"Lost in Translation"

Blog21. Juni 2012, 14:18
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Viel Gesagtes bleibt in Afghanistan auf der Strecke, weil es Probleme mit dem örtlichen Dialekt gibt

Dem Platoon (Zug), den ich in der Provinz Zormat gerade begleite, ist ein Reserveoffizier aus der New Yorker Bronx angeschlossen. Captain Gil ist der Civil Affairs-Offizier auf Zormat und versucht, die verschiedenen Entwicklungsprogramme der Amerikaner und der Kabuler Regierung voranzutreiben. Er fragt jedes Kind, das er im Dorf antrifft: "Gehst du zur Schule? Lassen dich deine Eltern zur Schule gehen? Wie können wir dem Dorf helfen? Gibt es genug Wasser, Nahrung?" Ein Lehrer den er trifft beschwert sich, dass er seit drei Monaten nicht mehr bezahlt wurde.

Oft wird auch nach den Taliban gefragt: "Haben sie die Taliban gesehen? Wann waren die Taliban das letzte Mal hier?" Dies wird von den Einwohnern der Dörfer hier in der Umgebung verneint. Jeder aber weiß, dass die Taliban fast jeden Abend mit ihren Motorrädern durch die Dörfer ziehen, Unterschlupf finden, ja sogar Gerichtsverhandlungen abhalten. Nach mehreren Überredungsversuchen ist ein Mann bereit, den Soldaten eine verlassene "Mörserstellung" im Dorf zu zeigen. Wir marschieren dorthin, es stellt sich aber heraus, dass es sich nur um einen Mörsergranattrichter handelt. Auf dem Rückweg spreche ich mit einem Corporal: "The people don't care about us! I stopped caring about them. They just want the war to end!" Vieles Gesagte bleibt "Lost in Translation", da jegliche Kommunikation über Übersetzer läuft. Die kommen meistens aus Kabul und haben Probleme mit dem örtlichen Dialekt.

Funkspruch

Vom Dorf geht es weiter über ein offenes Feld, welches von einem Wadi (einem ausgetrockneten Flussbett) flankiert wird. Hier kommen die Soldaten oft unter Beschuss. Auch das Talibanmörserteam feuert versteckt aus dieser Gegend. Bald gehen wir direkt im Wadi und beginnen es von Osten nach Westen zu durchkämmen. Mehrmals halten wir an und der Zug formiert sich zu einem 'strong point', einer Verteidigungsposition mit dem Ziel, die Taliban zum Angriff zu bewegen. Jeder Schritt einer amerikanischen Einheit wird nämlich von Taliban-Informanten überwacht. Nur in der Nacht sind die Amerikaner im Vorteil und haben das Überraschungselement für sich. Kein Taliban zeigt sich jedoch. Wir ziehen weiter.

Etwa um acht Uhr bekommen wir einen Funkspruch, dass auf den Stützpunkt gefeuert wurde und amerikanische Informanten die verantwortlichen Taliban im Nachbardorf ausgemacht haben. Wieder formiert sich der Zug zu einem strong point. Es ist bereits dunkel. Der Sergeant kommt zu mir in den Graben, in dem ich Zuflucht gesucht habe: "You might have some interesting pictures if they move into our killing zone here!", meint er lächelnd. Die Amerikaner erwischen aber auch auf dieser Patrouille niemanden. (Franz-Stefan Gady, derStandard.at, 21.6.2012)

  • Captain Gil versucht der mit seiner Civil Affairs-Einheit die 
Landbevölkerung dazu zu bewegen, ihre Kinder in die Schule zu schicken.
    foto: gady

    Captain Gil versucht der mit seiner Civil Affairs-Einheit die Landbevölkerung dazu zu bewegen, ihre Kinder in die Schule zu schicken.

  • Das Überqueren eines offenen Feldes in der
Nähe von Zormat Stadt.
    foto: gady

    Das Überqueren eines offenen Feldes in der Nähe von Zormat Stadt.

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