Traut nicht den Jungs aus New York und London

Interview20. Juni 2012, 08:33
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Europa, ein Hort der Stabilität, Spanien, zu Unrecht abgestraft, Athen kein Abschusskandidat: Folker Hellmeyer lässt sich Europa nicht schlechtreden

Die Eurozone hat für den Chefanalysten der Bremer Landesbank in Deutschland, Folker Hellmeyer, in der Reformpolitik eine "enorme Leistung in den letzten zwei, drei Jahren zustande gebracht" und ist gut aufgestellt. Spanien habe ein funktionierendes Geschäftsmodell, und Griechenland sei in seinen Reformbemühungen allen Unkenrufen zum Trotz ebenfalls ein gutes Stück vorangekommen, erkärt er im Gespräch mit derStandard.at. Jetzt sei es für Europa an der Zeit, den Finanzmärkten, die ganze Reformprozesse und die konjunkturelle Erholung in den Ländern stören, Paroli zu bieten.

derStandard.at: Rundherum scheint die Welt zusammenzubrechen. Aber Sie sind guter Dinge - und das als gelernter Bankkaufmann. Wie kommt das?

Hellmeyer: Es ist notwendig, dass wir endlich einmal Klartext über Europa reden. Wir sind eine Paradesphäre der Stabilität, die man über die Finanzmärkte immer wieder anschießt und so die ganzen Reformprozesse und damit die konjunkturelle Erholung in den Ländern stört und Kapitalzuflüsse von diesen Ländern fernhält.

derStandard.at: Schön und gut. Aber wenn wir jetzt naheliegenderweise nach Athen schauen, sieht es dort nicht so rosig aus. Wieder einmal wird klar, dass Griechenland seine Sparvorgaben nicht erfüllen wird, nun wird eine Aufweichung des Sparkurses gefordert. Diskutiert werden auch neue Wachstumsimpulse. Immer noch scheint nichts weiterzugehen.

Hellmeyer: Ich halte es für absolut geboten, auch die Erfolge Griechenlands einmal darzustellen. Da sie immer verschwiegen werden, wirken sie sich auch nicht an den Märkten aus und das wirkt krisenverschärfend. Wir haben in Griechenland einen Rückgang der Neuverschuldung seit 2009 von 15,4 Prozent auf 9,1 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das sind immer noch sehr prekäre Zahlen. Aber man muss diesen Rückgang unter Berücksichtigung der Tatsache sehen, dass die Wirtschaftsleistung in den Jahren 2010 und 2011 um zwölf Prozent kollabiert ist.

derStandard.at: Und damit fiel der Einbruch stärker aus als je erwartet.

Hellmeyer: Wenn man normalerweise eine derartige Kontraktion der Wirtschaftsleistung hat und keine Reformen macht, steigt die Neuverschuldung. Wir sehen hier einen drastischen Rückgang um mehr als sechs Prozent innerhalb dieses Zeitraumes. Das ist ein Beleg für die Umsetzung von wesentlichen fiskalischen Strukturreformen. Der zweite Aspekt ist, dass in der Waren- und Dienstleistungsbilanz über die letzten Jahre eine nachhaltige Gesundung festzustellen ist.

Seit 2008 ist das Defizit der Waren- und Dienstleistungsbilanz um mehr als 50 Prozent reduziert worden. Fakt ist heute, dass die Exporte Griechenlands auf dem Niveau von 2007 sind, obwohl die Wirtschaft um 20 Prozent zusammengebrochen ist. Das sind markante Leistungsmerkmale der Reformpolitik, die von den Märkten nicht goutiert werden.

derStandard.at: Nicht nur nicht von den Märkten, sondern durchaus auch von einem gewichtigen Teil der Politik. Mit hoch erhobenem Zeigefinger heißt es wiederholt, dass alles viel zu wenig ist. Was sollen wir nun glauben?

