Frankreich sagt Minitel Adieu

21. Juni 2012, 10:21

Mit Minitel lancierte Frankreich in den Achtzigerjahren einen frühreifen Onlinedienst. Am 30. Juni wird der Dienst endgültig abgeschaltet.

Frankreich erfand schon den TGV und das Überschallflugzeug Concorde. Und, was weniger bekannt ist, auch eine Art Internet. Diese 1984 aufgeschaltete Technologie hieß Minitel. Das Bildschirmgerät mit ausklappbarer Tastatur stand zeitweise in jedem dritten Haushalt. Es erlaubte den 15 Millionen Nutzern, Zugtickets zu kaufen, Börsenkurse oder den Wetterbericht einzusehen - und zwar so einfach, dass selbst Technikbanausen damit umgehen konnten.

Das Minitel enthielt Applikationen wie "le kiosque", über den sich Telefonnummern aufrufen ließen. Und nicht zuletzt eine "messagerie rose", das heißt Erotikdienste. Es genügte, 3615 "Amandine" oder 3615 "Venus" zu wählen, und schon unternahm der Benutzer die ersten Annäherungsversuche an die - später so verbreiteten - virtuellen Lustbarkeiten. Diese Programme waren so erfolgreich, dass die Anbieter sogar sogenannte "robottes" (Roboterinnen) einsetzten. "Ich heiße Hélène und suche ein galantes Rendezvous", schrieb dann die automatische Animierdame im Dialogfeld, oder: "Ich bin blond, sportlich und braun gebrannt. Und du, wie bist du?"

Datenbank

Solche züchtigen Zeiten gaben erst einen Vorgeschmack auf die heutigen Pornoangebote im Internet. Minitel war die "erste interaktive, aber zu Hause abrufbare Datenbank für einen Massengebrauch", schreibt Valérie Schafer in einem neuen Buch mit dem Titel Minitel - digitale Kindheit Frankreichs.

Wie das Internet handelte es sich zu Beginn um ein staatliches Projekt: Die französische Regierung wollte mit Minitel das ganze Land auf die numerische Zukunft einstimmen. Das war vorausblickend gedacht: Als der Minitel-Dienst 1984 startete, unternahm das aus dem Arpanet hervorgegangene Internet in den USA gerade seine ersten Gehversuche.

Gratis-Geräte

Die Minitel-Technologie setzte sich in Frankreich schnell durch. Der Staat half kräftig mit, gab er doch die Terminals unentgeltlich an die Haushalte ab. Den Stückpreis von 150 Euro (damals noch 1000 Francs) hatte der staatliche Konzern France Télécom schnell amortisiert. Neun Millionen Geräte spielten in Spitzenjahren wie 1995 Benutzergebühren von mehr als einer Milliarde Euro ein.

Trotzdem setzte sich Minitel weltweit nicht durch. Wie üblich zog Frankreich den Alleingang vor, statt sich wenigstens mit den Europäern abzusprechen. So gelang es auch nicht mehr, den österreichischen und deutschen Bildschirmtext BTX oder Videotext-Systeme in anderen Ländern wie der Schweiz zu integrieren. In den USA trat das World Wide Web derweil seinen Siegeszug an.

Alternativen

France Télécom versuchte zuerst noch als Gegenmaßnahme, Internet-Dienste oder den E-Mail-Verkehr auf dem Minitel-Bildschirm zu ermöglichen. 1998 verbrachten die Franzosen aber erstmals mehr Stunden pro Monat vor dem PC - nämlich 6,5 Millionen - als vor dem Minitel. Dessen Ende war besiegelt.

Erstaunlich ist eigentlich nur, dass sich das Minitel bis heute gehalten hat. Noch sind 810.000 dieser braun-beigen Apparate in Gebrauch; 1800 von einmal 25.000 Anbieterdiensten sind noch aktiv. Das spricht immerhin für die Qualitäten des französischen Steinzeit-Internets: Auch ältere oder fernab der Zivilisation lebende Franzosen kommen damit schnell und praktisch an die gewünschte Information.

Oder, besser gesagt, kamen: Am 30. Juni wird Minitel nach mehreren Aufschüben endgültig abgeschaltet. Auch Frankreich geht schließlich mit der Zeit. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD Printausgabe, 21.06.12)

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Die gab's noch?

