Papier ohne Inhalt: Die große Enttäuschung in Rio

20. Juni 2012, 16:16
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Alle in einem Boot? Auf diesem Erdgipfel scheint es vor allem darum zu gehen, wer den besseren Platz im Boot bekommt

Völlig übermüdet und am Ende ihrer Kräfte harrten unsere Experten für Naturschutzfragen, Klimawandel, Energie, Wirtschaft und Politik gestern bis in die Morgenstunden im Riocentro-Konferenzgebäude aus. Brasilien wollte den Text von 56 Seiten unbedingt fertig haben, bevor heute Mittwoch die Staats- und Regierungschefs direkt vom G20-Gipfel in Mexiko direkt nach Rio fliegen. Viele Kollegen hatten überhaupt keine Zeit zu schlafen. Mit Schokolade und Keksen halten wir uns hier am Leben, für ein richtiges Essen ist kaum Zeit. Das Geheimnis ist dreimal so viel zum Frühstück essen wie sonst um den Tag bis spätabends zu überstehen.

Viele von uns sind bereits krank, die meisten sind erkältet. Hier in den riesigen Hallen, die wie Flughafenhangars aussehen, wird die Temperatur herunter gekühlt, dass man vergessen könnte in einem tropischen Land zu sein. Überall dröhnen die Klimaanlagen und die Sonne blendet die Augen, wenn man die Kunstlichtsphäre verlässt. Und die Stadt Rio de Janeiro wirbt damit, dass 20 Prozent der Energie dieser Riesenkonferenz aus Biomasse stammt. Drei Grad wärmer hier und es könnte noch mehr Energie gespart werden.

 

Umso größer war die Enttäuschung gestern Morgen, als der Text veröffentlicht wurde, auf den sich die Diplomaten geeinigt hatten. Die Länder hatten zwei Jahre Zeit um sich auf einen Text zu einigen. Am Dienstagmorgen riefen wir die Weltpresse zu unserem fast 30 Meter hohen Ballon, den wir in der Nähe des Konferenzzentrums aufstellten. Darauf stand in zwei Sprachen "Get serious! - Werdet endlich ernst!" - damit wollten wir die Verhandler über die Medien weltweit aufrufen, endlich aufhören zu reden und endlich zu handeln. Wir hatten für die Aktion zwar eine Genehmigung, aber es dauerte nur ein paar Minuten bis plötzlich schwerbewaffnete Soldaten auftauchten und ein Hubschrauber über uns kreiste. Leider mussten wir die Aktion dann abbrechen, aber die Bilder und Videos gingen gestern um die Welt.

Zurück in den Hallen des UN-Komplexes hörten wir uns dann die Analysen unserer Experten an, die völlig enttäuscht waren. Die Staaten sollten sich schämen, einen solchen Entwurf zu präsentieren, meine ich. Die Politiker fliegen auf Kosten unserer Steuergelder nach Rio und es kommt nichts dabei heraus. Wir brauchen eine Gesamtstrategie für unsere Zukunft, für ausreichend Nahrung, Wasser und Energie für neun Milliarden Menschen, die 2050 auf diesem Planeten leben werden. Wir brauchen eine Vision, wie das möglich ist ohne den Planeten komplett zu zerstören. Wir brauchen den Schutz der Meere und wirksam geschützte Marinparks.

Herausgekommen ist ein Papier mit dem Namen "Die Zukunft, die wir wollen", in dem sich die Länder nicht zu wirklich neuen Lösungen bekennen. Statt Erfolgszusagen nur Verwendungszusagen. Eine in 200 Staaten gespaltene Welt hat offenbar noch nicht wirklich erkannt, dass wir alle in einem Boot sitzen. Auf diesem Erdgipfel scheint es vor allem darum zu gehen, wer den besseren Platz im Boot bekommt ...


Franko Petri vom WWF Österreich berichtet vom UN-Gipfel über nachhaltige Entwicklung in Rio de Janeiro.

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    foto: wwf
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