Den Code gebrochen, am Kodex zerbrochen

  • Alan Turing wurde als Entschlüsseler des Wehrmachtscodes und bekennender 
Homosexueller geächtet und mit Hormonen zwangsweise behandelt.
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    illustrationen: fatih aydogdu

    Alan Turing wurde als Entschlüsseler des Wehrmachtscodes und bekennender Homosexueller geächtet und mit Hormonen zwangsweise behandelt.

Der Mathematiker Alan Turing hat Regeln gebrochen: die der deutschen Wehrmacht, als er deren Nachrichtencode knackte, und jene der Gesellschaft, als er 1952 sagte, homosexuell zu sein

Am 23. 6. wäre Alan Turing 100 Jahre alt geworden.

Dass Mathematiker zum Entziffern von Geheimbotschaften herangezogen werden, hat in England Tradition. Schon Cromwell machte sich die Fähigkeiten des Mathematikers John Wallis zunutze, um die Verschlüsselungen der Royalisten zu knacken. Zum Lohn wurde Wallis Geometrieprofessor in Oxford. Auch dort reüssierte er. Sein Lehrbuch der Infinitesimalrechnung beflügelte den jungen Newton, und noch heute zählt die Produktformel von Wallis zu den schönsten Erlebnissen im Mathematikstudium.

Ruf des Genies

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, erinnerte sich der britische Geheimdienst an diese Tradition. Zahlreiche Mathematiker stießen zu den Codeknackern, die in Bletchley Park untergebracht wurden, einem Landsitz nördlich von London. Es war eine reichlich exzentrische Gruppe, in der Alan Turing, dem von Cambridge her bereits der Ruf des Genies vorauseilte, rasch zur Leitfigur wurde. Querdenker seines Schlags boten die einzige Hoffnung auf Erfolg.

Tatsächlich schien die Aufgabe fast unmöglich. Im Vergleich zu früheren Kriegen war das Volumen an militärischen Nachrichten gigantisch angewachsen. Anstelle gelegentlich abgefangener Briefe traten täglich Tausende von Funknachrichten.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Deutschen erfahren, dass ihre Gegner den Wehrmachtscode knacken und mitlesen konnten. Das durfte ihnen nicht nochmals passieren. Sie setzten auf ein revolutionär neues Verfahren und verschlüsselten maschinell.

Die Wundermaschine hieß Enigma. Sie sah aus wie eine Schreibmaschine. Bei näherem Hinsehen merkte man, dass sich oberhalb der Tastatur kein Typenhebel befand, keine Schreibwalze und kein Papiereinzug, sondern mehrere Reihen von Lämpchen, mit Buchstaben versehen.

Wenn man einen Text mittels Tastatur eintippte, leuchteten die Buchstaben des chiffrierten Textes auf. Die verschlüsselte Botschaft konnte nun übermittelt werden, per Funk oder Fernschreiber. Dieselbe Maschine konnte auch zum Entschlüsseln verwendet werden. Der Empfänger der codierten Nachricht brauchte den verschlüsselten Text bloß einzutippen: wieder leuchteten die Lämpchen auf und buchstabierten den ursprünglichen, unverschlüsselten Text. Das war praktisch, erwies sich später aber als Achillesferse des Systems.

Teil der Nachricht

Die Verschlüsselung erfolgte elektromechanisch, über eine Anzahl von Walzen und ein Steckerbrett. Die Einstellung der Walzen und der Stecker - der sogenannte Tagesschlüssel - änderte sich täglich. Darüber hinaus wurde jede einzelne Nachricht noch eigens codiert, mit einem Schlüssel, der selbst Teil der Nachricht war. Die Deutschen hielten ihr System für unverwundbar. Auch wenn es dem Gegner gelingen sollte, eine Enigma zu erbeuten, er würde Jahrmilliarden brauchen, um durch Ausprobieren den Tagesschlüssel zu finden.

Turings Team in Bletchley Park hatte nicht so viel Zeit. Es konnte allerdings auf wichtigen Erfolgen der französischen und polnischen Verbündeten aufbauen. Dem französischen Geheimdienst war es gelungen, einem Mitarbeiter der Berliner Chiffrierstelle die streng geheime Gebrauchsanweisung der Enigma abzukaufen. Und eigens zu diesem Zweck ausgebildete polnische Mathematiker schafften es, Sicherheitslücken der Enigma zu entdecken. Um Übertragungsfehler zu vermeiden, wiederholten die Deutschen ihren Nachrichtenschlüssel (drei zufällig gewählte Buchstaben), natürlich durch den Tagesschlüssel codiert.

