Ablassjahr nach bibli­schem Vorbild ist fällig

Regina Bruckner
19. Juni 2012, 09:39
  • "Jeder Umsturz, jede Revolution beginnt mit Schulden, welche die Gesellschaft nicht mehr bezahlen kann" - (Frank Schirrmacher, FAS) - hier Occupy-Proteste in Frankfurt...
    foto: ap/vedder

    "Jeder Umsturz, jede Revolution beginnt mit Schulden, welche die Gesellschaft nicht mehr bezahlen kann" - (Frank Schirrmacher, FAS) - hier Occupy-Proteste in Frankfurt...

  • ....und hier in London.
    foto: ap/lipinski

    ....und hier in London.

Wer Schulden hat, muss sie zurück­zahlen. Muss das so sein? Nein, sagt David Graeber. Er er­zählt die Geschichte der Schulden als Geschichte der Unterdrückung

Die Zeiten sind harsch, die Schuldenberge dies- und jenseits des Atlantiks hoch. So mächtig sind in manchen Staaten die Verbindlichkeiten gewachsen, dass es den Ländern schier unmöglich erscheint, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Rettungslos verloren, so lautet vielfach die Diagnose für solche Kandidaten, Sparen, Sparen, Sparen die Therapie für den überwiegenden Rest.

Und die Ökonomen rechnen: Mit dem Schlimmsten, mit der Vernunft, mit der Zunft ab und neue Wege und Lösungen vor. Just in solchen Zeiten, kommt ein Blick über den Tellerrand wie gerufen. Und so mag es nicht verwundern, dass David Graebers umfangreiches Werk "Schulden, die ersten 5.000 Jahre" in den deutschen Medien mit geradezu hymnischer Begeisterung aufgenommen wird. Auch wenn die Thesen des US-Amerikaners nicht nur Zustimmung finden, sein Buch gilt unseren Nachbarn schon jetzt als "eines der wichtigsten Sachbücher des Jahres", als "Offenbarung", als "einer der erhellendsten Kommentare zur aktuellen Krise".

Die Macht der Schulden

David Graeber gilt als einer der führenden Köpfe der Occupy-Bewegung und er ist Anthropologe. Als solcher macht er auch vor ökonomischen Gewissheiten nicht halt. Privatschulden sind Lebenssaft der Wirtschaft, alle modernen Staaten nehmen zur Finanzierung ihrer Ausgaben Schulden auf. Aber niemand scheine genau zu wissen, wundert sich Graeber, was es damit auf sich habe, oder darüber nachzudenken. Er findet, die Zeit für eine differenzierte Betrachtung sei reif. Und so macht sich der 51-Jährige auf, um zu ergründen, was diesen Begriff "so seltsam mächtig macht."

"Ich habe den Eindruck, ein Ablassjahr nach biblischem Vorbild ist überfällig, für Staatsschulden wie für Konsumschulden." Graeber will in Zeiten, wo das zentrale Thema in Wirtschaft und internationaler Politik die Schulden sind, den Resetknopf drücken: "Ein genereller Schuldenerlass wäre nicht nur heilsam, weil er menschliches Leid lindern könnte", so der in England Lehrende und von der renommierten Yale Universtity trotz seines fachlich exzellenten Rufes vor die Tür gesetzte, bekennende Anarchist. "Es riefe uns auch in Erinnerung, dass Geld nichts Geheimnisvoll-Unvergleichliches ist und dass das Begleichen von Schulden nicht das Wesen der Sittlichkeit ausmacht."

Die Geschichte des Geldes verkehrt erzählt

Um das zu argumentieren und mit Fakten zu hinterlegen, holt die Gallionsfigur der Occupy-Bewegung weit aus und macht auch vor den Säulenheiligen der Ökonomie nicht halt. Denn um die Geschichte der Schulden zu erzählen, braucht es auch die Geschichte des Geldes. Die beruht mit dem "Gründungsmythos der Wirtschaftswissenschaften" auf der Idee, dass die Geschichte des Geldes mit dem Tauschhandel beginnt. "Wenn jene von den Ursprüngen des Geldes sprechen, sind Schulden immer so etwas wie ein nachträglicher Gedanke. Erst kommt das Tauschgeschäft, dann das Geld; der Kredit taucht erst später auf. Aber so stimmt das nicht", meint Graeber und bringt Adam Smith ins Spiel mit seiner tausend Mal zitierten Sicht des Güteraustausches. Der schottische Aufklärungsphilosoph sieht den Wohlstand der Nationen in einer "natürlichen Neigung" der Menschen, miteinander zu handeln und Dinge untereinander zu tauschen, begründet. Vermutlich zum Vorteil von beiden Seiten.

