Lostage für europäisches Pipelineprojekt

21. Juni 2012, 17:44
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Alles oder nichts: In den nächsten Tagen wird Aserbaidschan über das Schicksal einer abgeschlankten Nabucco-Version entscheiden

Brüssel/Wien - Für das Nabucco-Konsortium geht es in den nächsten Tagen um alles oder nichts. Ende Juni/Anfang Juli wird sich entscheiden, welche Pipeline-Projekte zum Abtransport der Gasmengen aus dem zu Aserbaidschan gehörenden gigantischen Schah-Deniz-Feld (siehe Grafik) im Rennen bleiben. Das unter Federführung der OMV stehende Projekt Nabucco, das inzwischen auf eine Kurzvariante mit Namen "Nabucco West" geschrumpft ist, hat keine allzu guten Karten.

"Es ist zwar wahrscheinlich, dass Nabucco West die nächste Runde schafft, aber fraglich, ob sie die Endausscheidung gewinnt", sagte Gerhard Mangott von der Uni Innsbruck dem Standard. Mangott beschäftigt sich seit vielen Jahren mit politischen Implikationen des Gastransports.

Russland, das bisher eine Quasi-Monopolstellung in der Belieferung Europas mit Erdgas hatte, sieht diese Position gefährdet und schießt quer - etwa mit dem Projekt South Stream, über das russiches Gas unter Umgehung der Ukraine nach Europa gelangen soll.

Gewollte Diversifikation

Staaten wie Aserbaidschan und Turkmenistan, früher Teil der Sowjetunion, hingegen haben ihre Chance erkannt, durch Diversifikation des Kundenstocks bessere Gaspreise zu erzielen.

Turkmenistan hat noch keine Anschlüsse an das türkisch-europäische Leitungsnetz, liefert aber über eine Pipeline Gas nach China. Aserbaidschan ist auf den Geschmack gekommen und möchte über die Staatsgesellschaft Socar und türkische Partner selbst Gas an die EU-Außengrenze bringen. Das Projekt heißt TANAP, Transanatolische Pipeline.

Ein Grund, warum die nach einer Verdi-Oper benannte Pipeline Nabucco in ihrer Ursprungsversion vom Tisch ist, sind die gewaltig gestiegenen Kosten und die Tatsache, dass die angepeilten 31 Mrd. m3 zumindest in den ersten Jahren nicht verfügbar sind. Auch der Umstand, dass einige Konsorten wie die deutsche RWE oder die ungarische Mol finanziell nicht mehr so gut dastehen, spielt mit.

Variantenreiches Match

Für Energiekommissar Günther Oettinger ist es "wichtig, dass der südliche Gaskorridor noch in diesem Jahrzehnt aufgeht. Durch welche Leitung das Gas fließt, ist sekundär".

Obwohl auch das aserbaidschanisch-türkische Gemeinschaftsprojekt TANAP alles andere als in trockenen Tüchern ist, geht Energieexperte Mangott davon aus, dass die Leitung kommt. Ideal sei das nicht. Mangott: "Bei Nabucco alt hätten die Konsortialpartner eine eigene Leitung bis zur türkisch-georgischen Grenze besessen. Nabucco West müsste an eine Leitung andocken, die Unternehmen aus zwei Nicht-EU-Staaten gehört. Das ist auch aus sicherheitspolitischen Gesichtspunkten eine ganz andere Qualität".

Um den Weitertransport des kaspischen Gases matchen sich neben Nabucco West, die auf zehn Mrd. m3 ausgelegt werden soll, die South East Europe Pipeline SEEP unter Beteiligung von BP sowie die Transadriatische Pipeline TAP mit der norwegischen Statoil, EGL aus der Schweiz und Eon Ruhrgas. Die finale Entscheidung soll Mitte 2013 fallen.(Günther Strobl, DER STANDARD, 22.6.2012)

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