Meine Güte!

jessas...

...mein gehirn hat gerade den seit Jahren verborgenen Begriff "Mupid" ausgegraben. :)

Das war damals schon klar, dass das Teil kein Erfolg wird.
Hab niemanden gekannt, der das jemals gesehen, geschweige denn gehabt hat.

ich schon

... marandjosef!

Was für ein Wort!
Das konnte ja nur schief gehen!

Während ein smarter Name, wie Minitel, der zog.
Ganz abgesehen von der Technik...

Ich steh auf so was.

Habe extra einen Akustikkoppler gebaut, um "das Gefühl der frühen 80er" auferstehen zu lassen.

Was mir nur fehlt: Kann man sich eigentlich irgendwie öffentlich anrufen lassen? Ich meine, mir ist bekannt, dass man Telefonzellen in Ö und DE nicht anrufen kann... aber geht das sonst wie? Hat jemand Erfahrungen?

mir ist bekannt, dass man Telefonzellen in Ö und DE nicht anrufen kann...

Ach so?

Früher gab's diese Telefonzellen mit einem grünen "R" drauf, die konnte man auch anrufen. Ich dachte, das hätte sich mittlerweile weit verbreitet...

Ich bin mir fast sicher, dass man mittlerweile fast jede Telefonzelle auch anrufen kann...

So weit ich weiß, kann man in Ö die meisten Öffentlichen uch anrufen.

Nur, wo gibts noch welche?
Auch hab ich seit vielen Jahren keinen mehr angerührt.

Ich seh

durchaus noch welche - es sind halt weniger, aber auf der Mariahilferstrasse sind einige, sogar in kleineren Ortschaften sehe ich noch welche....
Wenn man sie nciht braucht, schaut man nicht so danach ;)

Geben tut's die schon noch. Nur meistens ohne "Zelle", sondern nur mit einer offenen Halbkugel. Damit fallen sie auch nicht so auf. Aber ist klar, dass es immer weniger werden...

In Frankreich können sie jede öffentliche Telefonzelle anrufen (Nummer seht in der Telefonzelle geschrieben).
Von anderen Ländern weiß ich es nicht.

Private Access Network (PAN)

Gibt es in Oesterreich eigentlich das PAN noch? War der Oesterreichs Flavour des BTX, und um 1994 herum 'relativ' beliebt. Hab mich da mal zum Jucks um 2000 eingewaehlt und das war doch schon sehr einsam dort ... aber noch voll funktionstuechtig.

Ich gehe mal davon aus das ist mittlerweile auch schon abgedreht. Aber an eine grosse Presseaussendung kann ich mich nicht erinnern.

das wurde wohl mit BTX vor 11 Jahren eingestellt.

Das war saugeil in Frankreich - die hatten schon seit Jahrzehnten keine Papiertelefonbücher mehr^^

Ja, Frankreich war um mehr als ein Jahrzehnt vorne!

Aber, das Marketing...

Stimmt nicht ganz. Ich wohn seit 1991 in Frankreich und krieg noch immer alljährlich Pages Blanches und Pages Jaunes zugestellt. Ob ich will oder nicht.

Aber war das damals nicht der eigentliche, oder zumindest der offizielle Grund der Einführung von Minitel?
Die Abschaffung der Telefonbücher.

kann mich gut erinnern, damals in Frankreich zu Besuch bei Freunden, wie verrückt die Franzosen danach waren, und praktisch war es auch ;-)

Die USA gewinnen am Ende immer.

Weil wir alles eben besser, größer, schneller machen, bis auf den stinkenden Käse natürlich.

WWW war eine CERN-Technologie.

Das WWW haette es ohne apple/next erst Jahre spaeter gegeben.

Du solltest Dir einmal die Geschichte der Webbrowser ansehen.

der erste "web-server" war nun einmal ein Next cube. das hat mit der historie von browsern herzlich wenig zu tun ;)

daraus

zu schließen ohne next hätte es kein www gegeben ist kühn.

- Welcher Zug in den USA ist den schneller als der französische TGV?
- Welches Flugzeug ist grösser als der A380?
- Welches Strassennetz in den USA ist besser ausgebaut als das excellente Netz in Frankreich?
- Welches amerikanische Auto ist schneller als der Deutsch/Italienische Bugatti Veyron?

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