Graebers Quellenstudium - von ägyptischen Hyroglyphen bis zu mesopotamischen Keilschriften - ergab einen nüchternen Befund: "Selten wurde eine historische Theorie so vollkommen und systematisch zerlegt." Smith habe die Geschichte vom Tauschhandel - Fisch gegen den Weizen - in die Welt gebracht, die es so nie gegeben hätte. Anthropologen hätten schon lange festgestellt, dass die Menschen nie wirklich direkten Tausch betrieben hätten. "Wir fingen nicht mit dem Tauschhandel an, entdeckten dann das Geld und entwickelten schließlich Kreditsysteme. Was wir heute virtuelles Geld nennen, war zuerst da. Die Münzen kamen viel später (...) Der Tauschhandel war offenbar in erster Linie eine Art zufälliges Nebenprodukt der Verwendung von Münzen und Papiergeld. Kreditsysteme - also das was wir heute als virtuelles Geld bezeichnen - habe es schon in Mesopotamien gegeben.

Geschichte der Menschheit als Geschichte der Schuldbeziehung

Auf über 500 Seiten beschreibt Graeber die Geschichte der Menschheit als Geschichte der Schuldbeziehung. Und da stehen nicht die positiven Seiten des Schuldenmachens im Vordergrund. Nicht der ökonomische Grundsatz, dass der eine Geld für eine Investition vorstreckt, in der Hoffnung darauf, dass der andere Gewinn macht und zurückzahlen,  und der Schuldner gleichzeitig mit seinem Betrieb loslegen kann. Schulden, das sind für Graeber eine lange Geschichte von menschlicher Unterdrückung und Gewalt. Einer nimmt vom anderen etwas, ohne dafür eine Gegengabe parat zu haben. Damit gerät er in Schuld und Abhängigkeit. Denn der andere versteht seine Gabe nicht als Geschenk, sondern als rückzahlbare Verpflichtung. Und das war quasi schon immer so.

In Mesopotamien entstand, lange vor dem Geld, ein System der Naturalschulden. Auf Tontafeln wurde die Verpflichtung fixiert, mit Zins und Zinseszins zurückzuzahlen. Wenn der Schuldner nicht zahlte, verlor er Land, Haus, Weib, Kinder und Freiheit. Der mit staatlich-religiöser Gewalt sanktionierte Schuldmechanismus polarisierte Arm und Reich, in Notzeiten führte das zum Exodus oder zum Aufstand der verschuldeten Massen. Ein periodisch dekretierter Schuldenerlass lag deshalb im erklärten Eigeninteresse der Herrschenden. Zeugnisse darüber fand Graeber schon in Hammurabis Gesetz; auch die Thora schrieb eine Rückgabe des Landes, Löschung aller Schulden und Lösung der Knechtschaft alle sieben und alle fünfzig Jahre vor. Graeber zitiert seinen ökonomischen Lehrer Michael Hudson: "Es ist einer der großen Unglücksfälle der Weltgeschichte, dass die Institution des Geldverleihens gegen Zinsen aus Mesopotamien sich ausbreitete, ohne in der Regel von den ursprünglichen checks and balances begleitet zu werden."

Und dann fing alles von vorne an

Ein System ohne Schulden sei effizienter, so der 51-Jährige. Und so sei ein Schuldenerlass unerlässlich. So wie früher: "Die Schulden wurden angehäuft, führten zu Krisen und wurden schließlich erlassen. Und dann fing alles wieder von vorne an." Das war die ursprüngliche Idee und die habe man Jahrtausende lang falsch verstanden. "Das Erstaunliche an dem Satz ‚man muss seine Schulden zurückzahlen‘ ist", so Graeber im Interview mit "Deutschlandradio", "dass er nach der ökonomischen Standardtheorie nicht stimmt."

