Auf Festungsbesuch im Hietzinger Cottage

20. Juni 2012, 19:01
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Die Wiener Theatergruppe Fritzpunkt beschließt ihre Marianne-Fritz-Exerzitien

Wien - Mit einer "Zertrümmerung der Anschauung durch die Verhältnisse" beschließt Fritzpunkt, das Wiener "Büro für theatralische Sofortmaßnahmen", seine obsessive Beschäftigung mit dem zerklüfteten Romanwerk von Marianne Fritz (1948-2007). Wer ab Donnerstag das Fritz-Quartier in der Wiener Eitelbergergasse besucht, kann von einem mehrgeschoßigen Theaterangebot in Eigenverantwortung Gebrauch machen.

Auf der "Ebene 0" werden Fritz-Texte rezitiert, Absprengungen aus einem beinahe unzugänglichen Festungsmassiv. Naturgemäß, dieses vieltausendseitige Opus summum aus der Feder der eigenwilligen Autorin, handelt von der galizischen Festung Przemysl: einem Sperrfort aus Kasematten und Zisternen, um dessen Besitz die Heere der Donau-Monarchie und Russlands von 1914 an blutig miteinander rangen. Fritzens Text meint jedoch mehr als nur die Erinnerung an ein episodisches Weltkriegsmassaker. Im Schatten dieses eigenartigen Romans, der sich jedem vorschnellen Verständnis durch Grammatik und Textanordnung entzieht, haben die beiden Fritzpunkt-Macher Anne Mertin und Fred Büchel einen öffentlichen Prozess in Gang gesetzt.

Die vieljährigen Anstrengungen des Stadt Theaters Wien zielen auf eine Angebotsleistung. Man sucht kaum gekennzeichnete Plätze auf, beschallt ungewöhnliche "Locations", versenkt sich in ungebräuchliche Modelle der Wissensaneignung. Der paradoxe Fluchtpunkt all dieser Operationen mündet in ein Einbekenntnis: Eingeübt wird eine "Kunst des Nichtverstehens", die an den literarischen Praktiken der Einzelgängerin Fritz ihr Maß nimmt.

"Die Schläfer oder Die Zertrümmerung der Verhältnisse durch die Anschauung" ist ein theatralisches Fest in dreistufiger Form. In Die Kunst des Deutens wird man zum Mitmachen und -reden aufgefordert. Der Zuschauer kann sich anschließend als Schläfer in ein Kabäuschen zurückziehen, muss aber jederzeit mit textlichen Interventionen rechnen. Le Cerveau (was "Gehirn" und "Dachboden" bedeutet) bildet das Auffangbecken für gestresste Zuschauer.

Ein Symposium am 1. Juli versammelt schließlich Gelehrte wie Hans-Thies Lehmann und Klaus Kastberger in Wien-Hietzing. Anne Mertin: "Wir veranstalten kleine Festungswochen!" Die Zugbrücke klappt herunter. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 21.6.2012)

13., Eitelbergerg. 4, 20 Uhr

Info

fritzpunkt.at

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In ihrem Namen operiert das Stadt Theater Wien seit Jahren: Marianne Fritz.
 
    foto: fritzpunkt


    In ihrem Namen operiert das Stadt Theater Wien seit Jahren: Marianne Fritz.

     

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