Hellmeyer: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat damit recht, dass das volle vereinbarte Programm nicht umgesetzt worden ist. Das hat auch mit mangelnder Effizienz der Organisation zu tun. Tatsächlich ist noch viel zu tun. Aber wir müssen auch sehen, dass wir ein Land wie Griechenland in der Reformpolitik nicht überfordern. In der Politik gilt es, sich in einem magischen Dreieck zwischen fiskalischer, konjunktureller und gesellschaftspolitischer Stabilität zu bewegen.

Wir haben uns jetzt 30 Monate solitär nur auf die fiskalische Stabilität fokussiert und damit dieses Krisenszenario auch in der gesellschaftspolitischen Entwicklung in Griechenland erst ermöglicht. Es gilt hier auch zu lernen, dass die Anpassungsprogramme so gestrickt werden, dass man nicht gleichzeitig die Wirtschaft vollkommen paralysiert und damit die gesellschaftspolitischen Verwerfungen forciert. Es wäre bedauerlich, wenn die bereits erfolgten Reformen dadurch neutralisiert würden, dass Griechenland sich aus der Eurozone verabschiedet.

derStandard.at: Im Endeffekt sehen Sie also die Möglichkeit, dass nicht nur Griechenland, sondern auch die übrigen Südländer eine Chance haben, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, und dass die Eurozone trotz Nord-Süd-Gefälles überlebensfähig ist?

Hellmeyer: Das ist absolut richtig. Wir haben in Griechenland eine Reduktion der Lohnkosten von 35 Prozent in den letzten beiden Jahren. Wir haben heute die attraktivsten Investitionsbedingungen seit Ende der Militärdikatur Anfang der 1970er Jahre. Aber auf Grund der Verunsicherung an den Finanzmärkten und darüber, ob Griechenland in der Eurozone bleibt, reagiert die Realwirtschaft nicht mit Investitionen. Im Endeffekt hat die Eurozone in der Reformpolitik eine enorme Leistung in den letzten zwei, drei Jahren zustande gebracht. Es sind die stringentesten Reformen in der Geschichte der Industriepolitik.

Wenn man sich die gesamte Eurozone anschaut, dann haben wir dieses Jahr laut Internationalem Währungsfonds und OECD eine Neuverschuldung von ca. drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Die USA und Japan liegen irgendwo zwischen neun und zehn Prozent. Wir machen Reformen, USA und Japan verspielen ihre Zukunft. Und dass die Märkte hier ein ganz anderes Spiel aufsetzen, wo Europa im Endeffekt abgestraft wird, ist eine der größten Ineffizienzen, die die Finanzmärkte in der Geschichte auf die Beine gestellt haben.

derStandard.at: Die Investoren treffen ihre Wahl, die griechischen Wähler haben auch eine getroffen. Dennoch bleibt die Unsicherheit, ob es tatsächlich eine stabile, politische Situation in Athen geben wird. Das wird potenzielle Investoren nicht eben magisch anziehen?

Hellmeyer: Wir sind in der Tat darauf angewiesen, dass man in Griechenland in den nächsten Tagen eine Regierung auf die Beine stellt. Fakt ist, dass man sich grundsätzlich auf das Sparpaket verständigt und dass wir Anpassungen im zeitlichen Rahmen diskutieren werden und dass Wachstumspolitiken für Griechenland über die Strukturfonds seitens der EU aus der Taufe gehoben werden. Ich bin nicht euphorisch, aber zuversichtlich, dass wir Griechenland damit erst einmal vom Eis bekommen werden. Ich bin auch zuversichtlich, dass die deutsche Position sich ein Stück weit ändert.

Die deutsche Politik wird weiter sehr stark ordnungspolitisch geprägt sein, das heißt auf Strukturpolitik setzen und weniger auf Kosmetik. Aber Frau Merkel sollte nie vergessen, dass sie in der Krise 2008, 2010 sich sehr wohl am Kosmetikkasten der Ökonomie bedient hat, sowohl über die Abwrackprämie, als auch über das Kurzarbeitergeld und damit eben Brücken gebaut hat, bis strukturelle Wachstumsimpulse dann auch eine Wirkung auf die Gesamtkonjunktur haben. Das gilt es für die Reformländer auch ins Auge zu fassen. Insofern sehe ich die Wahl eines Präsidenten Francois Hollande und seiner Regierung auch als positiv, weil hier auch entsprechende Akzente gesetzt werden.

derStandard.at: Welchen Spielraum sehen Sie bei etwaigen Nachverhandlungen mit den Geldgebern?

