Ein Spiel mit den Identitäten

Wissenschafter verschiedener europäischer Universitäten erforschen die Hintergründe und Einflüsse der Fußball-Fankultur

Auch Wiener Forscher sind dabei und mischen sich bei der EM unter die Zuschauer.

König Fußball als Studienobjekt: Im vergangenen April starteten Forscher neun verschiedener Hochschulen aus der EU und der Türkei gemeinsam das Projekt FREE - Football Research in an Enlarged Europe. Das Vorhaben hat zum Ziel, die zahlreichen soziokulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhänge im europäischen Fußball interdisziplinär zu untersuchen. Die Europäische Kommission hat hierfür eigens Fördermittel bereitgestellt.

Teilnehmen, beobachten

Man will wissen, welche identitätsstiftende Wirkung von der beliebtesten Sportart unseres Kontinents ausgeht, wie sie in die Alltagskultur eindringt, wie sich ihre Strukturen im europäischen Raum entwickeln und auch welche geschlechtsspezifischen Rollenphänomene auftreten. Wahrlich ein großes Unterfangen.

Alexandra Schwell von der Universität Wien und ihr Team haben die Erforschung ethnologischer Aspekte übernommen. Die Wissenschafter nutzen dazu erprobte Methoden wie die "teilnehmende Beobachtung" in Stadien, auf der Straße und in Kneipen. Nicht die sonst oft im Mittelpunkt stehenden Hooligans oder Ultras wolle man studieren, sondern die große Zahl der Durchschnittsfans, betont Schwell gegenüber dem Standard. Um die Einstellung dieser Menschen möglichst detailliert erfassen zu können, greift die Arbeitsgruppe auf qualitative Interviews statt auf standardisierte Befragungen zurück. Diese werden überwiegend von der Doktorandin Nina Szogs durchgeführt. Es geht darum, zu erkunden, wie sich Begeisterung, Loyalität und dergleichen aus der Sicht des einzelnen Fans darstellen, sagt Schwell. In der vergangenen Woche war die Ethnologin für ihre Feldstudien im polnischen EM-Austragungsort Poznan (Posen) zugegen. Irland spielte gegen Kroatien und sah dabei nicht gut aus. Die Stimmung drückte das aber nicht, berichtet Schwell. "Es war unglaublich spannend, zu sehen, wie 'irisch' die irischen Fans tatsächlich sind." Sie feierten ausgelassen und sangen fröhlich, oft auch im Chor mit polnischen Fußball-Passionierten. Die Zuschauer beider Nationalitäten fanden offenbar Gefallen aneinander.

Dafür dürfte es laut Schwell mehrere Gründe gegeben haben. Einerseits zog es in den vergangenen Jahren viele Polen zum Arbeiten nach Irland, gleichzeitig verbinde beide Völker eine Art Underdog-Image. "Fußball ist für uns auch ein Vehikel, um etwas über europäische Identitäten zu erfahren", sagt die Wissenschafterin.

Arbeitsmigration und Wohlstandsgefälle spielen also wichtige Rollen für die Eigenwahrnehmung und den Blick auf die anderen. Letzterer ist gleichwohl noch immer stark von Stereotypen und Vorurteilen geprägt, wie Schwell bei ihren vielen Gesprächen in Poznan feststellen musste. Westeuropäer äußerten sich vielmals überrascht darüber, wie gut alles in Polen funktioniert. Schwell sagt dazu: "Das deckt sich mit unserer Erkenntnis, dass Osteuropa für viele noch ein blinder Fleck auf der Landkarte ist."

Von Stereotypen geprägt

Und auch wenn Fußball als die schönste Nebensache der Welt gilt - seine politische und soziale Bedeutung wird oft unterschätzt. Alexandra Schwell traf in Poznan auf alte Bekannte, eine Anarchistengruppe, mit der sie sich bereits für ihre Magisterarbeit auseinandergesetzt hatte. Genau diese Aktivisten führten jetzt eine Demonstration mit dem Motto " Brot statt Spiele" durch und wurden dabei von Menschen aus verschiedensten gesellschaftlichen Schichten begleitet, ein bemerkenswerter Zuspruch. Dieser zeigt auch, wie komplex die Zusammenhänge im Umfeld der Europameisterschaft sind, erklärt Schwell begeistert. "Es passieren so viele Dinge gleichzeitig."

Eine zentrale Frage, der das Wiener Team im Rahmen des FREE-Projekts auf den Grund gehen will, ist jene nach der Entstehung sogenannten sekundären Fantums. Wie bilden sich zum Beispiel bei österreichischen Fußballbegeisterten Sympathien für andere Nationalmannschaften, wenn die eigene Elf nicht bei der EM vertreten ist? Für wen jubelt man dann und warum? Es werden vor allem Außenseiter und die Gegner des großen Nachbarn Deutschland sein, glaubt Schwell.

Wissenschaftliches Neuland

Das mag wenig überraschend klingen, doch die genauen Hintergründe solcher Präferenzen und Abneigungen sind wissenschaftliches Neuland. Es kann historische Einflüsse geben und kulturelle, die sich unter anderem in der Vorliebe für einen bestimmten Spielstil äußern. "Das sind nicht unbedingt rationale Entscheidungen", meint Schwell. Die kritische Betrachtung bietet allerdings viele Perspektiven. Der Fußball, sagt die Ethnologin, "schafft eine Idee davon, wo ich selbst stehe" - auch in Bezug auf Europa.

Die enorme Popularität des Fußballs schlägt Brücken über diverse Grenzen hinweg. "Wenn sich zum Beispiel ein englischer Fußballbegeisterter mit Fans aus der Türkei und Spanien trifft, dann hat man etwas Gemeinsames, worüber man reden kann", sagt Schwell. Manche Momente brennen sich in das kollektive Gedächtnis ein, so wie der österreichische Sieg von Córdoba oder der Kopfstoß Zinedine Zidanes im WM-Finale von 2006. Die Wahrnehmung solcher Ereignisse variiert jedoch je nach Nation sehr stark: Stoff für endlose Gespräche.

Integrierende Wirkung

Doch welchen Einfluss hat der Fußballsport mit seinen nationalen Rivalitäten auf die europäische Integration, wirkt er eher fördernd oder hemmend? "Beides", antwortet Schwell. "Man muss Fußball als Spiel begreifen, dann kann man auch mit Fanidentitäten spielen." Und das könne durchaus eine integrierende Wirkung haben. Wehe aber, wenn man das Spiel mit den Unterschieden zu ernst nimmt und Abwertungen in den Mittelpunkt stellt, warnt die Forscherin. "Dann wird es pathologisch." (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 20.6.2012)

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