Ein Besuch in Amerikas Achselhöhle

Blog | Solmaz Khorsand, 21. Juni 2012, 14:25

Mississippi, goddam

New Yorker zeigen wenig Verständnis, wenn ich ihnen aufgeregt von meinen Reiseplänen nach Mississippi erzähle. "Was willst du bei den Hinterwäldlern?" oder ein süffisantes "Viel Spaß in Amerikas Achselhöhle" bekomme ich dann zu hören. Keiner geht freiwillig nach Mississippi. Es ist Amerikas Schandfleck, ein Entwicklungsgebiet, das die Aufmerksamkeit der Weltbank, der UNO und Angelina Jolies verdienen würde.

Der Staat hat die höchste Analphabetenrate, die meisten Teenagerschwangerschaften und die dicksten Männer und Frauen im ganzen Land. Erst kürzlich wurde Mississippis Lehrern verboten, ihre Schüler mit Handschellen zu fesseln, wenn sie gegen die Schulordnung verstoßen haben. (Ihre Schüler mit einem Paddel disziplinieren dürfen sie hingegen nach wie vor.)

Niemandsland für Touristen

Unterwegs in Amerikas Süden - als Fußgänger, der auf die Gnade öffentlicher Verkehrsmittel und großzügiger Autofahrer angewiesen ist - mache ich halt in Jackson, Mississippis Hauptstadt, einem Dschungel voll wuchernder Natur, in die sich gelegentlich ein paar dürftig asphaltierte Straßen, Fast-Food-Ketten und Apotheken verirrt haben. Es ist ein touristisches Niemandsland, in dem selbst die Einheimischen irritiert sind, wenn sie jemand von auswärts besuchen kommt. John, mein Bekannter in Jackson, entschuldigt sich, dass es kaum etwas für mich zu besichtigen gibt, außer einer Straße und einem Diner, das dem Film "The Help" als Kulisse diente.

Prompt haben mich er und seine Freunde adoptiert, füttern mich mit paniertem Catfish und panierten Essiggurken, zeigen mir stolz ihre Bobostraße im Norden der Stadt und beeindrucken mich mit ihrem Wissen über Literatur, Musik und Geschichte. Gelegentlich verweisen sie stolz und traurig auf die Zeit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg, der Hochblüte Mississippis, als es noch ein reicher Staat war, der nicht als Amerikas Achselhöhle verschrien war.

"Wir sind hier ein bisschen provinziell, das seid ihr aus Europa nicht gewöhnt", meint John. Seine Eltern kamen in den 80er Jahren aus Taiwan nach Mississippi. Anfangs legten ihnen die Einheimischen tote Tiere als Willkommensgeschenk vor die Haustür. Mittlerweile hat man sich an die Asiaten gewöhnt. In der lokalen Hierarchie sind sie immerhin eine Stufe höher angesiedelt als die schwarzen Bürger, gibt mir John zu verstehen.

Segregation ist nach wie vor ein Thema. In den Privatschulen finden sich kaum Schwarze, ihre Hochschulen, die früher ausschließlich für Schwarze zugänglich waren, werden als Ghetto-Universitäten belächelt. Man hat schwarze Bekannte und Freunde, erklären mir John und seine Freunde. Aber ich müsse verstehen, dass die Afroamerikaner eine andere Kultur und Geschichte hätten und der Austausch daher schwierig sei. Aha. So ist es eben in Mississippi, verdammt. (Solmaz Khorsand, derStandard.at, 21.6.2012)

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Interessant...

...das Mississippi als aermster US State mit seinem pro Kopf GDP ($33,000) in der EU noch im guten Mittelfeld unterwegs waere ZB noch vor Italien oder Spanien.

Das durschnitts GDP der EU liegt ebenfalls um die $33,000 - wie Mississippi.

ganz nett,

aber wie kann man bei einem Bericht ueber Mississippi nur den da vergessen?:

http://en.wikipedia.org/wiki/Will... m_Faulkner

Handschellen???

Mir hat mal einer erzählt, Mississippi sei so arm, dass die Sheriffs dort keine Handschellen sondern nur Daumenschrauben haben...

Aber sicher der richtige Ort, um Kämpfer für "Freedom", "They threatened my Daddy" oder "Weapons of Mass Destruction" zu rekrutieren...

Mark Twain erzählte mir vor 60 jahre etwas Anderes...

in den USA sind sogar die Fische fett

... da werden wohl die Bratfette direkt eingeleitet und die Fischerl werden so aufgedunsen fett ;-)

.

Dass es dort soviel Analphabeten gibt und die Lage insgesamt an Detroit, Haiti, Zimbabwe, Nigeria erinnert liegt bestimmt nur an der Segregation...wenn übrigens jemand ein gutes Argument gegen segregation hat würde ich es gerne mal hören, bisher ist mir noch kein gutes untergekommen. Und bezüglich der lokalen Hierarchie...die sollte jedem der in der Welt schon mal rumgekommen ist nicht neu sein. Unter umgekehrten Zeichen findet man sie auch z.b. Beim affirmative Action System in den usa

Ohne Segregation kein Fortschritt

So empfehle ich Ihnen strenge Segregation Ihrer Organe.

Nur weil Ihr Darm Windungen hat, ist er noch lange nicht zum Denken geeignet :-(

oops

- ich dachte asshole.

Ich bin insgesamt sehr fürs ...

... paddeln. https://www.youtube.com/watch?v=WxOS8WYqOfg

war auch mein erster gedanke

Verdammt! Zu spät... ;-)

melting pot of nations my a.....

ich habe rassismus in chicagoland erlebt, als ich mit meinem (schwarzen) arbeitskollegen bei der tankstelle erst sprit bekam, als ich den tankwart grob anging, im grossraum LA ähnliches mit mex freunden.
andererseits auch sehr gute erfahrungen in ga,tx, gemacht, auch in new orleans.

ist eben ein grosses land. soll mal nach w virginia zu den echten rednecks fahren, das ist das wahre america... filmempfehlung http://en.wikipedia.org/wiki/Deliverance

ps...nicht verschwägert mit dem anderen krawuzi

"Deliverance"

Ein richtungsweisendes, stilprägendes und überaus einflussreiches Werk der amerikanischen Filmgeschichte.

Trotz des relativ abschreckenden inhalts des Films, hatte ich immer eine gewisse Sehnsucht, einmal mit dem Pick-Up durch die US Provinz zu fahren...

Auch wenn offensichtlich das Grauen für die New Yorker bereits westlich vom Hudson ist, der "Westen" der USA beginnt westlich vom Mississippi. Und wirklich "wild" wird's erst westlich vom Rio Pecos.

Aber vielleicht verschlägt's ja Frau Khorsand noch dahin, wer weiß.

Anderer Filmtipp...

...weil Sie eben den "rio Pecos" ansprachen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_... r_Roy_Bean

"Wir sind hier ein bisschen provinziell, das seid ihr aus Europa nicht gewöhnt", meint John.

John irrt sich.

war wahrscheinlich noch nie in kärnten ...

K.,...

...die Achselhöhle Österreichs

hatte spontan an einen andern Körperteil gedacht ;-)

Bezugnehmend auf die untergegangene Sonne dieses Bundeslandes als auch der Gesinnung deren Kommilitonen, würde ich eine andere Körperregion assoziieren...

"Wir sind hier ein bisschen provinziell, das seid ihr aus Europa nicht gewöhnt"

Als Wiener weiß man das sehr wohl. Fragen Sie einfach mal bei unserem Liesinger Kanzler nach...

Bobostraße ?

wasn das?

Freihausviertel?

Freihausviertel?

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