Hellmeyer: Für mich sind das Zinsniveau und die zeitliche Anpassung der Reduktion der Defizite um ca. zwei Jahre verhandelbar. Wir müssen auch bei den Kohäsionsfondsmitteln und Strukturfondsmitteln von Seiten der EU aggressiver herangehen, weil Griechenland offensichtlich administrativ nicht in der Lage ist, um diese Mittel Griechenland auch zuzuführen. Ein weiterer Punkt ist das Programm Helios, wo Griechenland - das ist der Plan der EU - mittelfristig zu einem großen Stromlieferanten über Sonnenenergie aufgebaut werden soll. Diese Programme gilt es voran zu bringen und dann zu betonen, dass die europäische Reformpolitik nicht eine Politik des Scheiterns ist, sondern überwiegend der Erfolge.

derStandard.at: Und wie entkräften wir die Vorwürfe, dass in Griechenland viele EU-Fördergelder praktisch versandet sind?

Hellmeyer: Ich wünsche der griechischen Regierung die Weisheit, sich im Aufbau der Administration der Hilfestellung der EU und der europäischen Partnerländer zu bedienen. Alle Mittelvergaben, die jetzt von der EU kommen, müssen einer besonderen Kontrolle unterworfen werden. Aber da jetzt ohnehin maßgeblich das Masterminding für diese Maßnahmen in Brüssel und in Straßburg liegen wird, ist es meiner Meinung möglich, gleich auch die Kontrollmechanismen mit zu implementieren.

derStandard.at: Deutschland drohen jetzt passenderweise höhere Zinszahlungen - Grund ist die Angst vor höheren Belastungen durch die Euro-Hilfsprogramme. Ihre Worte sind wohl Wasser auf den Mühlen der Griechenlandkritiker?

Hellmeyer: Ich finde es immer fantastisch, dass Finanzmärkte und daneben auch die Deutschen glauben, dass das, was wir derzeit an den Finanzmärkten haben, etwas mit einer Normalsituation zu tun hat. Wir haben die größte Anomalie der Geschichte in der Refinanzierung der Bundesrepublik Deutschland und wir haben uns dabei noch nicht bei Tulla, Jorge, Dimitri, Josè und Sean bedankt. Denn die Finanzierungsmodalitäten, die wir im Moment hier haben, sind schlussendlich Folgen der Spekulation gegen die Reformländer. Für zweijährige Mittel haben wir nichts mehr zu bezahlen, da bekommen wir das Geld quasi vom Markt geschenkt.

Wenn es hier eine Versteifung des Zinsniveaus gibt, dann ist das eine Anpassung des Zinsniveaus an eine Normalsituation. Wir haben gesehen, dass im Krisenjahr 2009 Deutschland der Verlierer der Eurozone war mit einer Kontraktion der Wirtschaftsleistung von mehr als fünf Prozent. Wenn uns die Eurozone wegfällt, dann ist Deutschland erneut der Verlierer in Europa. 70 Prozent der Exporte des deutschen Mittelstands - das ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, das für Steueraufkommen, Arbeitsplätze, Ausbildung steht - gehen in die Eurozone. Wir sollten also das Grundkonzept unserer Ökonomie nicht vollkommen außer Acht lassen, wenn wir über Preise an Zinsmärkten reden.

derStandard.at: Dazu passt ein weiteres EU-Sorgenkind, nämlich Spanien. Sie sind der Meinung, dass das Land an den Märkten völlig zu Unrecht abgestraft wird. Was nützt das den Spaniern?

