Der Erdgipfel beginnt und die Rionauten marschieren

21. Juni 2012, 14:22
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Alles scheint in Agonie zu liegen und Rio de Janeiro gleicht einer belagerten Festung

Am Mittwoch war der erste offizielle Tag des Erdgipfels und irgendwie scheint alles in Agonie zu liegen. Viele Premierminister, Minister und Regierungsspitzen sagten ihre Teilnahme ab. Begründung: Der Text, den keiner so richtig will, ist fertig. Es gab nur wenige unwesentliche Änderungen. Wozu kommen überhaupt noch Politiker in die Stadt? Die Unterhändler und Diplomaten haben eh schon alles erledigt und es braucht nur noch die Absegnung ihrer Chefs.

Die Stadt gleicht einer belagerten Festung, mehr als 15.000 Polizisten sind im Einsatz. Um den riesigen Komplex des Riocentro stehen alle 30 Meter schwerbewaffnete Elitesoldaten. Ständig kreisen Hubschrauber über der Stadt. Links und rechts sind an den offenen Seiten Soldaten mit Maschinengewehren postiert. Selbst über den Stränden Copacabana und Ipanema dröhnt der Lärm der olivgrünen Rotoren. Der Verkehr ist extrem dicht und die Luft ist zum Schneiden. Der Lärm ist unerträglich - Hubschrauber, Autos, Klimaanlagen. Es dauert Stunden um zum Konferenzzentrum zu kommen, egal ob mit Bus oder Taxi. Anti-Bombenkommandos stehen vor dem Haupteingang. Die Sicherheitskontrollen werden immer schärfer.

Im Riocentro wird es immer schwieriger für die Organisationen der Zivilgesellschaft Sitzplätze, Netzwerkkabel und Steckdosen zu bekommen. Räume für Pressekonferenzen sind Mangelware. Viele Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Einige wurden in den "Park der Athleten" verlegt, einem riesigen Expo-Gelände wo sich die großen Konzerne dieser Welt präsentieren und zeigen wollen, wie grün sie nicht sind.

Nach einer Woche Arbeit hier geht nicht nur die physische Energie sondern auch die Stromversorgung aus. Das Internet fällt streckenweise komplett aus. Ein Schock für die Tausenden hochkarätigen Konferenzteilnehmer und Journalisten, die es gewohnt sind mit ein paar Mausklicks die Meinungen von Hunderten von Millionen Menschen zu steuern. Bei Hunderten von Mails, die täglich auf dem Blackberry allein vom WWF eintreffen, glaubt man schon an den Weltuntergang, wenn zwei Minuten kein Mail am Schirm ist. Wer noch auf anderen Mailinglisten steht, kämpft mit Tausenden von Mails pro Tag, die alle gelesen werden wollen. Aber wie schafft man es, ein kompliziertes langes Mail in englischer UN-Konferenzsprache mit unzähligen für Nichteingeweihte kryptischen Abkürzungen in einer Minute zu lesen, wenn in dieser Zeit 3-5 neue Mails eintreffen? Es ist wie das Bergsteigen in einem Kar, wo das Geröll kein Weiterkommen ermöglicht. Ein Schritt vor, drei Schritte zurück. Nach einigen Jahren Erfahrung kriegt man es irgendwie hin, in Sekundenbruchteilen die wichtigen von den weniger wichtigen Mails zu unterscheiden. Zehn Minuten Internetausfall - und man hat das Gefühl, um Jahre zurückgeworfen zu sein.

Großer Marsch der Organisationen

Heute fand der große Marsch der Organisationen statt. Im Stadtzentrum bei Candelaria sammelten sich bei strömendem Regen gegen halb drei Uhr Zehntausende Menschen und Hunderte von Organisationen, Gewerkschaften, Bürgerrechtler, Antirassisten, Friedenskämpfer, Aktivisten jeder Schattierung. Samba-Gruppen, Clowns, Schauspieler, Redner mit Drachen, Riesen-Pappmache-Figuren, Bussen, LKWs - sogar ein Panzer, nahtlos bedeckt mit Brot, zogen lautstark und trillerpfeifend die Avenida Rio Branco hinunter zum Cinelandia-Platz. Indigene aus den Tiefen des Regenwaldes organisieren einen "Timber-Run" und laufen unter dem riesigen Transparent durch, Hunderte von Fotografen und Kameraleuten rennen emsig hinterher. Sie sind auf der Jagd nach dem einen Foto, das die Welt verändern kann und selbst die hartgesottensten Politiker zu Tränen zu rühren vermag.

Die Aktivisten vom WWF - darunter ich selbst - von Greenpeace, der Caritas und vielen anderen NGOs aus aller Welt protestierten gegen die Umweltzerstörungspolitik von Präsidentin Dilma Rousseff, gegen Belo Monte, gegen die Blockadehaltung der Staaten, gegen den windelweichen Zukunftsentwurf der Delegierten. Sie kämpfen für soziale Gerechtigkeit, für die Erhaltung des Amazonasregenwaldes, für ein planetares Bewusstsein, für eine lebenswerte Zukunft, in der die Natur und die Menschheit überleben können. Viele von ihnen wissen nicht, welche eiskalten Kuhhandel hinter den Kulissen einer solchen Konferenz ablaufen, welche Deals hinter ihrem Rücken gemacht werden. Milliarden von Dollars und Milliarden von Menschenleben werden verschoben wie auf einem Monopoly-Spielfeld. Aber es ist das Ergebnis, das zählt. Und das Ergebnis von Rio+20 ist armselig. Das spüre n sowohl der kleine brasilianische Bauer am Land und der Slumbewohner in Bombay.

Die Delegierten dieser Konferenz leben tagelang in einer Kunstlichtwolke, vollkommen abgeschottet von der Außenwelt, in einer Sphäre von Computern, Mikrofonen, Kameras, Blackberrys und I-Phones. Sie essen abgepacktes Essen, atmen künstliche Luft aus den Klimaanlagen und fahren in sauberen Bussen in ihre Fünfstern-Hotels. Und das in einer Stadt, in der Hunderttausende Menschen in Favelas leben, wo der atlantische Regenwald zum kümmerlichen Rest wurde und wo nur noch die herumschwirrenden Moskitos an die einstige reichhaltige Natur erinnern. Ich meine, sie alle bräuchten eine Führung durch das Elend der Favelas oder in die noch intakten Regenwaldzonen am Amazonas um zu wissen wovon sie überhaupt reden. Wenn sie dann immer noch nichtssagende 49-Seiten-Papiere beschließen wie das vorliegende dieses Erdgipfels, dann sind sie wenigstens wissentlich mitschuldig beim Verspielen unserer Zukunft auf diesem "Erdkipfel" in Rio de Janeiro.


Franko Petri vom WWF Österreich berichtet vom UN-Gipfel über nachhaltige Entwicklung in Rio de Janeiro.

  • Artikelbild
    foto: wwf/franko petri
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