"The King" ist dem Himmel so nah

Lebron James würde auch zum Titelgewinn kriechen - Miami hat heute Nacht den ersten Matchball - Oklahoma City wartet auf die Antwort von Durant

Miami - Plötzlich wurde es still im American Airlines Center. Ganz still. LeBron James lag am Boden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht fasste sich der Superstar der Playoffs an den Oberschenkel, blickte hilflos zur Bank und konnte sich nur mit Hilfe der Betreuer an den Spielfeldrand schleppen.

Bitte nicht schon wieder - in den bangen Blicken der Miami-Fans kamen die Erinnerungen an 2011 hoch, als die Startruppe im letzten Viertel des vierten Spiels den Sieg und am Ende auch den NBA-Titel gegen Dirk Nowitzki und die Dallas Mavericks herschenkte. Aber nicht dieses Mal: "King James" kam trotz seiner Schmerzen unter tosendem Applaus zurück und rettete "auf einem Bein" das 104:98 und damit den dritten Sieg.

"Ich wusste, dass ich nicht verletzt war", sagte James: "Deine Muskeln passen eben auf dich auf. Ich wollte zur Bank, aber sie wollten es mir nicht erlauben." Trotz der Muskelkrämpfe schrammte der dreimalige MVP der regulären Saison mit 26 Punkten, 12 Assists und neun Rebounds nur ganz knapp am "Triple Double" vorbei.

"Du musst eben erst kriechen, bevor du gehen kannst", sagte Dwyane Wade, der mit 25 Punkten seine Galaform der Finalspiele unterstrich: "Wir mussten etwas erleben, dass uns stärker macht, und das war das herzzerreißende Finale im letzten Jahr." Ähnlich wie im Vorjahr gegen die Mavericks schien sich das Blatt im vierten Spiel der Finalserie wieder gegen Miami zu wenden.

James steht besonders im Fokus, denn er lieferte damals mit nur acht Punkten eines seiner schwächsten Spiele überhaupt und leitete das Desaster so ein. Die mittlerweile schon legendäre 39-Grad-Fieber-Gala Nowitzkis brachte die Trendwende. Dallas gewann auch die folgenden beiden Partien und krönte sich zum Meister. "Ich denke, wir haben unsere Weiterentwicklung bewiesen. Wir verstehen jetzt, was nötig ist, um solche Spiele zu gewinnen", behauptet James. In der Tat präsentiert sich sein Team speziell in den Playoffs 2012 deutlich reifer und abgeklärter - abgesehen von einigen Rückfällen. In den Conference Finals gegen die Boston Celtics brillierte vor allem James in den Spielen 6 und 7, die Miami unbedingt gewinnen musste, um in die Finals zurückzukehren.

Oklahoma City is alive

Die Heat könnten auch das erste Team der NBA-Geschichte werden, das drei Playoff-Serien in Folge nach Rückstand noch umgedreht hat. Noch ein Sieg trennt Miami vom erlösenden zweiten Titel der Klubgeschichte nach 2006 und den so oft gescholtenen "King James" vom ersten Meisterring in seiner bislang phantastischen, aber ungekrönten Karriere. Den ersten Matchball hat Miami im Heimspiel heute Nacht.

Noch hat sich Oklahoma, das in der ersten Play-off-Runde Titelverteidiger Dallas ausgeschaltet hatte, aber nicht aufgegeben. Ein bisschen Hoffnung machte die Leistung eines unfassbar guten Russell Westbrook, mit 43 Punkten Topscorer des Abends. Was nützt aber ein Monster-Game, wenn er am Ende ein spielentscheidendes Foul macht, weil er die Wurfuhr nicht im Kopf hatte? Vielleicht führt an LeBron James diesmal einfach kein Weg vorbei. Brutal für OKC ist sicher auch, dass Kevin Durant im letzten Viertel nur vier Punkte erzielte. Auf seine Antwort in Spiel 5 darf man ebenso gespannt sein wie auf die von James Harden. Als dritte starke Scoring-Option konnte er sich in den Finals bisher nicht etablieren. Er trifft einfach nix. Dazu kommen noch Foultroubles, schlechte Freiwurf-Quoten und zu wenig Dominanz der Big men.

OKC-Trainer Scott Brooks hat aber ein stolzes Team in die Finals gecoacht, das nicht abzuschreiben ist: "Wir lagen gegen San Antonio schon 0:2 hinten. Jeder hat uns abgeschrieben, aber wir sind zurückgekommen. In diesem Team steckt viel Kampfgeist. Wir werden die Welt wieder überraschen." (red, sid, derStandard.at, 21.6.2012)

NBA-Finals, Game 5: Miami Heat - Oklahoma City Thunder

22.06., 03:00 Uhr

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