"Wir wollen kein großes Wachstum"

21. Juni 2012, 17:31
1 Posting

Der vor acht Jahren gegründete Berenberg-Verlag in Berlin gehört zu den erfolgreichsten Kleinverlagen Deutschlands

Verleger Heinrich von Berenberg im Gespräch über Ökonomie, E-Books und die uneingedämmte Bücherflut.

Wien - "Der deutsche Buchmarkt steht vor Herausforderungen", meldete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergangene Woche lakonisch. Und: "Die globalen Marktteilnehmer weiten ihre Marktmacht aus und verändern damit die Wertschöpfungskette, die Diskussion über das Urheberrecht wird schärfer, und die Ausweitung des E-Book-Marktes führt zu neuen Strukturen." Dazu fiel 2011 der Umsatz des Buchhandels erstmals nach sieben Jahren kontinuierlichen Wachstums, und zwar um 1,4 Prozent auf 9, 6 Milliarden Euro. Ähnlich sehen die Zahlen für Österreich aus, in der letzten Untersuchung anlässlich der "Buch Wien" betrug das Umsatz-Minus in den ersten zehn Monaten 2011 (also ohne das traditionell wichtige Weihnachtsgeschäft) 4,8 Prozent.

Während der Buchhandel vor allem unter dem nach wie vor wachsenden Online-Geschäft mit Büchern (2011 in Deutschland ein Plus von fünf Prozent auf 14,8 Prozent des Umsatzes) leidet, kämpfen kleinere und mittelständische Verlage seit Jahren mit dem gnadenlosen Verdrängungswettbewerb auf dem Buchmarkt und den ungebremsten Konzentrationsprozessen im Verlagswesen.

So werden in Deutschland 80 Prozent aller Bücher von einer Handvoll Verlagsgruppen wie Holtzbrink (u. a. S. Fischer, Rowohlt, KiWi), Random House (u. a. btb, Heyne, Luchterhand, DVA) oder Bonnier (u. a. List, Ullstein, Piper) produziert. Hingegen, und das ist auf den ersten Blick erstaunlich, steigt auch die Zahl jener Verlage, die nicht Titel auf Teufel komm raus produzieren, sondern Bücher abseits des Mainstream gestalten wollen. So wurden in den vergangenen Jahren in Österreich unter anderem die Verlage Luftschacht, Edition Korrespondenzen, Kyrene, Klever oder Edition Krill gegründet.

Zu den aufsehenerregenderen Verlagsneugründungen in Deutschland gehört der Berenberg-Verlag, den Heinrich von Berenberg gemeinsam mit seiner Frau 2004 in Berlin gründete. Spezialisiert hat sich der Kleinverlag auf autobiografische und essayistische Literatur, seit 2010 ergänzt Belletristik und ab Herbst auch Lyrik das Programm.

Selbstbeschränkung sei wichtig, so Berenberg, eisern werden nur vier hochwertige, fadengeheftete Titel pro Halbjahr gemacht - und nur selten überschreiten sie den Umfang von 200 Seiten. Auf das viel besungene und ebenso gefürchtete E-Book angesprochen, meint Berenberg: "Mit unserem Programm segeln wir unter dem elektronischen Radarschirm durch. Das E-Book ist für unsere Bücher ein Format, das wenig Interesse finden würde." Einzig bei Georg von Wallwitz' Buch Odysseus und die Wiesel. Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte, das vergangenes Jahr ein Bestseller wurde, hätte es ein paar Anrufe aus Börsenkreisen gegeben. " Diese Leute", so Berenberg, "würden sich das Buch sofort auf ihr iPad ziehen. Aber wer würde denn beispielsweise Strindberg aus dem Nachlass oder ein Vaterbuch von Perry Anderson als E-Book lesen?"

"Wir wollen kein großes Wachstum", sagt Berenberg, der eigentlich Banker und Nachfolger an der Spitze von Deutschlands ältester Privatbank hätte werden sollen, wenn es nach den Wünschen des Vaters Heinrich Freiherr von Berenberg gegangen wäre. Ging es aber nicht, zwar absolvierte der Sohn eine Lehre in der väterlichen Bank, studierte dann aber Sprachen und war 20 Jahre Lektor im Wagenbach-Verlag, für den er Michel Houellebecq und Roberto Bolaño entdeckte. Irgendwann wuchs dann der Wunsch nach einem eigenen Verlag. Die Liebe zu Büchern ist das eine, aber wie sieht es mit der Ökonomie aus?

"Natürlich braucht es Geld", sagt Berenberg. "Sie müssen ökonomisch etwas Luft haben, damit sie Entscheidungen frei treffen können, sonst ist der Druck zu groß. Ich habe das unverdiente Glück, etwas Geld zu haben, sonst hätte ich den Verlag nicht machen können." Als eines der größten Probleme der Verlagsbranche sieht Berenberg den ungebremsten Titelausstoß, 82.048 Titel sind im deutschen Sprachraum vergangenes Jahr erschienen (davon 15.141 belletristische Werke und 8225 Jugendbücher). Berenberg schüttelt den Kopf, "der Buchhandel zeigt sich zunehmend überfordert von dieser Büchermaße, auch Kollegen von anderen Verlagen sagen, die Überproduktion sei ein Problem, aber niemand tut etwas."

Im Herbst erscheinen nun die beiden ersten Lyrik-Bände von Jeffrey Yang und Sergio Raimondi bei Berenberg. Als verlegerisches Himmelfahrtskommando will der Verleger Lyrikbände nicht sehen. Jedes Buch müsse für den Leser eine Überraschung sein, und beide Autoren seien Entdeckungen von hohem Rang. Für das Frühjahrsprogramm 2013 hat Berenberg schon den nächsten Lyrikband von Nicanor Parra im Programm. Kürzlich habe er die Rechte für das Buch gekriegt. Und das, obwohl Parra gerade mit dem Cervantes-Preis, dem wichtigsten Preis im spanischsprachigen Raum, ausgezeichnet wurde.

Trotzdem kann es auch in diesem Fall dauern, bis die Auflage von 1000 Stück, die der Verlag von den Büchern druckt, verkauft ist. Berenbergs Antwort auf die Frage, was er sich für das Verlagswesen und seinen Verlag wünsche, kommt schnell: "Erstens, dass sich die Spreu mehr vom Weizen trennt, und zweitens, dass unser Verlag in zehn Jahren noch existiert - und nicht größer geworden ist." (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 22.6.2012)

  • "Mit unserem Programm segeln wir unter dem elektronischen Radarschirm durch": Heinrich von Berenberg.
    foto: cordula giese

    "Mit unserem Programm segeln wir unter dem elektronischen Radarschirm durch": Heinrich von Berenberg.

Share if you care.