Eins der besten Beispiele sei wohl das, was 2008 und davor passiert sei, als man armen Familien Hypotheken verkauft hatte, bei denen der Ausfall von vornherein unvermeidlich war. Es wurden Wetten abgeschlossen, wie lange es dauern würde, bis die Kreditnehmer nicht mehr zahlen konnten. Besagte Hypotheken und Wetten wurden zu Paketen verschnürt und an institutionelle Investoren verkauft mit der Behauptung, das Paket werde Geld einbringen, ganz gleich, was passieren sollte. Die Investoren konnten die Pakete weiterreichen, als wären sie Geld und die Verantwortung für die Auszahlung der Wette wurde einem gigantischen Versicherungskonzern übertragen, der - falls er unter dem Gewicht der daraus resultierenden Schulden zusammenbrechen sollte - von den Steuerzahlern gerettet werden müsse - und tatsächlich gerettet wurde.

"Interessant wird es" - so Graeber im Deutschlandradio - "wenn es ein Ungleichgewicht der Macht gibt, wenn ein großer Investor einem Kleinen Geld leiht, wenn reiche armen Leuten Geld leihen." Das für ihn entscheidende Detail 2008: "Wichtige Institutionen kommen immer damit durch, wenn sie Schulden gemacht haben und diese nicht bezahlen können. Dann gibt es Möglichkeiten zu verhandeln, sich da raus zu lavieren, und plötzlich sind Trillionen, Billionen von Schulden verschwunden." (Regina Bruckner, derStandard.at, 19.9.2012)

"Schulden, die ersten 5.000 Jahre" ist bei Klett-Cotta erschienen.

David Graeber im Interview mit Deutschlandradio und bei Maybritt Illner als Youtube-Video

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Ganz tolle Idee. Nun ist es aber so, dass meine Bank mir Geld schuldet - nicht umgekehrt. Ist das dann auch weg?

Ablassjahr - tolle Idee!

Warum sollte das, was für Griechenland recht war nicht auch für andere Länder gelten? Warum sollten nur Länder und nicht alle Schuldner, welche von übermäßigen Schulden geplagt werden, durch einen Schuldenerlass entlastet werden? Es müssen keine 100% sein. Ein Schuldenerlass von 75% würde ausreichen.

Darum, gleiches Recht für alle!

!!

man nimmt jemandem 500 euro dann Borgt man ihm 300 euro zurück und dann sagt die Regierung wir müssen mehr sparen damit wir die 300 euro zurückzahlen hahaha tolle logik von der allerdings nur eine seite profitiert und zwar die,die mir die 500 euro weggenommen hat !! deshalb nicht mehr verschulden sondern das zurückverlangen was einem weggenommen wurde,und das sind die 10 % der vermögenden Gesellschaft die 70 % vom gesamtkapital besitzen !!!

ethik ist ja auch ein schuldgedanke

man gibt ein redliches verhaltnsmuster vor und erzeugt ein schlechtes gewissen bei verfehlung gegen dieses relative frei erfundene muster.

(erbsünde-zehent, klimawandel-co2steuer, politische korrektheit- fairtrade produkte......)

Reichtumsbericht vs. Schuldenkrise

Es gab ja schon 2006 einen Reichtumsbericht.
http://www.kpoe-steiermark.at/download.... b&target=0

Ein Update wäre von höchstem Interesse!

Weil ich grad grübel:

Gibts eigentlich einen Aspekt des menschlichen Lebens, der - bissi Interpretationsspielraum vorausgesetzt - KEINE jahrtausendelange Geschichte der Unterdrückung und Gewalt aufweist?

Das Einheben von Steuern und Abgaben durch den Staat zB kann ja wohl auch eine Geschichte der Unterdrückung und Gewalt vorweisen, die sich gewaschen hat ...

auch dazu hat david graeber etwas zu sagen

nämlich in kapitel 5: the moral grounds of economic relations

darin unterscheidet er drei unterschiedliche moralische prinzipien, auf denen ökonomische beziehungen basieren:

1. kommunismus (jede nach ihren fähigkeiten, jeder nach ihren bedürfnissen)
2. austausch (markt und geschenke)
3. hierarchie

er meint, dass diese moralischen prinzipien überall nebeneinander existier(t)en - selbstverständlich in unterschiedlicher ausprägung.

wenn er von kommunismus redet, ist weder der real existierende sozialismus noch das was er "mytischen kommunismus" nennt (ein utopia, dass in einer fernen zukunft liegt und mit eigentumsverhältnissen zu tun hat, etwas was die "kommunisten" erreichen wollen und die antikommunisten nicht).

