"Ich spüre, dass ich hierhergehöre"

16. Juli 2012, 13:57
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Greenpeace-Mitarbeiterin Christine Gebeneter über zivilen Ungehorsam und den schwammigen Begriff "Green Jobs" - Einblick in den Beruf

Aktivistin ist Christine Gebeneter in ihrer Freizeit, wie sie sagt. Die Aktionen, an denen die Greenpeace-Mitarbeiterin so oft wie möglich teilnimmt, geben ihr die Energie und Motivation, die sie benötigt, "um immer wieder neu zu erfahren, wofür ich das alles mache". Die gebürtige Völkermarkterin ist seit Oktober 2010 als Office-Managerin sowie Medien- und Kampagnen-Assistentin bei Greenpeace Zentral- und Osteuropa mit Sitz in Wien tätig. Die junge Frau mit den blonden, schulterlangen Dreads spricht mit Leidenschaft über ihr Engagement und darüber, wie sie das Wiener Greenpeace-Büro "grün" hält.

Green Office - kein zusätzlicher Aufwand

Im Grunde unterscheiden sich ihre Aufgaben nicht von jenen anderer Office-Manager, bloß dass der ökologische Aspekt im Vordergrund steht. Das fängt bei biologisch abbaubaren Reinigungsmitteln, ökologischen Anbietern von Bürobedarf, Müllvermeidung sowie ressourcenschonender Verwendung des Bürozubehörs an und hört bei Ökostrom-Anbietern und Fair-Trade-Kaffee, der in wiederbefüllbaren Zwei-Kilogramm-Kübeln per Fahrradbote von einer österreichischen Rösterei geliefert wird, auf.

Laut Gebeneter verursacht der Umstieg auf ein ressourcenschonendes und ökologisches Büro keine Unsummen. "Ich verstehe nicht, wieso das nicht mehr Firmen so machen, weil es auch keinen zusätzlichen Aufwand bedeutet." Aber schon vor ihrem Einstieg bei Greenpeace lagen der überzeugten Radfahrerin Nachhaltigkeit und Ökologie am Herzen.

Entscheidung, für eine NGO zu arbeiten

Inwiefern hat sich ihre Arbeit auf ihr Privatleben ausgewirkt? "Eigentlich ist es umgekehrt: Ich bin bei Greenpeace, weil ich nach dieser Philosophie lebe. Ich bin nicht so, weil ich bei Greenpeace arbeite." Nach dem Studium der Kultur- und Sozialanthropologie lag die Entscheidung, für eine NGO zu arbeiten, nahe, da sie einen Beruf mit Anknüpfungspunkten zum Studium suchte. "Es war mir immer wichtig, den Job nicht losgekapselt von der Ausbildung auszuwählen, was mir mit Greenpeace super gelungen ist."

Viele umweltpolitische Entscheidungen seien eng mit humanitären Folgen verknüpft. "Zum Beispiel die europäische Fischereipolitik, deren Entscheidungen dazu führen, dass afrikanische Fischer quasi vor leergefischten Meeren stehen, und unmittelbare Auswirkungen auf die Bevölkerung vor Ort haben."

"Logische Konsequenz meiner persönlichen Geschichte"

Bei Greenpeace sei Christine Gebeneter, die aufgrund ihrer Südamerika-Leidenschaft sehr gut Spanisch spricht, zufällig gelandet. "Für mich ist es supercool, dass ich meinen privaten Lebensstil - nämlich umweltpolitische Nachhaltigkeit, sozialen und fairen Umgang mit den Mitmenschen, darauf zu schauen, dass in der Zukunft noch etwas für zukünftige Generationen da ist und dass das Leben lebenswert ist - mit meiner Arbeit bei Greenpeace verbinden kann. Es ist eine logische Konsequenz meiner persönlichen Geschichte, dass ich bei Greenpeace arbeite."

Auf dem Dach des Lebensministeriums

Einen besonderen Teil ihrer Tätigkeit machen für die Kärntnerin die Aktionen aus. Zuletzt nahm sie etwa wegen der katastrophalen Folgen der Überfischung für afrikanische Fischer an einer Aktion zum Thema Aquakultur teil.

Die 31-Jährige war auch dabei, als am 10. März 2011 ein riesiges Greenpeace-Banner über das Gebäude des Lebensministeriums in Wien gehängt wurde. Die Aktivisten verschafften sich dafür Zugang zum Dach des Hauses. Die Forderung an Minister Nikolaus Berlakovich (ÖVP) lautete, deutsche Schrott-AKWs zu stoppen, "was zwar ein wichtiges Kernthema darstellte, aber zum damaligen Zeitpunkt in der Öffentlichkeit noch nicht besonders präsent war", sagt Gebeneter. Das war erst am nächsten Tag der Fall: Am 11. März kam es zur schweren Nuklearkatastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima.

"Es ist nicht richtig, was hier passiert"

Im Rahmen einer anderen Aktion bei der Besetzung des Lebensministeriums, bei der die AktivistInnen ein "Anti-Atom-Ministerium" errichteten, wurde Christine Gebeneter nach zwei Stunden aufgefordert, das Gebäude zu verlassen. "Ich habe gesagt, ich werde freiwillig gehen, aber ich möchte zwei Beamte an meiner Seite, die mich hinausbegleiten. Damit wollte ich demonstrieren, dass ich keinen Widerstand leiste und mich niemand wegtragen muss. Trotzdem war mir wichtig zu zeigen, dass es nicht richtig ist, was hier passiert."

