Indien, der müde Tiger, enttäuscht die Anleger

Das zweitgrößte Schwellenland hat Investoren zuletzt enttäuscht, die Rupie ist abgestürzt, die Gründe für Pessimismus haben sich gestapelt

"Wie Indiens Wachstum China überholen wird", titelte der "Economist" vor knapp zwei Jahren. Es könnte ein Beispiel für den bekannten "Magazine Cover" Indikator sein. Wenn einmal ein großes Magazin wie "Forbes", "Businessweek" oder der "Economist" auf einen Trend hinweisen, sollten Anleger wohl das Gegenteil machen.

Denn seitdem sind die indische Rupie und auch indische Aktien gefallen. Ein Minus von fünf Prozent steht beim Aktienindex Sensex zu Buche, die indische Rupie hat 20 Prozent abgewertet. Macht für einen Investor aus der Eurozone, der in indische Aktien investiert hat, einen Verlust von knapp einem Viertel.

Zahlreiche Gründe

In den vergangenen Wochen haben sich die Gründe für den Pessimismus gestapelt: niedriges Wachstum, hohe Inflation, eine fallende Währung und stockende Investitionen. Dabei kann sich Indien nicht auf die Probleme in der Eurozone und die schwache internationale Konjunktur ausreden. Denn Indiens Probleme sind zu einem guten Teil hausgemacht. "Die Regierung hat als Reaktion auf die Krise eine aggressive Lockerung der Politik vorgenommen, die zu den internen Problemen geführt hat: künstlich angefachten Konsum, eingefrorene Investitionen und hartnäckige Inflation", kritisieren etwa die Analysten des Hong Konger Unternehmens Gavekal. Dazu hätte sich die Regierung zuletzt besonders reformresistent gezeigt. Zuletzt ist das Wirtschaftswachstum auf 5,3 Prozent gefallen, noch niedriger als im schlimmsten Quartal der globalen Wirtschaftskrise 2008/2009.

Das mussten auch die Anleger in indischen Aktienfonds merken. 28 Produkte sind in Österreich laut dem Datenanbieter Lipper zum Vertrieb zugelassen. Im letzten Jahr haben sie im Schnitt 16 Prozent ihres Wertes eingebüsst, in den letzten fünf Jahren sind nur noch fünf im positiven Bereich.

Im Zeitraum der vergangenen fünf Jahre haben die Fondsmanager des First State Indian Subcontinent, David Gait und Sashi Reddy, laut Daten von Lipper am meisten Ertrag für ihre Anleger herausgeholt. "Wir sind weiter wegen des anhaltenden Inflationsdrucks besorgt, der durch den Effekt von schwachen Monsun-Regenfällen auf die Lebensmittelpreise noch verstärkt werden könnte", glauben sie. 7,4 Prozent wird die Teuerung 2012 ausmachen, schätzen die Ökonomen der Economist Intelligence Unit. Damit bleibe wenig Spielraum für die indische Zentralbank, die betont, das Land müsse nun auf etwas Wachstum verzichten, um die Inflation wieder in den Griff zu bekommen.

Die hohen Ölpreise

Doch ein Teil des indischen Dilemmas aus fallendem Wachstums und anhaltend hoher Inflation könnte sich von selbst auflösen: hohe Ölpreise. So schätzen die Indien-Experten Naganath Sundaresan und Neeraj Seth vom weltweit größten Vermögensverwalter Blackrock, dass die gestiegenen Energiekosten wegen der verbreiteten Subventionen auch das hohe Staatsdefizit verursacht haben, das seit Monaten die internationalen Investoren verunsichert. "Steigt der Ölpreis um einen Dollar, erhöht das die staatliche Subvention um 400 Millionen Dollar", schätzen Seth und Sundaresan. Aktuell machen die staatlichen Förderungen für Treibstoff und Dünger 1,6 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Dass der Ölpreis nun seit einigen Wochen um knapp ein Viertel gefallen ist, dürfte die Situation also entspannen.

Eine Unterstützung erhoffen sich die Fondsmanager indischer Aktien durch die Bewertung. Die Aktien im Leitindex Sensex würden mittlerweile mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von zwölf handeln, "ein großer Abschlag zum historischen Durchschnitt von 16", glauben die Blackrock-Manager. (Lukas Sustala, derStandard.at, 21.06.2012)

Share if you care