkt. Denn in den Räumen des Kunstvereins bringt der 71-jährige Düsseldorfer Künstler, dem das Guggenheim 2011 eine New York in Staunen versetzende Personale bescherte, gerade alles Wohlüberlegte in Unordnung. 

"Verbessert" ist es aus der Perspektive des Künstlers, "zerstört", nennt es Kintisch und verlegt den Kampf Kurator versus Künstler in die Sandkiste: "Man backt einen Sandkuchen und jemand anderer haut mit der Schaufel drauf". Ihr Ernst ist freilich nur gespielt. Der Spaß, den das Nicht-entsprechen-Wollen, aber auch Assemblagen wie der auf einem kleinen Perserteppich versammelte Plastikfigurenzoo bereiten, ist allen Beteiligten anzumerken. Alle Titel, alle Jahreszahlen hat er ihnen wieder von den Wänden gepult. Feldmann mag das genausowenig wie Courtesy-Angaben oder das Limitieren von Auflagen. Unlimitiert ist daher aus Prinzip auch die Edition mit der englischen Zehn-Pfundnote, auf der er der Queen eine rote Nase aufgesetzt hat.

Man muss den grauhaarigen Querkopf, der sich in Wien Interviews verbeten hat und sich während der Pressekonferenz unsichtbar machte, einfach ins Herz schließen. 

Fast stündlich scheint er seine Schau, die vorher in wohl nicht ganz identem Umfang in der Londoner Serpentine Gallery zu sehen war, um Objekte ergänzt zu haben - etwa um einen verbeulten Pappkarton. Der steht nun wie vergessen dort zwischen den Biedermeier-Porträts. Denen hat Feldmann wie der Queen rote Clownsnasen oder ein Schielen aufgemalt, brach ihren repräsentativen Ernst. Diese Gemälde kamen etwa bei der vergangenen Art Basel ebenso gut an wie jene Bildnisse des 19. Jahrhunderts, in die Markus Schinwald Seelenzustandsprothesen hineingemalt hat.

Kunst der Aneignung auch auf der anderen Seite des Kartons: Auf der Plaza Mayor in Madrid ließ sich Feldmann von Straßenmalern porträtieren - die karikaturesken Ergebnisse vom Nasenbär bis zum Milchbubi - hat Feldmann zur Installation zusammengestellt. Appropriiert ist auch die hohe Wellenwand, die aus realistischen Wogenbildern, Gemälden unbekannter Künstler aus der ehemaligen Wiener Galerie Otto, zusammengesetzt ist. Wozu selbst machen? Es gibt schon genug Kunst, findet Feldmann. Man müsse sie nur einsammeln. Und so bestehen viele seiner Arbeiten aus Sammlungen von Alltagsbildern: wie etwa Fotos von Frauenbeinen, und Fingerhüten. Die Erdbeeren hat er jedoch eigenhändig abgelichtet. Jede einzeln. Beim Auspacken einer Schale Erdbeeren sei ihm aufgefallen, dass jede von ihnen einmalig, jede anders geformt ist. - Zur Documenta lud man ihn allerdings nicht heuer, sondern bereits 1972 ein.

Fern der Kunst

Danach hatte Feldmann lange Jahre der Kunst den Rücken gekehrt, stand im Trödelladen seiner Frau. Er selbst macht keinen großen Wirbel um sich. Kunst oder Nichtkunst, Künstler oder Nichtkünstler ist für Feldmann, der lieber im Eissalon arbeitet als im Atelier, keine Dimension. Im Zweifel ist er lieber kein Künstler als ein abgehobener Karrierist. Erst in den 1990er-Jahren kam er zurück in die Kunstwelt. Insbesondere in den vergangenen Jahren findet seine Arbeit größte Beachtung.

Auch in Wien war er schon einmal. Nicht als Spaßvogel. 2000 zeigte er in der Kunsthalle Wien seinen Fotozyklus "Die Toten", sein nicht unumstrittener Versuch, die weitere Ikonisierung von Bildern der RAF-Mitglieder zu verhindern. Er zeigt Bilder von jenen, die im Zuge des Linksradikalismus ums Leben kamen, machte aber keinen Unterschied zwischen Tätern und Opfern: Er reihte sie streng chronologisch nach Todesdatum. Ernst war auch sein Kommentar (ein Projekt für "museum in progress") zur schwarz-blauen Regierungsbildung im Jahr 2000: Er eliminierte aus einer "Profil"-Ausgabe jeglichen Text.

2009 auf der Biennale in Venedig sah man etwa sein "Schattenspiel", bei dem auf Scheiben rotierender Krimskrams und Kinderspielzeug zauberhafte Schatten an die Wand werfen und so ein wenig an Platons Höhlengleichnis denken lassen. Nach Wien machen seine Arbeiten auf der Biennale São Paulo und in den Deichtorhallen Hamburg Station. 

2010 erhielt er einen Preis in der Höhe von 100.000 Dollar, den er in Ein-Dollar-Scheinen in der darauffolgenden Ausstellung an die Wand pinnte. Er sei über den Preis so glücklich wie Dagobert Duck und wolle ihn mit allen teilen, sagte er damals. Aber ob Dagobert glücklich war? Fix ist: Ein Besuch in Feldmanns Welt hebt den Serotoninspiegel erheblich. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, Langfassung, 22.6.2012)

    Bis 26. 8.

  • Die Queen mit roter Clownsnase, eine unlimitierte Edition Hans-Peter Feldmanns.
    foto: © o.o.

    Die Queen mit roter Clownsnase, eine unlimitierte Edition Hans-Peter Feldmanns.

Share if you care.