Nasser - und Hassan al-Banna - drehen sich im Grab um

Analyse18. Juni 2012, 18:17
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Ägyptens Muslimbrüder in Reichweite eines Präsidentenamts, das ihrer Ideologie widerspricht

Kairo/Wien - 84 Jahre nach ihrer Gründung ist das höchste Amt Ägyptens in Reichweite der Muslimbruderschaft. Ob der Volksschullehrer Hassan al-Banna, der die islamische, karitative, antikolonialistische Organisation 1928 ins Leben rief, zufrieden wäre? Ein Präsident eines Landes, das sich - zumindest vordergründig - dem Übergang in ein westliches System, der Demokratie, verschrieben hat und gleichzeitig an der Leine der Militärs hängt: Davon hat Banna gewiss nicht geträumt. Dass die "Ikhwan" da heute mitmachen, ist das Resultat einer langen Entwicklung.

Die Muslimbrüder sind nie einfach "fundamentalistisch" gewesen, sie waren eine Reaktion auf eine aufklärerische Bewegung, der sie eine islamische Antwort entgegensetzen wollten. 1925 war in Kairo "Der Islam und die Grundlagen des Regierens" erschienen, in dem Ali Abdel Raziq konstatierte, dass der Islam den Muslimen keine Regierungsform vorschreibe - und schon gar nicht das Kalifat. Auf die laizistischen Ideen des intellektuellen Großbürgers Abdel Raziq und anderer antworteten die Muslimbrüder mit einer Ideologie für den kleinen Mann, der die Sicherheit in einer sich verkomplizierenden Welt - die später Nobelpreisträger Naguib Mahfuz so meisterlich erzählte - im Islam fand, der den gesamten Alltag regelte.

Die straffe Durchorganisierung, die jener einer politischen Partei entsprach, mit Angeboten für alle Lebensbereiche, ließ die Ikhwan schnell wachsen. Ende der 1940er Jahre, am Vorabend der antimonarchistischen Revolution, hatte die Muslimbruderschaft etwa eine halbe Million Mitglieder.

Der Honeymoon der Bruderschaft, die 1948 verboten worden war, mit den Freien Offizieren überdauerte die Revolution 1952 nicht lange: Aber ihre Verfolgung unter Staatschef Gamal Abdel Nasser förderte ihre internationale Ausbreitung. Präsident Anwar el-Sadat versuchte, die Ikhwan gegen die Linken auf seine Seite zu ziehen: Nach dem Frieden mit Israel wurde er von einer Splittergruppe der Ikhwan ermordet.

Die ideologische Grundlage für die Radikalisierung hatte Sayyid Qutb (1966 hingerichtet) geliefert. Der heutige Führer von Al-Kaida, Ayman al-Zawahiri, ist ein Spiegel dieser Entwicklung: Als 14-Jähriger (1965) in die Muslimbruderschaft eingetreten, wandte er sich dem "Ägyptischen Islamischen Jihad" zu, den er schließlich mit Al-Kaida fusionierte.

Parallel dazu entwickelte sich die pragmatische Richtung der Brüder, die 2005 mit dem verhassten System insofern kooperierten, als sie sich als " Unabhängige" ins Parlament wählen ließen. Der Kandidat des alten Regimes, Ahmed Shafik, warf ihnen entsprechend im Wahlkampf vor, ihr " Widerstand" sei eine große Lüge.

Die Parlamentswahl zeigte, dass die Brüder von einer neuen Partei des kleinen Mannes Konkurrenz bekommen haben, den Salafisten. Die Muslimbrüder sind heute eher bürgerlich - und manche sehr reich, wie ihre Nummer zwei, der Milliardär Khairat al-Shater. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 19.6.2012)

  • Eine junge Muslimin neben einem Porträt des Gründers der ägyptischen Muslimbrüder, Hassan al-Banna.
    foto: epa/nasrallah

    Eine junge Muslimin neben einem Porträt des Gründers der ägyptischen Muslimbrüder, Hassan al-Banna.

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