Gewaltfreier Widerstand

Immer wieder betont Gebeneter, dass Greenpeace-Aktionen gewaltfrei ablaufen. Zudem würden Schulungen abgehalten, in denen Aktivisten (Mitarbeiter und Freiwillige) über ihre Rechte und Pflichten aufgeklärt werden. Als oberstes Gebot gelte "gewaltfreier Widerstand". "Natürlich ist es eine Ausnahmesituation, in der sich die Menschen befinden, da es sich um zivilen Ungehorsam handelt", sagt Gebeneter. Sie erinnert sich an den "aufwühlenden Moment" der Donnerstagsdemos aus dem Jahr 2000, an denen sie als Studentin teilnahm. Deshalb sei es wichtig zu wissen, worauf zu achten sei.

Als Kernpunkt der Schulung vor einer "Non-violent Direct Action" (NVDA) gelte es, in verschiedenen Situationen zu proben, was Gewaltfreiheit konkret ist, da die Wahrnehmung von Gewalt subjektiv sei.

Als Office-Managerin sowie Medien- und Kampagnenassistentin gehören Aktionen nicht zu Christine Gebeneters Hauptaufgaben, für sie sind es "Freizeitaktivitäten". "Ich sehe es als einen Beitrag, den ich leisten möchte, und deshalb ist es mir auch wert, den einen oder anderen Tag dafür freizunehmen." Vorgeschrieben ist eine solche Freiwilligkeit nicht.

"Unglaublich stolz"

Dass Christine Gebeneter auf Ministeriendächer klettert, bereitet ihren Eltern keine Sorgen. Vielmehr seien sie "unglaublich stolz", sagt sie. Die beiden inzwischen pensionierten Lehrer waren von 1976 bis 1987 aktive Mitglieder einer Amnesty-International-Gruppe in Völkermarkt und "sind glücklich, dass ich einem Beruf nachgehe, der meinen Wertvorstellungen entspricht und der auch für sie Sinn macht", erzählt die Wahlwienerin.

Ihre berufliche Zukunft sieht die junge Frau, die von einem Einsatz auf einem Greenpeace-Schiff wie der Rainbow Warrior träumt, auch weiterhin bei Greenpeace, "weil ich spüre, dass ich hierhergehöre. Wie alle NGOs ist auch Greenpeace ein unglaublich wichtiger Teil der Zivilgesellschaft und kann mit dem Engagement der Menschen enorm viel bewegen."

Kritik an Green Jobs

Christine Gebeneter gehört zu den 210.000 Menschen in Österreich, die laut einer Erhebung von Statistik Austria in "Green Jobs" beschäftigt sind. Um mehr Stellen in der Green Economy zu schaffen, arbeitet das Umweltministerium an einem Masterplan, der in einigen Jahren vorgestellt werden soll.

Diese Maßnahmen machen für die Greenpeace-Mitarbeiterin durchaus Sinn, gleichzeitig äußert sie Zweifel, ob es allen Unternehmen tatsächlich um den grünen Zweig geht: "Green Jobs ist ein ziemlich schwammiger Begriff, der noch einer konkreten Definition bedarf. Manche Firmen forcieren diese Maßnahmen, um bestimmte Sparten grün zu waschen." Es müssten also Auflagen erfüllt werden, die wirklich "grün" seien und nicht bloß der Image-Politur dienen. (Eva Zelechowski, derStandard.at, 16.7.2012)

Für Freiwillige

Wer sich für die Teilnahme an einer Aktion interessiert, kann sich auf der Greenpeace-Website für ein NVDA-Training anmelden.

  • "Green Jobs ist ein schwammiger Begriff. Manche Firmen forcieren die grünen Maßnahmen nur, um
 bestimmte Sparten grün zu waschen", sagt die Greenpeace-Mitarbeiterin Christine Gebeneter.
    foto: derstandard.at/ez

    "Green Jobs ist ein schwammiger Begriff. Manche Firmen forcieren die grünen Maßnahmen nur, um bestimmte Sparten grün zu waschen", sagt die Greenpeace-Mitarbeiterin Christine Gebeneter.

  • Bei der Aktion im März 2011 steht Gebeneter auf dem Dach des Lebensministeriums, während andere Aktivisten einen Banner ausrollten. 
    foto: greenpeace, georg mayer

    Bei der Aktion im März 2011 steht Gebeneter auf dem Dach des Lebensministeriums, während andere Aktivisten einen Banner ausrollten. 

  • Bei Viktor Orbans Wien-Besuch am 12. Juni 2012 protestierten die AktivistInnen vor dem Wiener Ringturm gegen die AKW-Ausbaupläne des ungarischen Premierministers.
    foto: greenpeace

    Bei Viktor Orbans Wien-Besuch am 12. Juni 2012 protestierten die AktivistInnen vor dem Wiener Ringturm gegen die AKW-Ausbaupläne des ungarischen Premierministers.

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