Ich habe einen Buchtipp für Sie: Peter Kropotkin - Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. (http://www.alibri-buecher.de/Trotzdem/... :364.html)

Vor über 100 Jahren geschrieben als Antwort auf zahlreiche Publikationen, die Darwins Evolutionstheorie zu einem menschenverachtenden Sozialdarwinismus verkürzen wollten. In "Inside Occupy" bezieht sich Graeber offen auf Kropotkin...

jetzt der punkt, ob es einen aspekt menschlichen lebens gibt, der...

david graeber argumentiert, dass der real existierende kommunismus (eben der jeder-nach-seinen-fähigkeiten und jedem-nach-seinen-bedürfnissen kommunismus als operatives prinzip), schon immer die basis aller gesellschaften gebildet hat.

beispiele: ich helfe meiner besten freundin, wenn sie meine hilfe braucht, ohne eine gegenleistung zu erwarten, wie das beim austausch (markt oder geschenk) der fall wäre, weil ich weiß, dass sie mir helfen würde, wenn ich hilfe benötige - es wird angenommen, dass die beziehung unendlich ist; jemand fremder fragt mich um den weg und feuer für die zigarette - wieder erwarte ich keine gegenleistung (wenn eben der aufwand gering ist); freiwillige hilfe im unglücksfall (wenn eben das bedürfnis groß ist), etc.

"ich helfe meiner besten freundin, wenn sie meine hilfe braucht, ohne eine gegenleistung zu erwarten,"

Offensichtlich gibt es sehr viel mehr Menschen, denen Sie nicht helfen.

"ich helfe meiner besten freundin, wenn sie meine hilfe braucht, ohne eine gegenleistung zu erwarten"

Stimmt meiner Meinung nach nicht ganz.

Ich sage Ihnen jetzt nämlich auf den Kopf zu, dass Sie sehr wohl erwarten, dass Ihre beste Freundin ihrerseits Ihnen helfen wird/würde, wenn Sie mal Hilfe benötigen.

Ja, natürlich hilft man Freunden gern. Man hilft ihnen aber auch, wenns einem eigentlich grad überhaupt nicht in den Kram passt und man zB lieber faul auf der Terrasse liegen würd. Das legt mMn den Schluss nahe, dass man mit einer Freundschaft sehr wohl eine zumindest moralische Verpflichtung eingeht.

Selbst bei einem Wildfremden, dem man Feuer gibt, erwartet man im Allgemeinen, dass er dafür Danke sagt (und somit die Geben/Nehmen-Bilanz ausgleicht).

Wie man das dann im Endeffekt nennt, bleibt sich mMn eher wurscht.

genau den gleichen Gedanken hatte ich auch
stimme voll deinem posting zu

im fall der besten freundInnen und ähnlichen fällen, kann die beziehung nicht durch eine gegengabe beendet werden - wie etwa bei markttausch und bei geschenken.

beim feuer geben, ist das schon eine andere sache, stimmt. interessant dabei: es war in europa nicht immer üblich "danke" zu sagen -- das ist erst mit der durchsetzung der marktwirtschaft gekommen.

eine interessante beobachtung eines anthropologen dazu aus einem chinesischen dorf: er sagte immer danke, wenn ihm die leute im dorf essen zubereiteten, oder ihm sonst irgendwie halfen. sie sagten ihm: "du brauchst nicht danke zu sagen, wir sind ja freunde". "danke" zu sagen, bedeutete mehr oder weniger zu sagen, die beziehung beenden zu wollen.

"im fall der besten freundInnen und ähnlichen fällen, kann die beziehung nicht durch eine gegengabe beendet werden"

Das nicht, das ist in dem auch nicht der Sinn dahinter.
Es ist nur so, dass es mMn in unserer Kultur so ist, dass in einer Beziehung, in der ein Part überproportional viel gibt, sich dieser dann früher oder später entweder ausgenutzt vorkommt und/oder aber die Gleichberechtigung der beiden leidet (wenn einer immer nur gibt, fällt er quasi in die Rolle des Versorgers).

