"Änderungen kosten Kreditgeber nichts"

Interview20. Juni 2012, 17:46
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Ökonom Nicholas Economides plädiert für längere Fristen beim Sparprogramm der Griechen und Investitionen der EU in die Infrastruktur des Landes

STANDARD: Wie viel Raum für Neuverhandlungen mit den Kreditgebern gibt es wirklich?

Nicholas Economides: Ich sehe drei Änderungen in den Kreditvereinbarungen, die die neue Regierung vorschlagen kann und mit denen die Kreditgeber ganz gut leben können. Der erste Punkt ist die Budgetkonsolidierung. Ihr Tempo und ihre Bedingungen könnten geändert werden - weniger schnell, weniger scharf. Der Zeitraum lässt sich strecken, auf zwei, vielleicht drei Jahre mehr, aber das Ziel bleibt dasselbe. Als der Rahmen dafür gesetzt wurde, hatte man eine sehr viel moderatere Rezession in Griechenland erwartet; jetzt ist sie ziemlich tief. Der Rahmen für die Budgetkonsolidierung, der vereinbart wurde, und die derzeitigen Verhältnisse passen meiner Ansicht nach nicht mehr zusammen.

Die zweite Änderung wäre: deutlich mehr Mittel aus EU-Fonds für Infrastrukturverbesserungen. Private Investitionen sind derzeit sehr schwierig. Es würde Griechenland sehr viel helfen, wenn es von Europa solche Investitionen in Infrastrukturprojekte bekäme.

STANDARD: Ein bisschen Straßenbau wird nicht gleich das Investitionsklima im Land ändern und ausländische Investoren anziehen.

Economides: Es brächte Beschäftigung, es würde Griechenland etwas aus der Rezession führen. Und wenn es nicht nur Straßenbau wäre, sondern auch Projekte für erneuerbare Energie - was die Nordeuropäer sehr interessiert - und mit beträchtlichen Investitionsvolumen, dann brächte es tatsächlich in kurzer Zeit einen Wandel.

Das ist also die zweite Änderung an den Kreditvereinbarungen. Die dritte wäre eine mögliche Verschiebung der Zinszahlungen für die bilateralen Anleihen, die Griechenland bei den europäischen Ländern aufgenommen hat, für ein paar Jahre. Die Zinsen würden nicht einfach gestrichen werden, sondern später bezahlt. Es wäre sehr hilfreich für die griechische Wirtschaft und würde andererseits für die Gläubiger keinen großen Unterschied machen: Sie bekommen ja das Geld. Alle diese Änderungen an den Kreditvereinbarungen sind absolut machbar und kosten die Kreditgeber auch kein zusätzliches Geld.

STANDARD: Trotzdem: Solche Zugeständnisse an Athen brauchen wohl eine Gegenleistung. Was muss die neue Regierung tun?

Economides: Sie muss radikale neue Maßnahmen für die Wirtschaft treffen. Die wirkliche Gefahr wäre, wenn sie es nicht tut. Die neue Regierung muss die Strukturreformen durchführen, die vereinbart waren, aber nicht umgesetzt wurden. Einige bringen langfristig Ergebnisse, andere sehr schnell. Diese Regierung muss die Prioritäten erkennen und die Reformen durchsetzen, die sofort zu Resultaten führen. Es geht um zwei: die Liberalisierung "geschlossener" Berufszweige und die Steuereintreibung. Nur 50 bis 60 Prozent der Steuern werden tatsächlich eingetrieben. Man hat nicht den Eindruck, dass das System der Steuereintreibung mit voller Kraft reformiert wurde. Nehmen Sie ein Beispiel aus den USA: Al Capone. Er hat hunderte Menschen umgebracht, niemand stellte ihn vor Gericht. Dann schuf die Regierung eine neue Behörde - das FBI - mit neuen Leuten, nicht korrumpiert. Sie haben Al Capone gefasst, wegen Steuerhinterziehung übrigens.

STANDARD: Ist dies die Regierung der letzten Chance?

Economides: Griechenland hat es am Sonntag geschafft, den "plötzlichen Tod" zu vermeiden. (Ein Wahlsieg der Linksradikalen hätte mutmaßlich den Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone beschleunigt, Anm.) Jetzt hat das Land die letzte Chance oder eine der allerletzten Chancen, die Sachen richtig zu machen. (Markus Bernath, DER STANDARD, 21.6.2012)

Nicholas Economides ist Professor für Wirtschaft an der Stern School of Business der New York University.

  • Die neue Regierung in Griechenland muss radikale neue Maßnahmen treffen, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Nicholas Economides.
    foto: bernath

    Die neue Regierung in Griechenland muss radikale neue Maßnahmen treffen, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Nicholas Economides.

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