Vertrauensoffensive: Speichelprobe, bitte

Blog19. Juni 2012, 13:34
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Die NATO-Truppen wollen die Herzen und Köpfe der Afghanen gewinnen - Ein unmögliches Unterfangen

COIN, die Akürzung für Counterinsurgency (Aufstandsbekämpfung), meint ein Reihe von NATO-Taktiken und Strategien, um den Einfluss der Taliban militärisch und politisch zurückzudrängen. Das Ziel ist, die "hearts and minds" der lokalen Bevölkerung zu gewinnen, so das berühmte Mantra des britischen General Templer, der in den 50er Jahre des 20. Jahrhundert mit großem Erfolg einen Aufstand in Malaysia ("The Malayan Emergency”) bekämpfte.

Für die Soldaten von Dog Company des dritten Bataillons der Task Force Geronimo, bedeutet COIN, Patrouillen durch Dörfer, Täler und Felder in unmittelbaren Umgebung um Zormat durchzuführen. Die örtliche Bevölkerung zum Dialog zu bewegen, ist allerdings eine nahezu vergebliche Mission. "They are just playing a game with us here. We talk to the villagers for three to four hours about their problems, but once we leave we got shot at!" so der Sergeant der schon drei Einsatzrotationen zwischen Irak und Afghanistan hinter sich hat.

Problembezirk Zormat

Zormat ist der größte Problembezirk der Paktia Provinz. Nahezu jedes Dorf ist überwiegend pro-Taliban und gegen die Regierung. Wegen der instabilen Lage, können fast keine NGOs hier operieren (nicht einmal USAID/United States Agency for International Development hat eine große Präsenz in der Region) und es werden, im Vergleich zum Rest der Provinz, relativ wenig Entwicklungsprojekte gestartet. Oft wird Zormat auch als das "Ghetto" von Paktia bezeichnet.

Ich begleitete einen Platoon (Zug) unter dem Kommando von First Sergeant Alexander Janson auf einer Patrouille in der unmittelbaren Nähe des Stützpunktes. Es ist eine "disruption patrol" um zu verhindern, dass der Stützpunkt von indirektem Mörserfeuer beschossen wird. Seit einigen Wochen treibt ein Talibanmörserteam sowie eine kleine Talibangruppe mit einem kleinkalibrigen Flakgeschütz ihr Unwesen und macht den Amerikanern auf Zormat das Leben schwer. Das Ziel der Patrouille ist - wenn möglich - den Feind zu finden und zu töten.

Hinterhalt der Taliban

Alle Patrouillen haben eine "mounted" (aufgesessene) und "dismounted" (abgesessene) Komponente. Wir fuhren im Konvoi in MRAP-Fahrzeugen (Mine Resistant Ambush Protected) zu einem Absetzpunkt etwa einen Kilometer westlich der Stadt Zormat und begannen querfeldein über Weizenfelder und verlassenen Qalats (befestigte Bauernhöfe, die es bereits in der Antike in Afghanistan gab) vorbei zum ersten Dorf zu marschieren. Das Dorf Kharachi, unser erster Anlaufpunkt, wurde zuallerst einmal gesichert. Bei der letzten Patrouille wurde der Zug von einer Gruppe von Taliban in einen Hinterhalt gelockt und erst einige gezielte Artillerieschüsse vom Gefechtsposten Zormat konnten die Gruppe zerstreuen.

Danach führten die Amerikaner durch, was ich in der letzten paar Tagen auf verschiedenen Patrouillen schon mehrmals gesehen habe. Sie begannen alle kampffähigen Männer des Dorfes zu "hiiden", d.h. in einer biometrischen Datenbank zu registrieren. Dabei wird ein kleiner Apparat, genannt HIIDE (Handheld Interagency Identification Detection Equipment) verwendet. Fast jeder erwachsene männliche Dorfbewohner musste eine Speichelprobe und Fingerabdrücke abgeben sowie einen Irisscan über sich ergehen lassen.

Zwangsregistrierung

Menschen aus ihren Häuser zu treiben oder auf der Straße anzuhalten und wie Vieh zu registrieren, mag zwar eine entscheidende Komponente der Aufstandsbekämpfung sein, doch gewinnt man mit dieser Vorgehensweise sicher nicht die Herzen der Bevölkerung. Die Afghanen fügten sich stumm dem Prozedere. Der Registrierungsprozess in diesem Dorf (und alle anderen die darauf folgten) hinterließen bei mir einen bitteren Nachgeschmack. Nirgends war für mich klarer, dass Amerikaner und NATO eine Besatzungsmacht sind. (Franz Stefan Gady, derStandard.at, 19.6.2012)

COIN (Akürzung für Counterinsurgency): ist ein Reihe von Taktiken und Strategien um den Einfluss der Taliban militärisch sowie auch politisch zurückzudrängen.

In den letzten acht Jahren hat sich in den USA, speziell in Washington DC, eine regelrechte "COIN Lobby” entwickelt. Es gibt eigene Magazine (z.b. das Small Wars Journal), hunderte von Symposien und Kurse in den War Colleges der US-Streitkraefte, wissenschafliche Artikel, und zahlreiche Bücher (z.b "Learning to Eat Soup with a Knife"), die sich nur mit diesem Thema befassen. Das Feldhandbuch 3-24, Aufstandsbekämpfung, geschrieben von General David Petreus und General James F. Amos im Dezember 2006, ist das Standardwerk der NATO Truppen in Afghanistan. Das Feldhandbuch unterteilt die Aufstandsbekämpfung in vier verschiedene Phasen ("Shape", "Clear", "Hold", "Build"). Laut einigen Befürwortern des Feldhandbuchs 3-24, war diese Strategie verantwortlich für die gelungene "Surge" – die Zerschlagung des Sunni- Aufstands im Jahr 2007 im Irak. Kritiker hingegen sehen externe Faktoren, die oft nicht vom Militär beeinflusst werden können, als die entscheidendere Komponente. Analysiert man erfolgreiche Aufstände der Vergangenheit ist es tatsächlich schwierig, ein Muster und eine erfolgreiche militärische Strategie zu finden. In Malaya zum Beispiel führte ein Exportboom von Kautschuk dazu, dass dem Aufstand die wirtschaftliche Basis genommen wurde.

  • Registrierung der Dorfbevölkerung.
    foto: gady

    Registrierung der Dorfbevölkerung.

  • First Sergeant Alexander Janson und Staff Sergeant Reyna beraten über die weitere Vorgehensweise.
    foto: gady

    First Sergeant Alexander Janson und Staff Sergeant Reyna beraten über die weitere Vorgehensweise.

  • Die Befehlssausgabe geleitet von First
Sergeant Janson. Der Zugskommandant und ein Drittel des Zuges sind zur Zeit auf
Urlaub.
    foto: gady

    Die Befehlssausgabe geleitet von First Sergeant Janson. Der Zugskommandant und ein Drittel des Zuges sind zur Zeit auf Urlaub.

  • Kurz nach dem "Absitzen".
    foto: gady

    Kurz nach dem "Absitzen".

  • Soldaten verteilen Flugblätter, die zur Abgabe von Waffen aufrufen und Belohnungen für die Warnung vor Sprengfallen versprechen.
    foto: gady

    Soldaten verteilen Flugblätter, die zur Abgabe von Waffen aufrufen und Belohnungen für die Warnung vor Sprengfallen versprechen.

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