"Halte USA für größeres Sorgenkind als Europa"

Interview19. Juni 2012, 17:58
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Martin Wittig, Chef von Roland Berger, sieht in den USA das größte Risiko. In Griechenland oder Spanien würde er dennoch nicht investieren

STANDARD: Die Griechenland-Wahl ist geschlagen: Wie wahrscheinlich ist es noch, dass sich die Zahl der Euroländer reduziert?

Martin Wittig: Ich war immer der Meinung, dass es gelingen muss, Griechenland im Euro zu halten. Die Konsequenzen eines Austritts werden gemeinhin unterschätzt. Abgesehen von den politischen Konsequenzen, wie etwa: Wer regiert dann? Kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen?

STANDARD: Jetzt wird darüber diskutiert, Griechenland mehr Zeit zu geben. Das heißt doch automatisch auch, dass es ein drittes Rettungspaket geben wird müssen, oder?

Wittig: Es bedeutet sicher eine Verteuerung gegenüber dem ursprünglichen Plan, aber sie entspricht den Gegebenheiten. Da die Wirtschaft dort stark schrumpft, wäre nichts anderes möglich gewesen. Besteht Aussicht auf eine Einigung über eine Fiskalunion, werden die Geldgeber auch zu Konzessionen auf der Zeitachse bereit sein - ein Give and Take.

STANDARD: Der Druck auf Spanien steigt. Für die Banken wurden schon Hilfen beantragt. Wird auch der Staat an sich Hilfe benötigen?

Wittig: Im Moment überwiegt die Unsicherheit. Noch weiß niemand, was die Griechenland-Wahl bedeutet. Gäbe es Signale für eine Streckung der Ziele für Griechenland, könnte sich die Lage allgemein beruhigten

STANDARD: Ihr Haus analysiert für Spanien den Finanzbedarf des Banksektors. Wird der Maximalbetrag von 100 Milliarden ausgeschöpft werden müssen?

Wittig: Wegen der Vertraulichkeitsverpflichtung kann ich solche Fragen nie beantworten. Nur so viel: Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat dazu ja bereits eine Analyse publiziert. (Maximalschätzung 60 bis 80 Mrd. Euro, Anm.)

STANDARD: Können Sie Kunden ruhigen Gewissens raten, in Griechenland oder Spanien zu investieren?

Wittig: Sagen wir es so: Ich weiß von keinem Unternehmen, das derzeit vorhat, dort zu investieren - auch wir nicht.

STANDARD: Wieso nicht?

Wittig: Weil es in diesen Ländern neben der Unsicherheit einen signifikanten Reformstau gibt: bei Arbeitsmarktgesetzen, Unternehmensbesteuerung, Sozialsystemen. Zum Beispiel bedeuten Personaleinstellungen sofort hohe, langfristige Bindung. Das sind starke Investitionshemmnisse.

STANDARD: Sind China und Indien die nächsten Sorgenkinder? Die Wachstumsprognosen wurden zuletzt nach unten korrigiert.

Wittig: Die Vergangenheit hat gezeigt: Wenn die Chinesen sagen, ihre Wirtschaft wächst um sechs bis acht Prozent, wächst sie tatsächlich um acht bis zehn Prozent. Die Frühindikatoren deuten nicht darauf hin, dass der Trend stark absackt. Mein Gefühl ist, dass China das recht gut steuert. Die Führung weiß, dass ihre internen Probleme sonst zunehmen würden. Die Unterschiede zwischen den ärmsten und den reichsten Regionen sind in China viel ausgeprägter als in Europa oder in den USA.

STANDARD: Also bleibt Europa global gesehen das größte Problem?

Wittig: Ehrlich gesagt halte ich die USA für ein größeres Sorgenkind. Die Arbeitslosigkeit verharrt auf hohem Niveau. Amerika ist vor allem ein Binnenmarkt. Der funktioniert nur, wenn die Verbraucher Vertrauen haben - hohe Arbeitslosigkeit verhindert das. Entschuldigt Präsident Obama dies alles mit den Entwicklungen in Europa, liegt er sicher falsch.

STANDARD: Wobei sicher auch der Wahlkampf eine Rolle spielt.

Wittig: Natürlich spielt der eine signifikante Rolle. Obama weiß, wenn er die Wahl verliert, verliert er sie mit dem Arbeitslosenthema.

STANDARD: Hat Obama schlechte Wirtschaftspolitik gemacht?

Wittig: Es gab jedenfalls Versäumnisse. Sie können nach vier Jahren Amtszeit nicht jeden Missstand auf den Vorgänger schieben. Die Rettung der Automobilindustrie hat funktioniert. Auch die Rettung der Banken wurde entschlossen und gut durchgeführt. Investitionen in Infrastruktur aber, die dem Land wirklich gut getan hätten, fielen praktisch aus. Diese Chance haben die USA verpasst. (Günther Oswald, DER STANDARD; 20.6.2012)

Martin C. Wittig (48) ist seit Juli 2010 Vorsitzender des globalen Beratungsunternehmens Roland Berger Strategy Consultants.

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    Familien-Foto vom G20-Gipfel in Los Cabos, Mexiko: v.l.n.r. Indonesiens Preäident Susilo Bambang Yudhoyono, US-Präsident Barack Obama, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der chinesische Präsident Hu Jintao, Indiens Premier Manmohan Singh.

  • Wittig: "Wenn die Chinesen sagen, ihre Wirtschaft wächst um sechs bis acht Prozent, wächst sie tatsächlich um acht bis zehn Prozent."
    foto: der standard

    Wittig: "Wenn die Chinesen sagen, ihre Wirtschaft wächst um sechs bis acht Prozent, wächst sie tatsächlich um acht bis zehn Prozent."

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