Diane von Fürsten- berg: "Hausfrau war ich nie!"

Interview |
  • Es muss nicht immer ein Wickelkleid sein: Diane von Fürstenbergs aktuelle 
Kollektion.
    foto: dapd/kathy willens

    Es muss nicht immer ein Wickelkleid sein: Diane von Fürstenbergs aktuelle Kollektion.

Diane von Fürstenberg ist so etwas wie die Königin der New Yorker Modeszene - Im Gespräch über reiche Prinzen, geerbte Kleider, und warum Frauen niemals schwach sind

In New Yorks Meatpacking District, wo nur noch das Kopfsteinpflaster an die ehemaligen Schlachthöfe erinnert, befindet sich heute eine schicke Modeboutique neben der anderen. Dass Diane von Fürstenberg ein Imperium geschaffen hat, wird klar, wenn man ihr Gebäude auch nur von außen sieht. Ebenerdig die Boutique, durch deren riesige Fenster man ihre neue Kollektion, die in hellen, frühlingshaften Farben und Mustern gehalten ist, betrachten kann.

Im ersten Stock liegt ihr Studio: der Teppich mit Leopardenmuster, eine knallrosa Wand, mit dem berühmten Lippensofa von Salvadore Dalí davor, Tische, voll mit Orchideen, und überall afrikanische Statuen; in der Ecke ein riesiger Globus, dahinter an den Wänden Fotos von ihrer Familie. Diane von Fürstenberg steht hinter einem langen schmalen Konferenztisch, der von bunten Franz-West-Stühlen umgeben ist. Erstaunlich zierlich wirkt sie. Sie schlüpft aus ihren flachen Sandalen und zieht mit lässiger Eleganz ihre schönen, nackten Beine an, um es sich auf dem Sofa bequem zu machen.

STANDARD: Tragen Sie immer Ihre eigenen Designs?

Diane von Fürstenberg: Ja, mit dem größten Vergnügen.

STANDARD: Schaut toll aus.

Von Fürstenberg: Danke. Ich gehöre zu den Frauen, die beschlossen haben, nicht an sich herumzudoktern. Wenn ich in die Gesichter von operierten, gelifteten oder gebotoxten Frauen schaue, erfüllt es mich mit Angst und Bangen. Meine Falten wegzubügeln würde für mich bedeuten, meine Vergangenheit auszulöschen. Das würde mich verunsichern.

STANDARD: Lassen Sie uns über Ihre Vergangenheit sprechen. Mit 21 Jahren heirateten Sie Prinz Egon von Fürstenberg. Die Familie Ihres Mannes war anfangs nicht gerade begeistert von der Verbindung. Wie gingen Sie damit um?

Von Fürstenberg: Sein Vater war nicht glücklich über unsere Ehe, da ich Jüdin bin. Das traf mich natürlich. Aber es stellte sich als ein nicht allzu großes Problem dar, nachdem Egon immer zu mir hielt. Außerdem zogen wir sehr bald nach New York.

STANDARD: War es in Ihren Kreisen nicht unüblich, als Frau einen Beruf auszuüben?

Von Fürstenberg: Ich wollte immer arbeiten. Vor allem, als ich Egon heiratete. Ich wollte nicht, dass alle nur denken, ich habe mir einen reichen Prinz geangelt. Und er unterstützte mich sehr darin, meine Karriere zu verfolgen. Nur Hausfrau zu sein hätte ich nicht ausgehalten. Meine Freiheit bedeutet mir alles.

STANDARD: Wie kam es zu Ihrer Kleiderkollektion?

Von Fürstenberg: Als Teenager bekam ich ein Pucci-Shirt geschenkt, das fand ich sensationell. Später hatte ich die Idee, so etwas Ähnliches zu machen, also designte ich ein Hemdkleid, was eigentlich nichts Neues war. Was neu war, ist, dass ich Jersey verwendete, der sich dem Körper herrlich anpasst. Ich fragte Angelo Ferretti, den Stoffproduzenten, für den ich vorher arbeitete, ob ich ein paar Probekleider bei ihm in Italien herstellen lassen dürfte. Die wollte ich dann in Amerika verkaufen. Die 70er-Jahre waren die Zeit der Jeans und Glockenhosen. Plötzlich kam ich daher und machte dieses nette bürgerliche Kleid. Das hat damals einfach gefehlt.

STANDARD: 1974 entstand Ihr ikonisches Wickelkleid. Wie sehr hat sich das Kleid bis heute verändert?

Von Fürstenberg: Das Wickelkleid ist noch immer mein Bestseller. Die Länge variiert ein bisschen, wir haben ein paar neue Muster kreiert und ein paar alte Muster wieder neu aufgenommen. Es ist interessant, dass das Wickelkleid meistens von jungen Frauen gekauft wird; wenn sie älter werden, tragen sie es nicht mehr. Dafür tragen es dann ihre Töchter. So geht es von Generation zu Generation. Das gibt es bei keinem anderen Kleid. Meine Kollektion ist heute natürlich viel größer als damals. Wir haben zusätzlich Strandmode und Accessoires. Aber die Frau, für die ich es entworfen habe, ist dieselbe geblieben. Es ist die Frau, die ich heute bin und die ich immer werden wollte, als ich jung war. Sie ist mutig, unabhängig und hat ihr Schicksal in der Hand.

STANDARD: Sollte diese Frau auch so zierlich sein, wie Sie es sind?

Von Fürstenberg: Nein, für meine Kleider - vor allem für das Wickelkleid - muss man gar nicht zierlich oder dünn sein. Mir persönlich gefällt es mit ein paar Rundungen sogar besser. Am Anfang meiner Karriere reiste ich mit einem Koffer, voll von meinen Designs, durch Amerika. Tausende Frauen probierten sie, und es passte jeder Einzelnen. Aber die Frau entscheidet, ob sie sich darin gefällt oder nicht. Damals verkaufte ich in fünf Jahren fünf Millionen Kleider. Ein Kleid soll wie eine beste Freundin sein.

