Israel: Afrikanische "Eindringlinge" als sozialer Zündstoff

Reportage |

Mit der soeben angelaufenen Abschiebung in den Südsudan will die Regierung den Volkszorn besänftigen

"Wie hätte ich denn nach Europa gehen sollen?", sagt Adam Baschar mit einem bitteren Lächeln. "Ich konnte nur nach Ägypten, und dann nach Israel, weil sie auch in Ägypten begonnen haben, Sudanesen zu verfolgen." Der schmächtige 24-Jährige, der mit 14 vor den Massakern in der Region Darfur geflohen ist und seit 2005 in Israel lebt, ist noch in einer relativ günstigen Lage, weil er einer der nur 500 Sudanesen ist, die eine Aufenthaltsgenehmigung haben. Er macht sich nützlich, indem er sich um Migrantenkinder in der Schule kümmert und bei der Essensverteilung im Levinski-Park mithilft.

Diese Grünfläche im schäbigen Süden von Tel Aviv ist zum Mittelpunkt und Symbol der afrikanischen Subkultur geworden, die in Israel plötzlich ein dominantes Thema ist. In kleinen Gruppen sitzen schwarze junge Männer auf den Schaukeln und Rutschen des Kinderspielplatzes, manche sprechen in ihr Handy, viele liegen auf dem Rasen ausgestreckt. "Die Israelis glauben, dass sie zu Tausenden im Park wohnen", sagt Sigal Rosen, eine freiwillige Helferin der Organisation "Hotline für Gastarbeiter". "Aber hier schlafen jede Nacht nur 200 oder 300, und es sind immer andere, es ist nur die erste Anlaufstelle, nach einer Woche haben sie dann gewöhnlich Kontakt mit jemandem von ihrem Stamm, eine Unterkunft und vielleicht Arbeit in einem Hotel oder auf einer Baustelle."

Kilometer langer Stahlzaun

Geschätzte 60.000 "Mistanenim" ("Eindringlinge", "Infiltratoren"), wie sie genannt werden, sind mittlerweile in Israel. Die Regierung setzt auf einen mehr als 200 Kilometer langen Stahlzaun, der an der ägyptischen Grenze rasant gebaut wird, um den Zustrom zu stoppen. Und mit der gerade gestarteten umstrittenen "Aktion zurück nach Hause" will man den Volkszorn besänftigen.

Migranten, die sich "freiwillig" abschieben lassen, bekommen 1000 Euro, Impfungen und das Flugticket. Wer sich nicht meldet, soll festgenommen und trotzdem abgeschoben werden. Ein erstes Flugzeug mit 127 Südsudanesen ist nach Juba geflogen. Doch "die Regierung täuscht die Öffentlichkeit", sagt Rosen. Abschieben kann man nämlich nur die rund 1500 Bürger des neuentstandenen Staates Südsudan, und die sind ein Tropfen im Meer. Mehr als 80 Prozent der Migranten kommen aus Eritrea und Sudan - dorthin kann man sie nach internationalem Recht nicht zurückschicken, weil ihr Leben gefährdet wäre.

Niemand prüft, ob es sich bei den Afrikanern um echte Flüchtlinge oder um Wirtschaftsmigranten handelt. Sie werden eine Zeit lang im Saharonim-Gefängnis in Südisrael angehalten, dann lässt man sie laufen. Der Großteil schlägt sich bis Tel Aviv durch und strandet gerade in den Vierteln, die schon zuvor zu den ärmsten der Stadt zählten. Jetzt kann die Regierung die Spannungen nicht mehr ignorieren - es gab Demonstrationen gegen die Migranten, rechtsgerichtete Politiker heizen durch populistische Äußerungen die Stimmung auf.

"Angst, aus dem Haus zu gehen"

Dabei sind sich die Medien einig, dass das Leben für die Einheimischen unerträglich geworden ist. "Einer alten Frau haben sie den Finger gebrochen, als sie versucht haben, ihren Ring zu stehlen", sagt Dina Emuna, die seit 30 Jahren im Hatikva-Viertel wohnt. "Unsere Kinder haben Angst, abends aus dem Haus zu gehen."

Viele "Eindringlinge" haben sich in der Illegalität arrangiert. In seinem Computershop auf der Neve-Schaanan-Straße, die zu einer Art von afrikanischem Boulevard geworden ist, gibt Ismail, 2008 aus Darfur angekommen, Englisch- und Computerunterricht. Im Schaufenster des Fotoladens um die Ecke sind Bilder herausgeputzter afrikanischer Familien zu sehen. Doch in einem Lagerraum, den eine Hilfsorganisation als Heim für Neuankömmlinge angemietet hat, herrschen unfassbare Zustände. Menschen liegen Schulter an Schulter auf Matratzen, für Dutzende gibt es nur eine Dusche und eine Toilette.

Viele plädieren dafür, die Migranten, wenn sie schon einmal da sind, wenigstens legal arbeiten zu lassen, damit sie nicht in die Kriminalität gedrängt werden. Für Innenminister Eli Jischai hingegen ist die Zwischenlösung ein großes Anhaltelager, das an der ägyptischen Grenze gebaut werden soll. (Ben Segenreich, DER STANDARD, 20.6.2012)

Share if you care