Gefoltert, geflohen, verhaftet, gefoltert

Reportage18. Juni 2012, 18:14
37 Postings

An der Grenze zwischen Äthiopien und Eritrea sitzen tausende Menschen fest, die lieber gestorben wären, als dort zu bleiben, wo sie waren

"Ich wollte nur noch weg. Weg oder sterben", flüstert Yonas. Yonas ist nicht gestorben. Er ist weg. Weg aus Eritrea, weg aus einem der ärmsten und brutalsten Länder der Welt. Jetzt lebt er im Flüchtlingslager Mai-Aini im Norden Äthiopiens. Doch angekommen ist Yonas noch nicht. Er ist immer noch auf der Flucht. Yonas ist einer von weltweit 43,7 Millionen Menschen, die laut UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR auf der Flucht sind. Mit dem Weltflüchtlingstag am 20. Juni will die Uno auf ihr Schicksal aufmerksam machen.

Yonas liegt auf dem Lehmboden, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, die Beine angezogen. "So haben sie mir im Foltergefängnis Arme und Beine zusammengebunden. Stundenlang. Sie nannten es ,otto', italienisch für acht, weil der Körper eine Acht bildet", sagt Yonas. Narben an seinen Hand- und Fußgelenken zeugen von den Qualen. Immerhin hat er noch beide Hände. Einem Mithäftling sind durch die bestialische Fesselung beide Hände abgefault.

Foltergefängnis

Yonas landete im Foltergefängnis, weil er nach 14 Jahren Wehrdienst desertierte und versuchte, in den Sudan zu fliehen. Nach der Haft rannte er erneut davon. 50.000 Nakfa, umgerechnet 2500 Euro, zahlte er einem Schlepper, damit dieser ihn über die Grenze bringe. Freunde, denen die Flucht bereits gelungen war, schickten Geld aus Schweden, den USA und der Schweiz nach Asmara.

Tagsüber versteckten Yonas und der Schlepper sich in Höhlen, nachts liefen sie zwischen Landminen und eritreischen Grenzsoldaten hindurch, die ohne Warnung scharf schießen - bis sie den Merebe-Fluss, die Grenze zu Äthiopien, erreichten. Dort gab Yonas dem Schlepper seine Hälfte eines geteilten Nakfa-Scheines. Die andere Hälfte hatte Yonas' bester Freund in Eritrea behalten. Erst wenn der Schlepper ohne Yonas, aber mit der zweiten Hälfte des Scheines zurückkehrte, sollte er die 50.000 Nakfa bekommen.

Drei Jahre im Lager

Als der Schleuser den Rückweg antrat, watete Yonas durch den ausgetrockneten Grenzfluss, wurde von äthiopischen Soldaten aufgegriffen und ins Flüchtlingslager Mai-Aini im äthiopischen Hochland gebracht. Seit drei Jahren ist er nun hier.

"Ich kann nicht schwimmen, und die Boote nach Italien sinken oft. Seitdem Gaddafi gestürzt ist, glauben die Revolutionäre, wir seien seine Söldner gewesen, und töten uns. Wer es über den Sinai nach Israel versucht, trifft oft auf Banditen, die uns töten, um unsere Organe zu verkaufen. Für eine Niere soll es tausende Dollar geben", sagt Yonas.

Habtu Russom jedoch erschienen die Verheißungen des Lebens im Westen größer als die Risiken der Flucht. Sieben Jahre lang versuchte der Informatikstudent zu fliehen, immer wieder landete er in Foltergefängnissen, mehrmals wäre er beinahe gestorben, einmal hätte er es fast ins vermeintliche Paradies geschafft. Fast.

Bei seinem vorerst letzten Versuch, nach Europa zu gelangen, kam er mit Schleppern an die libysche Küste. 38 Flüchtlinge hatten die Menschenhändler auf einem Pick-up zusammengepfercht. Nach drei Tagen brach das Auto in der Wüste zusammen. 15 Tage dauerte es, bis die Gangster Ersatzteile beschafft und den Wagen wieder flottgemacht hatten. In das Wasser, das sie den Flüchtlingen gaben, mischten sie Motoröl, damit sie weniger tranken. Nachts vergewaltigten sie die Frauen, während Komplizen die Ehemänner mit Kalaschnikows in Schach hielten. Acht Flüchtlinge überlebten die Fahrt nicht.

Seenot im Mittelmeer

Bei der Stadt Zliten ging Russom nachts an Bord eines schrottreifen Fischerboots. 518 andere Flüchtlinge will er gezählt haben. Nach rund 20 Stunden Fahrt geriet das völlig überladene Boot in einen Sturm und in Seenot und funkte um Hilfe. "Nach mehreren Stunden kamen endlich Schiffe. Doch sie hatten Angst vor uns. Erst als die Frauen die Babys in die Höhe hielten, nahmen sie uns an Bord", erinnert sich Russom.

Die Flüchtlinge kamen auf Malta in Abschiebehaft und wurden trotz Hungerstreiks zurückgeflogen. Als Russom wieder in dasselbe Gefängnis eingeliefert wurde, in dem er vor seiner Flucht einsaß, begrüßten die Folterknechte ihn mit "Willkommen daheim". 2009 konnte er erneut nach Äthiopien fliehen. Die Odyssee durch die Wüste und übers Meer will er nicht noch einmal wagen. (Philip Hedemann aus Mai-Aini, DER STANDARD, 19.6.2012)

  • Habtu Russom (re.) schaffte es nach Europa - dann kam er zurück ins Foltergefängnis.
    foto: standard/hedemann

    Habtu Russom (re.) schaffte es nach Europa - dann kam er zurück ins Foltergefängnis.

Share if you care.