Schnelle Arbeit

Die Polen erkannten, dass dies die Anzahl der möglichen Verschlüsselungen drastisch reduzierte. Entzifferer hätten immer noch Jahrtausende gebraucht, um alle per Hand durchzuprobieren. Aber die Polen entwickelten Maschinen, die sie "Bomben" nannten, um den Tagesschlüssel innerhalb weniger Stunden zu finden.

Knapp vor Ausbruch des Krieges stellte die deutsche Wehrmacht allerdings das Wiederholen des Nachrichtenschlüssels ein, und Enigma schien wieder unangreifbar. Doch wusste man jetzt, dass die Aufgabe nicht aussichtslos war. Die polnischen Mathematiker hatten den Weg gewiesen. Turing setzte ihn fort.

Er nutzte den Umstand aus, dass die Enigma nie einen Buchstaben in sich selbst überführt; dass dies erlaubt, stereotyp verwendete Worte wie etwa Wetterbericht oder "Hauptquartier" in der verschlüsselten Nachricht zu lokalisieren; und dass diese sogenannten "cribs" Verknüpfungen zwischen den Buchstaben des Geheimtextes und des Klartextes aufzeigen, die den Raum aller möglichen Verschlüsselungen auf Bruchteile von Millionsteln von Millionsteln einschränken.

Computervorläufer

Turing entwickelte zur systematischen Suche elektrische Maschinen, auch wieder "Bomben" genannt, doch weit raffinierter: mannshohe Schränke voller Röhren und Drähte. Über solche "Bomben" und Weiterentwicklungen wie die "Colossus"-Maschinen, führte ein Weg (nicht der einzige) zum modernen Computer.

Ab Mai 1940 gelang es, die Nachrichten der deutschen Luftwaffe zu entziffern. Aber die Verschlüsselung der deutschen Kriegsmarine war ungleich schwerer zu knacken.

Die U-Boote schnürten Englands Nachschub ab. Ende 1941, in einer besonders dramatischen Phase der jahrelangen "Schlacht um den Atlantik", wandte sich Alan Turing unter Umgehung des Dienstwegs direkt an Winston Churchill, um mehr Mittel für Bletchley Park zu fordern. Der britische Premier reagierte sofort und ordnete an: "Action today!"

Trotz zahlreicher Rückschläge errangen die Engländer die Oberhand im U-Boot-Krieg. Die Codeknacker von Bletchley Park (inzwischen einige tausend) hatten daran einen wesentlichen Anteil, der selbstverständlich geheim bleiben musste.

Bis zuletzt schloss die deutsche Marine aus, dass ihr Code entziffert werden konnte. Die Engländer gaben ihr Geheimnis erst dreißig Jahre später preis.

Nach dem Krieg war Turing maßgeblich an der Entwicklung des modernen Computers beteiligt, ab 1948 in Manchester.

1952 erstattete er dort Anzeige wegen eines Diebstahls und verschwieg beim Polizeiverhör auch nicht, dass er die Nacht zuvor mit dem Dieb verbracht hatte. Das war nach damaligem Gesetz "grobe Unzucht".

Fortan galt der Wissenschafter als suspekt: Die Verbindung von Homosexualität und Nachrichtendienst war in dem von Spionageaffären schockierten England des Kalten Krieges fatal.

Um einer Haftstrafe zu entgehen, willigte Turing in eine fatale Hormonbehandlung mit Östrogen ein. Er war ein durchtrainierter Langstreckenläufer und Tennisspieler gewesen: Jetzt wuchsen ihm Brüste, und er wurde impotent. Er kommentierte die Wirkung des Östrogens zunächst mit trockenem Humor, doch bald versank er in Depression und vergiftete sich 1954, indem er vermutlich einen Apfel mit Zyankali aß. Die Mutter hielt es für einen Unfall. Turing wurde nicht einmal 42 Jahre alt.

Erst 2009 fand die britische Regierung entschuldigende Worte. Der damalige Premierminister Gordon Brown bat auch im Namen jener, die dank Turings Entschlüsselung "in Freiheit" leben, um Verzeihung. Er sagte: " We are sorry, you deserved so much better." "Es tut mir leid. Sie hätten so viel Besseres verdient." (Karl Sigmund, DER STANDARD, 20.6.2012)


Karl Sigmund ist Universitätsprofessor für Mathematik an der Uni Wien.

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