Dabei isses wurscht, ob man Gefallen, Geschenke, freundliche Worte (zB ein Danke) oder sonstwas austauscht - mMn ist es für beide Seiten am befriedigensten, wenn unterm Strich irgendwie ein Gleichgewicht dabei rauskommt.

Die Chinesen mögen das anders sehen oder handhaben.

Für wann ungefähr würden Sie eigentlich die Durchsetzung der Marktwirtschaft in Europa ansetzen?

gut beobachtet. solche beziehungen sind natürlich nicht stabil sondern wandelbar, wie auch die grenzen zwischen diesen unterschiedlichen beziehungen und ihrer moralischen basis. david graeber merkt dazu in einem früheren buch (anthropological theory of value, 2001) an, dass kommunistische beziehungen auch leicht in hierarchische beziehungen kippen können, und dass es sowohl für außenstehende leute als auch für die betroffenen selbst manchmal nicht leicht zu sagen ist, wann genau die beziehung vom einen ins andere umgeschlagen ist.

das was graeber jedoch vorschlägt ist, dass man aufhört, alles als tausch zu konzipieren. es gibt auch andere gelebte formen von moral, selbst in vom markt dominierten gesellschaften.

Jetzt steig ich glaub ich grad aus.

Der plädiert nicht wirklich dafür, sich für zB Gefallen, die einem Freunde oder auch Fremde tun, nicht mehr zu bedanken?

Welchen Vorteil soll das bringen?

Der Vorteil JETZT ist der, dass man, wenn man das Interagieren mit anderen Menschen eben als Austausch ansieht, zumindest gefühlsmäßig abschätzen kann, ob der halbwegs gerecht abläuft oder nicht, was in einem mMn ziemlich tief verwurzeltes Bedürfnis nach Gerechtigkeit wurzelt.

Ich bezweifle, dass wir eine viel bessere Gesellschaft werden, wenn wir dieses Austauschsystem kübeln.

Ich weiß allerdings auch nicht, was Sie mit diesen andern Formen von Moral meinen.

keine sorge, es geht hier nicht um moralische anleitungen,

sondern darum, wie wir über bereits existierenden menschlichen handlungen denken.

natürlich gibt es tausch (z.b. markt und geschenke), aber es gibt eben auch andere arten von beziehungen (z.b. kommunistische und hierarchische), die nicht nach der tauschlogik funktionieren. graeber betont, dass die menschliche neigung zu tauschen, nur eine neigungen von vielen ist, die nebeneinander existieren.

werden diese anderen beziehungen jedoch als tausch betrachtet, werden entweder hierarchien als gerecht verschleiert (z.b. könig gibt schutz, bauer gibt getreide) oder kommunismus zu einem utopischen ziel, das der "natur des menschen" (= tausch) angeblich widerspricht, obwohl jeder mensch in manchen situationen bereits kommunistisch handelt

Sie werden sich aber bei der besten Freundin für einen Gefallen trotzdem weiterhin bedanken, oder?

was soll die frage?

ich denke, es liegt nach wie vor ein missverständnis darüber vor, was david graeber mit kommunismus meint: jeder nach seinen fähigkeiten, jedem nach seinen bedürfnissen. es geht nicht um unterschiedliche gesellschaften, sondern um unterschiedliche moralische prinzipien, die in jeder gesellschaft gleichzeitig existieren und gelebt werden. wenn ernsthaftes interesse an der perspektive von david graeber besteht (und es nicht darum geht, einfach mal dagegen zu argumentieren, weil das wort "kommunismus" vorkommt), dann macht es wohl sinn, das selbst nachzulesen (95-102 in der englischen version). ist nicht viel, aber mehr als sich in postings sagen lässt. dann können wir gerne weiter schreiben. aber so...

Die Frage sollte folgendes:

Wenn wir tatsächlich aufhören, unseren täglichen Austausch zumindest unterbewusst als solchen wahrzunehmen, fällt ja auch das Bedürfnis weg, mittels kleiner Gesten und Worte zumindest den symbolischen Ausgleich für erhaltene Wohltaten herzustellen.

