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Wer sich ein Fahrpensum von 60.000 Kilometern vornimmt, kann eineinhalbmal die Erde umrunden. Oder auch nur die Toskana durchfahren, die ebenso viele Straßenkilometer zählt. Was in der Theorie nach einem flotten Abenteuer klingt, bedeutet aber in der Praxis häufig Stillstand.
So gehört etwa die Strecke zwischen Bologna und Florenz zu den am stärksten von Stau geplagten Europas. Wen wundert's also, dass sich die Toskana gleich einmal freiwillig gemeldet hat, um als eine von sechs Modellregionen in einem großen europäischen Forschungsprojekt Exit-Strategien für die weiter zunehmende Verkehrsüberlastung zu finden.
Seit Jänner 2011 haben sich die Städte Bilbao, Florenz, München, Prag, Reading und Wien sowie deren umliegende Regionen als sogenannte Co-Cities zusammengetan, um durch dieses Pilotprojekt verkehrstechnisch besser voranzukommen.
Alternativen vorschlagen
Ziel soll es aber nicht sein, dafür noch mehr Straßen zu bauen, sondern bestehende Infrastrukturen besser zu nutzen. Co-Cities ist der Versuch, einen multimodalen Verkehrsinfoservice aufzubauen, der dynamische Veränderungen im Verkehr - also etwa einen Stau oder Unfall - rascher erkennt. Reisende werden interaktiv über die Situation informiert und sollen alternative Verkehrsmittel zum Auto vorgeschlagen bekommen.
Denkbar ist freilich auch der umgekehrte Fall: Streikt etwa die italienische Eisenbahn, könnten theoretisch auch Infos zu Fahrgemeinschaften verteilt werden. Wie die Daten zur Einspeisung in so ein System dann konkret aussehen, ist in erster Linie von den Kooperationen in den Regionen abhängig. Die Verfügbarkeit von Leihfahrrädern bis hin zu Fahrplänen von Fähren in einer Anwendung zu berücksichtigen ist seit April 2012 technologisch jedenfalls möglich.
Realisiert wurde dieser wichtige Zwischenschritt von der AustriaTech, der im Auftrag des Verkehrsministeriums tätigen Agentur für Intelligente Verkehrssysteme. Im Rahmen des vorangegangenen dreijährigen Projekts In-Time haben Forscher der Agentur nämlich eine Schnittstelle entwickelt, die mit völlig unterschiedlich aufbereiteten Informationen umgehen kann.
Das bisherige Problem bei Verkehrsinfosystemen, die die ganze Bandbreite von Mobilitätslösungen berücksichtigen sollen, waren nämlich schlicht die zu heterogenen Formate dieser Daten. Mit der In-Time-Schnittstelle werden sie nun in ein gängiges Standardformat - XML - übersetzt, das den unkomplizierten Austausch ermöglicht. Es erscheint somit logisch, dass die AutriaTech auch die Leitung des dreijährigen europäischen Forschungsprojekts Co- Cities übernommen hat.
Infos aufs Smartphone
Was die einzelnen Modellregionen, Behörden und Verkehrsbetreiber nun aus diesem technologischen Rüstzeug machen, ist natürlich stark abhängig von den lokalen Gegebenheiten. So zeigt etwa das toskanische Beispiel, dass hier unter anderem bis zu 157 Gemeinden, die nationale Trenitalia als Eisenbahnbetreiber, zwei regionale Fährgesellschaften und 14 Busunternehmen eingebunden werden müssten, um "Umsteigern" eine hohe Datenqualität zu bieten. Wie die Reisenden an diese Infos kommen, gehört dabei zu den einfachsten Aufgaben: Sie können an On-Board-Systeme im Auto genauso gesendet werden wie an ein Smartphone.
Die Kosten für so ein System, das letztlich auch die Reduktion von Umweltschäden als klar definiertes Ziel hat, sind vergleichsweise niedrig. Für die Umsetzung von vierzehn lokalen Projekten, die diese multimodalen Verkehrsinfos verbessern sollen, rechnet die Toskana mit Ausgaben in der Höhe von rund neun Millionen Euro. Die Software, die hinter Co-Cities steckt, kann von europäischen Städten gegebenenfalls sogar selbst heruntergeladen und recht einfach implementiert werden. Daten von bestehenden Infrastrukturen wie Wetterstationen können zudem ohne oder nur mit geringen Mehrkosten in den individuellen Reiseplaner eingebunden werden.
Rückmeldung möglich
Eine Erwähnung wert ist überdies, wie das Co-Cities-Projekt die Verlässlichkeit seiner Services sicherstellen will: Fixer Bestandteil der Dienste ist eine sogenannte Feedback-Schleife, also die Möglichkeit für Benutzer, Rückmeldung über die erhaltenen Infos zu geben. Haben Reisende den Eindruck, dass eine Meldung nicht hilfreich oder gar falsch war, können sie die Betreiber des Systems - also in der Regel die Städte - direkt darüber informieren.
Dieses Feedback soll freilich laufend in die Verbesserung der Angebote einfließen, es dient aber auch den Regionen selbst: Sie können dadurch ihr eigenes Mobilitätsangebot untereinander besser vergleichen und sogar anpassen. Erklärtes Ziel von Co-Cities ist es, kein Pilotprojekt zu bleiben und so viele Städte wie möglich zur Teilnahme zu animieren.
Weg weisen lassen
Das könnte dann in Zukunft so aussehen: Wer von Wien nach Florenz aufbricht, wählt anhand der aktuellen Situation entweder ein stressfreies oder umweltfreundliches Verkehrsmittel - vielleicht lässt sich ja beides kombinieren - und macht sich vor Ort keine großen Gedanken: Der Fahrplan für Florenz' derzeit einzige Tramlinie und der nächste Standort für ein Leihfahrrad lassen sich mit demselben Endgerät eruieren, das einem bereits den Weg dorthin gewiesen hat. (Sascha Aumüller, DER STANDARD, 20.6.2012)
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austriatech.org
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