Mutter, deine Tränen

    Glosse21. Juni 2012, 17:42
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    Mag sein, dass meine Mutter keinen sprichwörtlichen Ozean erweint hat. Zum Auffüllen eines durchschnittlichen Hallenbades reicht es jedoch allemal

    Ich bin sicher, dass Mutters bitterste Tränen an jenem Tag im Winter 1966 fließen, als sie den Zug nach Wien besteigt, wissend, dass sie ihre zwei Kinder erst in einem Jahr wiedersehen wird. Im Zug sitzt meine Mutter nur, weil mein Vater mit der Scheidung droht, wenn sie ihm nicht hinterhermigriert.

    Das Glück der Sterne

    Diese Erpressung vergibt Mutter ihm. Und ich auch. Denn trotz aller migrantischen Unbill, die nun mal Teil des Migrierens ist, wird Österreich 2.0 für uns alle eine bessere Heimat als Jugoslawien 2.0. Das ist für Cicero* Maß genug und meine eigene rationale Schlussfolgerung im Angesicht der Geschichte. Der fühlende Mensch jedoch meint, Wurzeln zu haben wie ein Baum, und meine Mutter kennt Cicero nicht. Letztlich aber haben Mutter und ich meinem Vater nur vergeben, weil er mit 38 Jahren während seiner zweiten Herzoperation stirbt.

    Als meine Mutter nach diesem ersten von noch kommenden fünf kindlich langen Jahren, die vor meinem Zug nach Wien liegen, zurückkommt und für zwei kindlich kurze Wochen meine Mutter ist, frage ich sie, wie es in der Fremde denn ist. "Das Glück in der Ferne ist so fern wie die Sterne ..." Sie flüstert, dann weint meine Mutter. Und weil ich diese Tränen erst nicht verstehe und dann nie vergesse, vergebe ich meiner Mutter, dass sie nach diesen zwei Wochen nur noch ein Duft im Polster ist. Und bald auch das nicht mehr. Für ein kindlich langes Jahr.

    Von Ärzten und Schweinen

    Die alte Heimat ist zwar keine medizinische Wüste, aber die kapitalistischen künstlichen Herzklappen, die mein Vater in Wien von der Krankenkassa bekommt, sind State of the Art der Medizin der 70er und halten ihn immerhin sechs Jahre am Leben. In diesen wenigen Jahren weint Mutter nicht viel. Das ist dann so was wie die glücklichste Zeit, die sie in der Fremde hat. Ihr Mann scheint gerettet, ihre Kinder sind jeden Tag ihre Kinder. Und weinen nun um die Oma, die sie aber immerhin zwei Monate im Jahr im sonnigen Sutivan als Oma haben dürfen.

    Was meine Mutter in dieser Zeit weinen lässt, sind Scham und Erniedrigung. Zu dieser Zeit gibt es noch den Unterschied zwischen Arbeitern und Angestellten und freie Arztwahl ist ein Begriff der Zukunft. So wird meiner Arbeiterin-Mutter von der Krankenkassa ein Gynäkologe zugeteilt, den sie alle sechs Monate aufsucht. Dieser Mann ist aber jemand, der Frauen mit undeutschen Namen als Unmenschen betrachtet und sie auf den Untersuchungsstuhl bittet, indem er laut schreit: "Die nächste Tschuschin! Gemma, gemma!" Alle sechs Monate weint meine Mutter kurz vor und lange nach ihrem Termin bei diesem Mann, der auch zwei zufällige Schwangerschaften meiner Mutter unterbricht.

    Weinen ist Arbeit

    Die ersten sieben Jahre in Wien arbeitet meine Mutter in einer Weberei in der Neubaugasse. In Jugoslawien ist sie Betriebsingenieurin und arbeitet in einem Büro. Die Weberei ist eine alltäglich erlittene achtstündige Lärmhölle, weil auch Ohrenschützer für Arbeiterinnen ein Begriff der Zukunft sind. Zudem ist Mutter die einzige dieser fast hundert Frauen aus Jugoslawien, die in einer Stadt aufgewachsen ist und, bevor sie Deutsch lernt, bereits Englisch spricht. Und eine Brieffreundin in Japan hat. Für Mutter sind die Jahre in der Fabrik noch lange eine Erinnerung, die ihr Tränen in die Augen treibt. Und ihr mit dem gelegentlichen Albtraum von einer Rückkehr in die Weberei die Nachtruhe verkürzen.

