Der Jäger des Nutzlosen

  • Dr. Oldale erkundet Österreich: Sigmund Freud seziert Fische, man tanzt 
Walzer, und "The Sound Of Music" wie hier mit Uwe Kröger in Salzburg 
2011 gibt es auch.
    vergrößern 750x500
    foto: apa / salzburger landestheater/christina canaval

    Dr. Oldale erkundet Österreich: Sigmund Freud seziert Fische, man tanzt Walzer, und "The Sound Of Music" wie hier mit Uwe Kröger in Salzburg 2011 gibt es auch.

Mit "Dr. Oldales geografischem Lexikon" bereichert der britische Weltreisende John Oldale die Bahnhofsbuchhandel- und Mitbringsel-Literatur um einen heiteren, vergnüglichen Klassiker. Österreich und die Trapp-Familie kommen auch drin vor.

Wien - Man wundert sich zwar hierzulande grundsätzlich über nicht mehr viel. In Österreich gibt es immer schon alles, was man sich vorstellen kann - obwohl man es sich oft gar nicht gewünscht hat. Wenn aber einmal das Ausland einen Blick auf das Inland wirft und dabei nicht gerade die resche Finanzministerin, die richtige Zubereitung eines Schnitzels oder japanische Luxusklasse-Diskonthochzeiten im Schloss Mirabell im Auge hat, kommen dabei oft Sachen zutage, von denen man sich trotzdem noch nie gedacht hat, dass es sie überhaupt geben könnte.

Man nennt dieses unvermutet gewonnene Wissen über Dinge und Sachverhalte das nutzlose Wissen. Nutzloses Wissen zeichnet sich dadurch aus, dass man es zwar niemals einsetzen wird können. Höchstens einmal, dass man eine Tischrunde mit angeblichen österreichischen Sprichwörtern quälen kann: "Für die Männer ist die Jagd wie ein Tanz, für die Frauen ist der Tanz die Jagd."

Aber andererseits ist es vielleicht einmal bei Armin Assinger in der "Millionenshow" günstig, wenn man für 50.000 Euro weiß, dass Anton Bruckner, Franz Schubert und Ludwig van Beethoven und auch Gustav Mahler starben, nachdem sie jeweils neun Symphonien geschrieben hatten. Der von seinen "Kindertotenliedern" hinreichend alarmierte Gustav Mahler wollte diesen Fluch zwar mit falscher Nummerierung rechtzeitig austricksen, aber so eine falsche Buchhaltung geht manchmal nach hinten los.

John Oldale ist im bürgerlichen Beruf Rechtsanwalt und im richtigen Leben ein reisewütiges Mitglied der britischen Royal Geographical Society. Er spricht fünf Sprachen und hat während der letzten 30 Jahre über 90 Länder der Welt erkundet, um darüber journalistisch und auf seinem hübsch betitelten Blog Ubernomad.com zu berichten. Besonderes Augenmerk legt Oldale dabei auf das Schattseitige und Obskure, Heitere und Exzentrische.

Sein nun vorliegendes und hübsch bebildertes Buch "Dr. Oldales geographisches Lexikon" über seine globalen Reiseerkenntnisse ist dabei eine veritable Mogelpackung, wie sie gern in sogenannten Bahnhofsbuchhandlungen aufliegt. Ein "Lexikon" täuscht Methode, System, Genauigkeit und kühle sachliche Strenge vor. Dies hier liest sich eher als internationale Gerichtschronik, Freakshow, Reiseempfehlungen des Außenamts und Professor Heinz Oberhummer in "Science Busters".

Man wusste Minuten vor dem Kauf nicht, dass man ohne so eine sinnlose Zusammenballung an Wissenssperrmüll nicht länger leben kann. Man ist aber zu Hause bei der Lektüre an Orten, die man am liebsten für sich allein hat, erheblich fasziniert. Wie gesagt geht es um nützlichen Inhalt versprechende literarische Mischkulanzen aus Weltgeschichte, menschlicher Ideengeschichte, Gucklochphilosophie, Lebenshilfe, Bassenatratsch und "Guinness Book of Records". Wussten Sie übrigens, dass in den flachen Küstengewässern El Salvadors mit dem Pazifischen Seepferdchen eine der größten Seepferdchenarten der Welt beheimatet ist? Sie werden bis zu 30 Zentimeter groß.

Tote Aale, tote Katzen

Hier werden immer auf den vordersten Verkaufsrängen platzierte Bücher verkauft, die von Leuten stammen, die man nicht kennt, die über Dinge schreiben, die man nicht wissen will, und das in Bücher zwingen, die man nicht braucht, um sie dann Menschen zu schenken, die man nicht liebt.

Apropos Österreich: Sigmund Freud sezierte als Student auf seiner Suche nach verborgenen Hoden hunderte, später in der "Traumdeutung" eine Rolle spielende, Aale, bevor er sich der "Redekur" zuwandte. Mit 2,5 Millionen Grabstellen auf dem Zentralfriedhof gibt es in Wien laut Dr. Oldale mehr Tote als Lebende (in Wahrheit sind es nur 250.000). Anschauen soll man sich Wien, Salzburg, Salzkammergut, Semmeringbahn. 1935 stellte Erwin Schrödinger eine entscheidende Frage: "Ist eine in eine Kiste gesperrte Katze tot oder lebendig?"   (Christian Schachinger, DER STANDARD, 21.6.2012)

John Oldale: "Dr. Oldales geograpisches Lexikon" (Rowohlt Taschenbuch, 2012)

www.ubernomad.com

Share if you care