Be-Sitzer gesucht

  • Eine wasserdichte Plane, ein paar Karbonstaberln, ein Brett, und fertig ist das Boot. Eigentlich nicht viel mehr als ein umgedrehtes Zelt, man muss nur die Idee haben. Thibault Penven von der Kunstakademie Lausanne hatte sie.
    foto: ecal / nicolas genta

    Eine wasserdichte Plane, ein paar Karbonstaberln, ein Brett, und fertig ist das Boot. Eigentlich nicht viel mehr als ein umgedrehtes Zelt, man muss nur die Idee haben. Thibault Penven von der Kunstakademie Lausanne hatte sie.

Das Forum Design Miami/Basel hat hinter der Kunstmesse seinen Platz gefunden - Die Galerien zeigen teure, seltene Möbel aus den letzten hundert Jahren, doch auch Zukunftsträchtiges hat Platz

Die Grenzen zwischen Kunst und Design, schon lange nicht mehr wirklich respektiert, werden immer fließender. So hat die Art Basel in Miami 2005 ein Gestalteranhängsel bekommen. Das wurde dann in die Schweiz reimportiert und fand seinen Platz neben der großen Kunstmesse als Forum Design Miami/Basel. Die Nähe will genutzt sein - Kunstsammler sollen auch hier fündig werden, es locken ähnlich bekannte Namen und immer wieder Gebrauchskunst mit Seltenheitswert oder gar Unikate. Gleich beim Eingang etwa hat die Pariser Galerie Patrick Seguin dem großen Gestalter Jean Prouvé nicht nur einen Stand gewidmet, er ist eigentlich der Stand. Genauer: Ein komplettes, von ihm 1949 entworfenes Aluminiumhaus steht in der Halle. Ursprünglich war es als seriell taugliches Modell für Landschulen und Lehrerwohnhäuser gedacht. Es kann, wie ein Zeitraffervideo zeigt, in kürzester Zeit aufgestellt werden, und seine Konstruktion lässt viel Spielraum im Inneren. Der Galerie dient sie als Schauraum, natürlich für Prouvé-Möbel.

"Kiesler" um 400.000 EURO be-sitzen

Auch Downtown / François Laffanour hat den französischen Designer ausgestellt. Immerhin geht es hier um Tische und Stühle, die in großen Serien gefertigt wurden und daher durchaus noch da und dort in Gebrauch sind. Das kann man von den Originalen der Tisch-Hocker-Kombis nicht sagen, die Friedrich bzw. Frederick Kiesler Anfang der 1940erJahre für Peggy Guggenheims New Yorker Galerie entwarf. Über Privatbesitzer sind sie an Ulrich Fiedler (Berlin) gelangt, der stellt sie stilecht vor einem Wandbehang von Jean Arp aus. Wem die Re-Editionen von Wittmann zu neu sind: Um 400.000 Euro kann er oder sie die ursprünglichen "Instrumente" (so nannte Kiesler sie) be-sitzen. Die New Yorker Galerie Hostler Burrows, schon früher in Basel präsent, bevorzugt skandinavische Möbel, auch solche, die Josef Frank in der schwedischen Emigration entwarf. Von ihm haben sie einige schöne und sehr gut erhaltene Tische und Lampen ausgestellt.

Hochglanz-Design aus Moskau

Neu auf der Messe ist die Moskauer Galerie Heritage - mit einem ungewöhnlichen Angebot: Die Leiterinnen suchen gezielt nach Möbeln aus der sowjetischen Periode, insbesondere nach Entwürfen der Sechziger- und Siebzigerjahre, die vergleichbar mit unseren Schöner- wohnen-Entwürfen Qualität in die Wohnsiedlungen bringen sollten. Nach der Wende oft auf den Müll geschmissen, werden ihre soliden Qualitäten jetzt wiederentdeckt, laut Heritage sogar von russischen Käufern. Auf Hochglanz polierte Tische und Schränke stehen bereit, dekoriert mit weitaus exzentrischerem Design: Keramiken der Suprematisten aus den revolutionären Zwanzigerjahren. Ein Rundgang bestätigt, was Marianne Goebl, die österreichische Direktorin der Design Miami/Basel, als Anspruch formuliert: "Beispiele gegenwärtigen Designs, aber auch bedeutende historische Arbeiten zu präsentieren." Vom frühen zwanzigsten Jahrhundert bis zum Vorjahr reicht das Angebot, es konzentriert sich vor allem auf Inneneinrichtung, in zweiter Linie auf Schmuck. Gelegentlich sind technische Objekte zu sehen, etwa eine kreative umständliche Art, die Zeit an der Wand abzulesen, oder fast funktionsfreie Objekte, wie man sie auch nebenan auf der Art Basel finden kann.

Zukunftsweisender Hochschul-Wettbewerb

Auffallend sind die vielen fließenden, organischen Formen auf dem Design-Forum, oft in warmen Holztönen. Gestalter aus Frankreich, Italien oder Südkorea lassen Regale auskragen, Sitzmöbel sich ausbeulen und Paravents sich extrem wölben, als ob Luigi Colani verspätet auf fruchtbaren Boden gefallen wäre. Design als Experimentierfeld zum Problemlösen ist zu ebener Erde kaum anzutreffen. Im oberen Stock aber hat "Be Open" seinen Stand. Es zeigt die Ergebnisse eines Wettbewerbs "inside the academy", zwischen sechs europäischen Hochschulen für Gestaltung. Anhand von Studentenprojekten wurde beurteilt, wo am besten auf "Impact" und Zukunftstauglichkeit geachtet wird. Die Ideen reichten von einem System, Gehörlosen per "Knochenlautsprecher" zum Hören zu verhelfen (La Cambre, Belgien) bis zum Prototypen eines Ruderboots, das sich einfach wie ein Zelt zusammenbauen lässt (Ecole cantonale d'art de Lausanne; siehe Bild unten).

Zum Sieger kürte die Jury das Sandberg Instituut in Amsterdam, dessen Studenten unter anderem einen schwimmenden Wald entwarfen und eine Tapete mit einem Endloscartoon über die Unmöglichkeit, Großraumbüros zu entkommen. Dieses Problem allerdings werden die wenigsten Besucher des Forums haben. (Michael Freund, Rondo, DER STANDARD, 22.6.2012)

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