    Endlich gelingt es meinem Vater, erst sich und dann meiner Mutter einen Bürojob in beider erlerntem Beruf in einer internationalen Firma zu finden. Und endlich dem Zimmer-Küche-Hausbesorger-Klo-am-Gang-scheiß-Leben zu entkommen. Denn endlich haben wir Kinder unsere eigenen Zimmer, Mutter und Vater ein Zimmer, ein Klo innerhalb der Wohnung und eine Badewanne in einem Badezimmer. Endlich sind wir also eine migrierte Familie, die im Mittelstand der Fremde angekommen ist. Dann stirbt mein Vater. Ein Kredit für die Wohnung ist zu bedienen. Mit Zinsen und Mutters Tränen.

    Ein bemühter Fuchs

    Es ist nur eine Hausübung im Zeichenunterricht. Das kleine Mädchen, das später meine Mutter ist, soll bis nächste Woche einen Fuchs zeichnen. Was nach sechs Tagen Herumradierens aussieht wie ein Hocker, über den jemand ein Rattenfell gezogen hat. Am Abend vor der Abgabe, auf dem Weg in die Schule und in der Pause vor der Zeichenstunde weint meine Noch-Mädchen-Mutter wegen der zu erwartenden Scham durch die schlechte Note für eine schlechte Zeichnung. Doch die Zeichenlehrerin flüstert ihr zu: "Ich weiß, dass die anderen Füchse von den Eltern gezeichnet sind. Deswegen bekommen sie alle eine Zwei. Deinen Fuchs hast du selbst gezeichnet. Dafür bekommst du eine Eins!"

    Viele Jahre später, in Wien, beginnt meine Mutter, Bäume zu malen, bald Wälder und Landschaften dazu. Mein Vater sägt und leimt Rahmen, spannt Leinwand darüber, besorgt Ölfarben, Pinsel und Verdünner. Als sie Witwe wird, macht sie das alles selbst und malt so viele naturalistische Landschaften, dass binnen weniger Jahre jede Wand unserer Wohnung von Wäldern, Bächen und Seen unter blauen Himmeln bedeckt ist. Erst verkauft sie die Bilder an Freunde und Bekannte, dann an Firmenkollegen, bis der Betriebsrat ihr eine Ausstellung organisiert. An diesem Tag sehe ich zum ersten und bislang letzten Mal Mutters Freudentränen. Etwa zweihundert ihrer Bilder hängen nun in diversen Wohnungen dieser Stadt. Ich bin stolz auf meine traurige Mutter.

    Der Junge im Lichthof

    Seit vielen Jahren lebt meine Mutter mit einem anderen Mann. Er ist ein guter Mensch und Mutter weint nur, wenn sie in der Lade mit den alten Bildern kramt. Oder wenn mein Jähzorn mich vergessen lässt, das Mutters bisherige Tränen schon genug für drei Leben sind. Die Parameter ihres Wohlbefindens sind als Tinnitus, fortschreitende Abnahme der Knochendichte, Kettenrauchen und der Zwergmalteser, um den sich das meiste dreht, zu definieren. Und der gute Mensch an ihrer Seite, um den sich das Wichtigste in Mutters Leben dreht. Das Malen ist aufgegeben, weil die Lösungsmittel und Dämpfe der Farben ihr schaden. Fast mäßiger Konsum von Baileys-Likör hingegen steigert ihr Wohlbefinden. Und das ist gut so.

    Manchmal, in einem immer wiederkehrenden Traum bin ich wieder der kleine Junge im Lichthof unseres neunstöckigen Plattenbaus in Belgrad, der nach seiner Mutter weint. Eine Szene, so pathetisch und traurig, dass die Nachbarn ihre Fenster schließen. Diese meine Tränen vergebe ich dir, Mutter. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 21.6.2012)

    * Ubi bene ibi patria: Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland (Cicero).

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      Und weil ich diese Tränen erst nicht verstehe und dann nie vergesse, vergebe ich meiner Mutter, dass sie nach diesen zwei Wochen nur noch ein Duft im Polster ist.

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