Was Hellas wirklich gewählt hat

Kommentar der anderen19. Juni 2012, 18:22
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Die Wahlaussagen in Griechenland sind eindeutig. Mehrheitlich wollen die Hellenen den Euro und Europa, sie möchten aber, dass die Ärmeren nicht über Gebühr belastet werden

Griechenland wählt, Griechenland kriselt, Griechenland schafft es nicht. Athen streikt, Randale in Athen, Athen brennt, Athen bangt. Seit fast drei Jahren sind die internationalen Schlagzeilen über die "Wiege des Abendlandes" gleich. Ständig wiederholen sie sich und verbreiten Unsicherheit. Die zugehörigen Geschichten erzählen von dramatischen Verhandlungen, gebrochenen Versprechen und Verfehlungen der einheimischen Politiker. Fast hat es den Anschein, als wäre die aktuelle griechische Innenpolitik in Europa mittlerweile bekannter als Ouzo, Sirtaki und Alexis Zorbas. Während die Leser Kazantzakis Pfiffigkeit und seinen Erfindungsreichtum bewunderten, macht die ständige Krisenberichterstattung müde. - Und sie macht auch die beteiligten Journalisten stumpf.

Mehr als 500 akkreditierte Reporter tummelten sich am Wahlsonntag im Athener Pressezentrum. Zu berichten gab es aber außer Wahlstatistiken wenig. Wer kein Griechisch konnte, pinnte einfach die via CNN aus dem Zentrum in die Welt übertragenen Informationen ab. Seltsam: ein amerikanischer Newssender koordiniert die europäische "Schicksalswahl"-Berichterstattung ...

Rettet Alexis Zorbas!

Dabei stimmten die Griechen vielleicht zum ersten Mal in ihrer Neuzeitgeschichte programmatisch ab. "Ich habe Samaras gewählt, obwohl ich ihn nicht mag aber ...", meinte ein Wähler. "Tsipras ist nicht mein Liebling, aber einer muss doch gegen unsinnige Gehaltskürzungen vorgehen", lamentierte ein anderer. Dabei gingen fast 38 Prozent der Wähler in einem Land mit Wahlpflicht überhaupt nicht zur Urne. Auch das ist eine Aussage, die insbesondere den ideologischen Deutern der Wahlergebnisse - Sieg der Konservativen, "eigentlich" ein Sieg der Linken - zu denken geben sollte.

Die Wahlaussagen sind eindeutig. Mehrheitlich wollen die Hellenen den Euro und Europa, sie möchten aber, dass die Ärmeren nicht über Gebühr belastet werden. Wer den Karren aus dem Dreck zieht ist ihnen letztendlich egal - mehr als dreißig Prozent änderten ihr Votum innerhalb der sechs Wochen vom 6. Mai zum 16. Juni.

Die stets streitenden Parteichefs müssen nun schnell eine handlungsfähige Regierung zusammenzimmern. Wer sich jeglicher Zusammenarbeit verweigert, wie die Kommunistische Partei, dem droht die Bedeutungslosigkeit. Auf dem siebten Platz liegend hat die einst traditionell drittstärkste Partei in wenigen Wochen ihre Wählerschaft halbiert. Die Pasok wird für ihr gescheitertes Krisenmanagement schon zum zweiten Mal gedemütigt: kaum 750.000 Stimmen - das sind weniger als der öffentliche Dienst Beamte hat. Noch aber lebt die Pasok, weil die Hellenen dem neuen Parteichef anrechnen, dass er Regierungserfahrung hat und seinen Stall ausmisten möchte.

Nur Fotis Kouvelis, der Chef der Demokratischen Linken, hat als potenzielles soziales Gewissen einer Regierungskoalition seinen Stimmenstand halten können. Auf Bewährung, nicht als Blankoscheck, möchte man ihm zurufen. Denn auch Nepotismus und der Handel mit Wahlstimmen ist unter den Griechen keine Option mehr: Die Griechen sind in der Krise gereift. Das ist die positive Nachricht dieser Wahl. Es hilft den Politikern nicht mehr, sich hinter selbst geschaffenen Schutzparagraphen oder verqueren ideologischen Diskussionen zu verstecken.

Zusammenraufen sollen/müssen sie sich, das ist die primäre Botschaft des Wählers. Und selbst die Rechtsradikalen wurden mehrheitlich nicht aus ewig gestriger Überzeugung gewählt, sondern um den ewig Streitenden einen warnenden Spiegel vorzuhalten. Alle Parteiführer stehen nun in der Pflicht: Samaras muss Worten endlich Taten folgen lassen, Venizelos muss seine Bereitschaft zur uneigennützigen Hilfe bei der Landesrettung beweisen und Tsipras muss endlich zu einem ernst zu nehmenden Politiker reifen. Mit griffigen Sprüchen und jugendlichem Übermut konnte er Wählerstimmen gewinnen, aber Europa bisher nur erschrecken. Erst wenn ihm die Wandlung vom Rabauken zum Bürgeranwalt gelingt, wird er auch in Europa auf verstärkte Sympathie hoffen und so seinem Land helfen können.

Bürger, die Lösung wollen

Die Griechen sahen ihn jedenfalls primär als unbelasteten Hoffnungsträger, nicht als radikalen Linken. Sie wählten das gemeinsame Syriza-Programm, nicht die Ideologie der zwölf Einzelfraktionen. Zum Vergleich: Wer unter "Ferner liefen" in den Wahlergebnissen forscht, findet drei liberale Parteien zum Bündnis vereint mit mageren 1,6 Prozent. Am 6. Mai hatten sie weit über vier bekommen, die größte Gruppe gar 2,2 Prozent. Nein, die dem alten Lagerdenken verhaftete einfache Addition der ideologischen Strömungen klappt nicht mehr in der griechischen Politik. Es gibt weder ein Drittel radikale Linke, noch ein Drittel Konservative, noch sieben Prozent Nazis. Es gibt nur Bürger, die endlich eine Lösung wollen. Insofern bedaure ich, dass die Konzentrationsregierung nicht zustande gekommen ist. Denn nur ein Miteinander kann das allerorten fehlende Vertrauen der Bürger in die Politik und in sich selbst wiederherstellen.

Dann stimmen auch wieder die Schlagzeilen, nicht nur in Griechenland. Die Märkte werden sich beruhigen und Alexis Zorbas erhält seinen Platz in der Geschichte und als Lektüre über Griechenland zurück. (Wassilis Aswestopoulos, DER STANDARD, 20.6.2012)


Wassilis Aswestopoulos lebt in Athen und arbeitet seit über 15 Jahren als freier Korrespondent für deutsche und griechische Medien.

  • Abweichende Einschätzungen eines deutsch-griechischen Journalisten zum Stellenwert der Ideologie im Vorfeld und in den notwendigen Konsequenzen der "Schicksalswahl".
    foto: privat

    Abweichende Einschätzungen eines deutsch-griechischen Journalisten zum Stellenwert der Ideologie im Vorfeld und in den notwendigen Konsequenzen der "Schicksalswahl".

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