Hellmeyer: Wir haben Spanien in eine Finanzmarktsituation gleiten lassen, die prekär ist. Hier gilt es, nicht in Panik zu verfallen. Die aktuelle Mittelaufnahme ist ein ganz kleiner Teil der Gesamtverschuldung, die zu den hohen Zinsen abgewickelt wird. Wenn das zwei, drei Monate andauert, ist das nicht problematisch. Spanien auf den Punkt gebracht: Wir haben eine Staatsverschuldung von derzeit 70 Prozent mit der Rekapitalisierung von 100 Milliarden liegen wir bei 79 Prozent. Damit liegen wir bei der Gesamtverschuldung unterhalb des deutschen Niveaus.

Spanien hat ein Geschäftsmodell, das funktioniert. Spanien ist der zweitgrößte Automobilzulieferer nach Deutschland, ist weltweit mit Deutschland führend in alternativen Energietechnologien, ist die Gemüsekammer Europas, hat eine Top-Infrastruktur, top ausgebildete Menschen. Es ist ein Anpassungsprozess konjunktureller Art, der im Moment die Verwerfungen maßgeblich beschreibt. Das kann abgefedert werden. Ein Land wie Spanien ist nicht mit Griechenland vergleichbar.

derStandard.at: Das Problem ist beherrschbar?

Hellmeyer: Absolut, und das gilt es dem Markt klar zu machen und im Zweifelsfall - bevor man Spanien hier in eine noch prekärere Situation fallen lässt - halte ich es für angemessen, dass die EZB im Zweifelsfall das Staatsanleihen-Aufkaufprogramm wieder aufnimmt, um dem Markt eine Lektion zu erteilen. Es kann nicht sein, dass sich Märkte über Fakten so nachhaltig hinwegsetzen, dass mit ganzen Volkswirtschaften und ganzen politischen Systemen gezockt wird.

derStandard.at: Wäre ich jetzt ein Zocker, welche Staatsanleihen würden Sie mir ans Herz legen?

Hellmeyer: Ich halte das aktuelle Preisniveau für die italienischen Anleihen, die eine Neuverschuldung von 1,5 bis zwei Prozent dieses Jahr haben werden, für attraktiv und ich halte auch Spanien auf diesem Ausverkaufsniveau für attraktiv. Ich empfehle vielen Finanzmarktteilnehmern sehr, sich nicht nur die Brille Londons und New Yorks auf die Nase zu setzen. Diese Brille hat dafür gesorgt, dass man sich die Cash-Burn-Rate (Geldverbrennungsrate, Anm.) beim Neuen Markt eingekauft hat und sich verbrannte.

Sie hat dafür gesorgt, dass viele MBS-Papiere (Mortgage Backed Securities, durch Hypotheken gesicherte Wertpapiere, Anm.) gekauft haben, sie haben dafür gesorgt, dass man einem Alan Greenspan (Ex-Fed-Chef, Anm.) mit neuen Paradigmen folgte und all diese Erfahrungen sind schmerzhaft. Immer wenn wir den Jungs aus London und New York folgen, verbrennen wir uns. (Regina Bruckner, derStandard.at, 20.6.2012)

Folker Hellmeyer ist Chefanalyst der Bremer Landesbank in Deutschland. Er liefert aus dem Handelszentrum der Bank regelmäßig Analysen und Berichte zum aktuellen Geschehen an den Finanz- und Kapitalmärkten.

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    Europa stünde ein bisschen Selbstbewusstsein gut an, findet Chefanalyst Hellmeyer. Er rät Finanzmarktteilnehmern, "sich nicht nur die Brille Londons und New Yorks auf die Nase zu setzen".

  • Folker Hellmeyer: "Es kann nicht sein, dass sich Märkte über Fakten so nachhaltig hinwegsetzen, dass mit ganzen Volkswirtschaften und ganzen politischen Systemen gezockt wird."
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    Folker Hellmeyer: "Es kann nicht sein, dass sich Märkte über Fakten so nachhaltig hinwegsetzen, dass mit ganzen Volkswirtschaften und ganzen politischen Systemen gezockt wird."

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