Lehrergeschenke

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    foto: dpa/marc müller

Von Fersengeldern, Dinkelkörnern und der Macht der Notengebung

Pro: Rare Güter
Von Ronald Pohl

Man kann den Mitmenschen in unserer schnelllebigen Zeit gar nicht genug Geschenke machen. Kleine Geschenke sind das A und O unseres Zusammenlebens. Der aufgeschlossene Mensch beginnt mit dem Schenken günstigstenfalls schon frühmorgens: zu jener Stunde also, wenn die Langschläfer noch das Granulat aus den Augen kratzen, das ihnen der Sandmann vorbeigebracht hat.

Geschenke sind keine Frage des Geldes. Man schenkt der Semmelschlichterin in der Industriebackstube einen Augenaufschlag: Das genügt völlig. Das Retourgeld in der Bäckerei - meistens eine ungerade Zahl kupferner Cent-Stücke! - könnte man sich auch schenken. Aber das wäre, mit Blick auf die handverlesenen Dinkelkörner, unredlich.

Das schönste Geschenk, das man einem Schulpädagogen machen kann, ist Fersengeld. Mit diesem entgilt man dem Lehrer sein ungebetenes Auftauchen: etwa wenn man als Schüler die Lunge gerade mit Rauchinhaltsstoffen bewirtschaftet. Man soll Lehrer reich beschenken. Am besten schenkt man ihnen Aufmerksamkeit.


Kontra: Kein Wort dagegen
Von Eric Frey

Gewisse Artikel sollte man erst gar nicht beginnen - nicht wenn die Tochter zwar gerade Matura gemacht hat und damit aus der Gefahrenzone heraus ist, aber der Herr Sohn noch mindestens vier Jahre vor sich hat, in denen er von der Gunst von Menschen abhängig ist, deren Intelligenz er zwar geringschätzt, die ihm aber dank der Macht der Notengebung eindeutig überlegen sind.

Daher habe ich mir geschworen, bis Juni 2016 keinen Kommentar gegen Lehrer zu schreiben. Und auch eine Tirade gegen die Unart der Lehrergeschenke werde ich mir verkneifen. Das mühsame Nachdenken, was denn gefallen könnte; das frustrierende Einsammeln kleiner Beträge in der Klasse; die Mahnungen an jene Eltern, die nicht und nicht zahlen wollen; und dann die peinliche Übergabe durch die Kinder, die nach dem schrecklichen Schuljahr kaum in Geberlaune sind - kein Wort dagegen kommt von mir.

Aber werden Lehrergeschenke nicht ohnehin im neuen Antikorruptionsgesetz untersagt? Dann bedarf es dieses Kontras gar nicht. (Rondo, DER STANDARD, 22.6.2012)

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