STANDARD: Glauben Sie, dass Frauen anders entwerfen als Männer?

Von Fürstenberg: Frauen machen Kleidung, Männer Kostüme. Und das sagt Christian Lacroix, nicht ich! Es ist tatsächlich so. Männer arbeiten nicht gerne mit Jersey, aber weibliche Designer, von Coco Chanel über Schiaparelli bis zu Sonia Rykiel und Donna Karan, lieben ihn. Sie wissen, wie es sich darin lebt und fühlt. Jersey ist wie eine zweite Haut.

STANDARD: Es gab eine Zeit in Ihrem Leben, da hörten Sie auf zu arbeiten. Das war 1985, als Sie am Zenit Ihrer beruflichen Laufbahn standen. Sie zogen nach Europa und wurden Hausfrau.

Von Fürstenberg: Nein, Hausfrau war ich nie! Ich habe mit einem Schriftsteller gelebt (Anm.: Alain Elkann). Ich war seine Muse, führte einen literarischen Salon und gründete den Verlag Salvy. Ich habe immer gearbeitet.

STANDARD: Ihre Kinder meinten, dass Sie sich in den Pariser Jahren wie eine Lehrerin kleideten.

Von Fürstenberg: Meine Kinder machten sich immer über mich lustig, dass ich keinen eigenen Stil habe, sondern mich meinem jeweiligen Mann anpasse.

STANDARD: Hatten Sie je das Bedürfnis, Hausfrau zu sein?

Von Fürstenberg: Niemals. Ich will die Frau eines Mannes sein, seine Geliebte, Vertraute und Komplizin. Ehefrau und Hausfrau? Natürlich bin ich die Ehefrau meines Mannes (Anm.: Sie ist heute mit dem Medienmogul Barry Diller verheiratet), aber viel wichtiger ist es mir, die Frau seines Lebens zu sein.

STANDARD: Nach fünf Jahren Paris zogen Sie nach New York zurück. Bereuen Sie die Unterbrechung Ihrer Designerkarriere?

Von Fürstenberg: Auf die Gefahr hin, dass es abgedroschen klingt: Man bereut nie die Dinge, die man getan hat, sondern immer nur jene, die man nicht getan hat. Ich wollte diese Beziehung unbedingt leben, und ich wollte etwas anderes ausprobieren. Deshalb verkaufte ich damals meine Firma und zog nach Paris. Und ja, als ich nach fünf Jahren wieder nach New York zurückkehrte, war es schwer. Ich hatte meine Identität als Designerin verloren und eigentlich mein ganzes Leben hier. Das war schwer, wahnsinnig schwer.

STANDARD: 1998 hatten Sie ein triumphales Comeback. Wie gelang das?

Von Fürstenberg: Ich setzte alles daran, meine Firma wieder aufzubauen. Wie Sie sehen, ist es mir gelungen. Gott sei Dank.

STANDARD: Waren Sie immer so selbstbewusst?

Von Fürstenberg: Ja, eigentlich schon. Natürlich habe ich Momente der Unsicherheit, und ich hasse sie! Diese passieren immer nur, wenn in meinem Leben Verwirrung ist. Also bemühe ich mich um Klarheit. Klarheit und Strategie.

STANDARD: Frauen sind wahrlich nicht das schwache Geschlecht.

Von Fürstenberg: Nein, ich kenne keine Frau, die schwach ist. Keine. Manchmal zeigt es sich nicht gleich, aufgrund von gesellschaftlichen, religiösen oder sonstigen Umständen. Aber wenn es darauf ankommt, wächst jede Frau über sich hinaus. Ich liebe Männer, aber für Frauen hege ich Bewunderung. Ihre Geschichten inspirieren mich.

STANDARD: Allen voran die Ihrer Mutter?

Von Fürstenberg: Meine Mutter überlebte den Holocaust. Ihr Mantra war: "Angst ist keine Option. Mach weiter." Das gab sie mir mit.

STANDARD: Und was wollen Sie Frauen weitergeben?

Von Fürstenberg: Die wichtigste Beziehung ist die zu sich selbst. Wenn die funktioniert, funktionieren alle anderen Beziehungen auch. Aber sich selbst zu mögen, das erfordert sehr viel Arbeit.

STANDARD: Was denken Sie über das Alter?

Von Fürstenberg: Das Alter sollte keine Belastung sein, sondern eine Bereicherung. Man hat gelebt, man hat Erfahrungen gemacht, dadurch ist man weiser und gelassener. Man hat all diese Dinge hinter sich stehen, Arbeit, Familie, Liebe, Kinder. All das reflektiert das gelebte Leben wieder und sollte uns daher stärken, nicht schwächen. Natürlich, die Haut wird schlaffer, bekommt Flecken, aber was soll's. Das muss man akzeptieren und das Beste daraus machen. So einfach ist das. (Cordula Reyer, Rondo, DER STANDARD , 22.06.2012)

Zur Person

Diane von Fürstenberg wurde 1946 in Brüssel geboren. Sie heiratete Prinz Egon von Fürstenberg, mit dem sie nach New York zog und von dem sie sich nach der Geburt ihres zweiten Kindes scheiden ließ. 1973 entwarf sie das sogenannete "Wickelkleid", das bis heute ihr berühmtester Entwurf ist. In den Achtzigern verabschiedete sie sich vom Modegeschäft, Ende der Neunziger kehrte sie zurück. Sie führt die erfolgreiche, auf ihren Namen lautende Modelinie und ist Präsidentin des Council of Fashion Designers of America.

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