Auf der Autobahn

  • BEAK >> alias Geoff Barrow, Billy Fuller und Matt Williams: Acid, Kraut und Rock.
    foto: invada

    BEAK >> alias Geoff Barrow, Billy Fuller und Matt Williams: Acid, Kraut und Rock.

Portishead-Mastermind Geoff Barrow führt mit seinem Trio BEAK >> den deutschen Krautrock der 1970er-Jahre fort

Geoff Barrow stieg Mitte der 1990er-Jahre im britischen Bristol mit seinem Trio Portishead im Gefolge des Welterfolgs der Nachbarsbuben Massive Attack neben Tricky zu einem der drei Hauptacts des Genres TripHop auf. Man hörte faule, heruntergedimmte Vierviertelbeats von HipHop-Platten, die an Stromunterversorgung litten. Es dräuten atmosphärisch dunkle, in Moll-Akkorden gehaltene Arrangements aus der Hardcore-Kifferparanoia- und Twin-Peaks-Soundtrack-Schule. Über diese legte die mindestens als schwierig geltende Hysterieunterdrückungskünstlerin Beth Gibbons ihre unverwechselbar durch nebelige Moorlandschaften irrlichternde Stimme: "Give me a reason to love you."

Gut unterfüttert mit diesem Welterfolg geht Geoff Barrow es seitdem gemütlicher an. 2008 versenkte er mit Third, dem dritten Portishead-Album, unter dem lauten Jubel der internationalen Weltpresse seinen Geldesel mit sperriger wie toller Ruinendisco-Musique-Concréte. Man erinnere sich nur an das abgrundtiefe Bassfrequenzpochen der damaligen Single Machine Gun. Er produzierte auch ein bisschen in der Gegend herum; unter anderem saß er für so unterschiedliche Leute wie Sexbomber Tom Jones, Songwriter Baxter Dury, die Britpopper The Coral, die Gothic-Posterboys The Horrors oder die Neo-Progressive-Rocker Crippled Black Phoenix im Studio und gründete die Plattenfirma Invada.

Dort veröffentlichen nicht nur die letztgenannten Pink-Floyd-Sachverwalter. Geoff Barrow gönnt sich nach dem Debüt Beak> von 2009 und der Begleitung der fantastischen deutschen Kühlschranksängerin und Nico-Verehrerin Anika mit einem selbstbetitelten Dub-Noise- und Minimal-Wave-Rock-Album aus dem Jahr darauf nun mit BEAK>> einen exzentrischen Nachschlag. Wieder stehen die Stücke dieses neuen Albums ganz unter dem Zeichen der freien Studioimprovisation und Klangforschung, wie man sie aus den Zeiten des deutschen Krautrock der 1970er-Jahre von Bands wie Can oder Neu! kennt.

Alte analoge Synthesizer quäken fröhlich. Der von Neu!-Schlagzeuger Klaus Dinger geprägte Maschinenbeat marschiert durch Stadt, Land und über die Autobahn. Dazu pumpt ein Pulsfrequenzbass. Weit im Hintergrund jammert eine Gesangsstimme auf den Spuren Syd Barretts. Geoff Barrow und seine zwei Partner Billy Fuller und Matt Williams verzichten dabei weitgehend auf nachträgliche Studiobearbeitungen. Alles entsteht live. Wulfstan II bildet mit seinen sieben Minuten das energetische Zentrum auf BEAK>>. Ein verzerrter Bass bohrt Löcher in das Universum. Daraus strömt reines Acid. Syd Barrett jubiliert. Eine wimmernde Orgel tut es ihm gleich. Da schlingert eine besoffene Surfgitarre vom Raumschiff Dark Star dazwischen. Der Kapitän versucht , den Kurs zu halten. Gott sei Dank kann sich der Schlagzeuger an den Grundbeat erinnern. Beak>>, ein Drogentrip ohne Reue.

Gerade eben ist auch eine weitere Arbeit Geoff Barrows erschienen. Gemeinsam mit dem BBC-Soundtrack-Komponisten Ben Salisbury entwirft er auf Drokk: Music Inspired By Mega City One einen an die käsige Synthesizermusik eines John Carpenter oder an Vangelis und Blade Runner erinnernden, fiktiven Soundtrack für eine gerade entstehende zweite Verfilmung des Law-and-Order-Comics Judge Dredd. Musik für die Aufstände in Großbritannien sowie für die Occupy-Bewegung. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 22.6.2012)

BEAK>> und Drokk sind bei Invada erschienen. Österreich-Vertrieb: Trost

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