Seltsame Begegnungen oder: Hulk trifft Hercules Farnese

21. Juni 2012, 17:32
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Der gar nicht skandalscheue US-Popartist Jeff Koons, der gern bis an die Kitschgrenze malt und installiert, wird Frankfurt gleich zweimal präsentiert: Bilder in der Schirn, Objekte und Skulpturen im Liebieghaus

Die Frankfurter Schirn ist so etwas wie der Louvre. Dort gibt's auch auch eine Grande Galerie, 150 Meter lang, fein von oben belichtet, die für Ausstellungen aber meist rüde unterteilt wird. Nun darf sie ihre Perspektive entfalten: Jeff Koons wird gegeben. Und nichts unterbricht den Tiefenzug, gäbe es da nicht eine Trennwand für die Serie namens Made In Heaven, für die Koons vor 20 Jahren innig mit der seinerzeitigen Weltberühmtheit Cicciolina kollaborierte. Dass es nicht jugendfrei zugeht, hat Koons' Weiterkommen nicht geschadet.

Koons arbeitete stets in Werkgruppen. Auch die Schirn legt es darauf an, die Arbeiten so zu verorten. Es gibt nur Flachware zu sehen, Gemälde und Fotodrucke, von den frühen, unter "Luxury & Degradation" firmierenden Aneignungen von Schnapswerbungen bis zu den jüngsten Koketterien mit Klassizismus, betitelt "Antiquity". War Koons am Anfang so etwas wie theoretisch (die New Yorker Mid-Eighties-Begeisterung für Jean Baudrillards Simulation dringt aus jeder Faser der cleanen Leinwände), so wird er später komplex. Ja, komplex, denn die Gemälde arbeiten in Schichten, sind Palimpseste, in denen sich Werbefotos, abstrakte Geflechte, Close-ups auf Gegenstände oder Körperteile und Comic-Zitate überlagern. Koons ist knallig; trivial ist er deshalb noch nicht.

Eine einzige Werkgruppe, in der es Flachware gibt, fehlt: "Banality". 1988 hat Koons für die drei Galerien, in denen er sie zeigte, Hetzler in Köln, Sonnabend in New York und Young in Chicago, drei wunderbar selbstironische Plakate ersonnen, in denen er sich als Teenie-Star unter Wert verkaufte. Das passiert ihm heute nicht mehr. Dass die drei Pin-ups fehlen, wird seinem jetzigen Galeristen zu verdanken sein. Spätestens seit 2001, da Larry Gagosian ihn übernahm, hat Koons seinen Ruf als Luxuslieferant weg.

Dabei kommt Koons, Jahrgang 1955, tief aus den 80ern. Da gab man dem, was man ästhetisch trieb, eine Geschichte mit, eine Erklärung, eine Semantik: Installationskünstler rekurrierten auf Architektur, Modellbauer auf die Tradition der Utopie. Koons suchte ökonomische Erklärungen: "Equilibrium", seine Schau von 1985, verglich seine Ambitionen, in der Kunst als Abkömmling der unteren Mittelschicht etwas zu werden, mit jenen von Schwarzen, Basketballer zu werden. Sein Umgang mit Karriere, einst semantisch unterfüttert, ist jetzt pragmatisch. Darin liegt in der Tat eine Banalisierung.

Im Liebieghaus, Frankfurts Skulpturenmuseum, hat er seine Plastiken mitten zwischen Bestände verteilt. Es funktioniert perfekt: Ein Oeuvre im Geist der Achtziger verbindet sich mit einer Ausstellungsidee im Geist der Achtziger. Danneckers "Ariadne auf dem Panther" von 1800 trifft sich mit Paulchen Panther und seinem Pin-up von 1988; die Büste Ludwigs XIV. in Edelstahl vis-à-vis barocken Porträts; Hercules Farnese legt sich an mit Hulk.

Alles natürlich in dezidiertester, ziseliertester, bedachtester Handwerklichkeit. Der Kunstbonus, der die Dinge immer schon mit pekuniärem Wert auflädt, soll dadurch Unterstützung bekommen. So etwas strebt auch Damien Hirst, Konkurrent um den Weltmeistertitel, mit seinem Diamantenschädel an. Hirst will den symbolischen Wert durch den Materialwert kompensieren. Koons will dies durch die Bearbeitung des Materials: durch Metier, Meisterschaft, Virtuosität. Durch vormoderne Qualitäten: Man sollte Koons' Künstlerschaft nicht unterschätzen. (Rainer Metzger aus Frankfurt, DER STANDARD, 22.6.2012)

  • Jeff Koons, US-amerikanischer Lieferant von Luxusflachware: Hulk Elvis 
im "Monkey Train" (2007) gastiert derzeit in der Frankfurter Schirn.
    foto: jeff koons / gagosian gallery

    Jeff Koons, US-amerikanischer Lieferant von Luxusflachware: Hulk Elvis im "Monkey Train" (2007) gastiert derzeit in der Frankfurter Schirn.

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