Insofern fiele das "Danke" logischerweise flach, was ich schade fände.

Mein Kommunistenfressertum hab ich mir in der Diskussion mit Ihnen jetzt übrigens extra verkniffen, weil der gepflegte Meinungsaustausch dann eh schon längst in pure Polemik übergeschwappt wär. ;-)

Und vielleicht setz ich mir den Herrn tatsächlich mal auf die Leseliste. Schreibt der eher populärwissenschaftlich locker-flockig oder streng wissenschaftlich?

also ich finde, dass seine texte gut zu lesen sind. die wissenschaftliche sprache im englischen ist ja tendenziell locker-flockiger als im deutschen. wie die deutsche übersetzung gelungen ist, weiß ich nicht. was vielleicht aufs erste abschreckt ist, dass das ganze buch über 400 seiten lang ist, aber ich denke kapitel 5 - nicht ganz 40 seiten - lässt sich auch alleine lesen.

WENN ich nicht mitzähle, was ich geb und was ich krieg ...

Wie kann ich dann noch sicher sein, dass das tatsächlich noch kommunistisch läuft und ich nicht schon lang einem Feudalismus aufgesessen bin, der halt einfach mein Getreide nimmt, OHNE mir Schutz zu gewähren oder überhaupt so zu tun, als ob er IRGEND eine Verpflichtung mir gegenüber hätte?

Sie erklären mir jetzt nicht ernsthaft, Kommunismus funktioniert nur dann, wenn niemand drauf achtet, ob er dabei besch*ssen und ausgenutzt wird?

Sorry, aber da is Feudalismus einfach ehrlicher und lässt mir als Getreidelieferant sogar MEHR Rechte.

ich würde tatsächlich sagen, dass es bei kommunistischen beziehungen weder um gerechtigkeit noch um ungerechtigkeit geht, zumindest nicht im sinn von buchhaltung über das, was ich gebe, und das, was ich bekomme.

kommunistische beziehungen haben auch nicht mit recht zu tun (recht ist ja immer mit gewalt abgesichert). kommunistische beziehungen können nicht durch gewalt, also nicht durch recht verordnet werden. sie entstehen/bestehen, oder sie entstehen nicht oder vergehn.

dass kommunistische beziehungen zwischen einem könig (der mit dem getreide ja die leute füttert, die in seinem sinn potentiell gewalt ausüben) und einem bauern entstehen (der das getreide auf androhung von gewalt an den könig gibt) ist unwahrscheinlich. selbst dass hier laut könig gerechte austausch beziehungen bestehen (schutz gegen getreide), ist ja nur ideologische rechtfertigung/verschleierung. tatsächlich ist es eine hierarchische beziehung zwischen ungleichen.

"tatsächlich ist es eine hierarchische beziehung zwischen ungleichen."

Eh. Sonst wär sie ja nicht hierarchisch.

Worums mir ging, ist die Frage, wie ich denn erkennen KANN, um was für eine Form von Austausch es sich handelt, wenn ich, wie vorgeschlagen, NICHT drauf achte, wer wem was gibt und wieviel wovon dafür zurückbekommt.

Abgesehen davon kommts mir irgendwie etwas unrealistisch vor (oder ich versteh Sie/den Herrn graeber einfach falsch), davon auszugehen, dass zwischen - nehmen wir das Beispiel mal her - Bauern eines Dorfs nur komm., zwischen Bauern und König nur hier. und zwischen Bauern und Händlern nur markttechnischer Austausch stattfände.

Es wird in jeder Beziehung eins der dreien überwiegen, ich meine aber, dass de facto jede Beziehung alle drei Merkmale beinhaltet.

"Likewise, communistic relations can easily start slipping into relations of hierarchical inequality---often without anyone noticing it. ...

It's not that the tendency for communism to slip into hierarchy is inevitable---societies like the Inuit have managed to fend it off for thousands of years---but rather, that one must always guard against it.

In contrast, it's notoriously difficult---often downright impossible---to shift relations based on an assumption of communistic sharing to relations of equal exchange. We observe this all the time with friends: if someone is seen as taking advantage of your generosity, it's often much easier to break off relations entirely than to demand that they somehow pay you back." 115-116

nicht unnötig kompliziert geschrieben, oder?

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