Singen mit Thilo Sarrazin

18. Juni 2012, 17:49
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Gut an diesem Abend war, dass die österreichische Platzhirschqualität dem Bestsellerautor relativ wenig Platz ließ

Das ist überhaupt die Idee: mit Fußball Thilo Sarrazin ausschalten. Gegen die EURO riss der Eurokritiker Sonntagabend kein Leiberl. 250.000 Unerschrockene wollten sich den erhofften Frontalunterricht im Fach Währungspopulismus nicht entgehen lassen. 1,1 Millionen entschieden sich für die Matches. Passt.

Denn die unsportliche Runde lieferte wenig Erbauliches. Vorauszuschauen forderte Ingrid Thurnher zwar ein - aber die Gäste verweigerten standhaft.

Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek ordnete Griechenland als historisches Dauerprekariat ein: "Griechenland ist seit dem 18. Jahrhundert schon fünfmal in Konkurs gegangen, hat also damit schon seine Erfahrung." Dass der Euroausstieg so schlimm nicht werden kann, meinte auch Sarrazin. Dieser sei vor allem deshalb anzuraten, weil die Griechen vor diesem Hintergrund eher nicht "in einem halben Jahr so praktisch werden wie die Deutschen". Immerhin brachte er Hannes Swobodas Augen zum Funkeln.

Bereits wurde über Twitter gefragt, wie klug es denn sei, Sarrazins krausen Ideen überhaupt ein Forum zu geben, noch dazu an einem Abend mit zwei weiteren wichtigen Wahlentscheidungen. Kein schlechtes Argument. Aber dann hätte man Sarrazin ausladen müssen, was den Bildungsauftrag nicht unbedingt, den Unterhaltungsauftrag vermutlich empfindlich missachtet hätte. Und der geht heutzutage bekanntlich vor. Dilemmata des Qualitätsfunks.

Gut an diesem Abend war, dass die österreichische Platzhirschqualität dem Bestsellerautor relativ wenig Platz ließ. Noch besser wäre freilich der irische Weg: Singen bis zum bitteren Ende. (Doris Priesching, DER STANDARD, 19.6.2012)

  • "Griechenland - Sargnagel für den Euro?" war Sonntagabend Thema "Im Zentrum".
    foto: orf

    "Griechenland - Sargnagel für den Euro?" war Sonntagabend Thema "Im Zentrum".

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