Warum Open Access in der Wissenschaft die Zukunft ist

Sarah Spiekermann
18. Juni 2012, 11:51
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    Sarah Spiekermann

52 Nobelpreisträger in den USA fordern in einem öffentlichen Brief an die Regierung open access von wissenschaftlichen Veröffentlichungen

Der FWF hat mich gebeten, zum Thema Open Access Stellung zu beziehen und darzulegen, warum ich diese Initiative so sehr unterstütze. Gerade haben sich 52 Nobelpreisträger in den USA zu einem öffentlichen Brief (pdf) an die Regierung entschlossen, in der sie open access von wissenschaftlichen Veröffentlichungen fordern.

Wissen sollte frei geteilt werden

Die Standardantwort ist natürlich, dass das Wissen dieser Welt frei geteilt werden sollte. In allen (und vor allem armen Ländern!) wird Fortschritt durch verbesserten Zugang zu Wissen gefördert und das Wissen, was wir an öffentlichen Universitäten mit öffentlichen Geldern produziert haben, das sollten wir auch an die Gemeinschaft zurückgeben. Aber neben diesem wichtigsten Grund für open access, gibt es auch noch betriebswirtschaftliche Entwicklungen, die schlichtweg zu einer Selbstauflösung des klassischen wissenschaftlichen Zeitschriftenverlags führen: In Wertschöpfungsverbünden ist es üblich, dass jedes Element im System einen Beitrag leistet. Der klassische Wissenschaftsverlag wird dieser Rolle nicht mehr gerecht. Warum?

Früher noch ein fairer Deal

Lange Zeit war das Publizieren von Artikeln in wissenschaftlichen Zeitschriften von einem fairen Deal geprägt: Wissenschaftler waren für den intellektuellen Teil der Wertschöpfung zuständig und Verlage kümmerten sich um Druck und Distribution. Dieses System ist hat sich überlebt. Und dies nur wegen des Internets? Nicht wirklich. Vielmehr ist es so, dass sich die Wissenschaftsverlage auf eigenen Wunsch seit Jahren aus ihrem Wertschöpfungsteil zurückziehen und sich viele dadurch selbst überflüssig gemacht haben. Ihr Streben nach Kostenreduktion und Gewinnoptimierung hat dazu geführt, dass es nun wir sind, die Wissenschaftler, die ihren Wertschöpfungsteil übernommen haben.

Wir sind es, die enorm viel Zeit aufwenden, nicht nur um Artikel zu schreiben und zu begutachten, sondern auch um Artikel zu setzen, um Grafiken zu optimieren, um Makellosigkeit zu garantieren, um Minimaldetails bibliographischer Besonderheiten auszubessern, Lektoren und Übersetzer engagieren, ja oft sogar noch pro Veröffentlichungsseite zahlen. Wenn wir Probleme mit schlechten Einreichungsplattformen für unsere Artikel haben, müssen wir uns mit spärlich besetzten Help-Desks abkämpfen. Im Gegenzug erhalten wir in der Regel noch nicht einmal ein gedrucktes Exemplar unseres Artikels.

Damokles Schwert einer Klage

Alles was wir dürfen, ist unerhörte Copyright-Bestimmungen unterschreiben, die uns vom Verbreiten unserer Artikel abhalten und uns dem Damokles Schwert einer Klage ausliefern, wenn wir es doch tun. Mehr noch: Verlage haben die Preise für unsere Arbeiten teilweise verfünffacht, bis zu dem Punkt, wo sich unsere eigenen Arbeitgeber, die Universitäten, noch nicht mal mehr die Artikel leisten können, für die sie uns bereits bezahlt haben. Und die Profite? Sie fließen in die unsichtbaren Taschen uns unbekannter Verlagsinvestoren.

Zusammengefasst: Eine Entität, die auf eigenen Wunsch genau Nichts (!) zum Wertschöpfungsprozess beiträgt, schöpft derzeit 100% der Gewinne ab, bei gleichzeitiger Destabilisierung des Wertschöpfungsverbunds (durch Kriminalisierung der Wertschaffenden). Vor diesem Hintergrund erscheint es mir völlig natürlich, dass Wissenschaftler ihre Loyalität gegenüber Verlagen hinterfragen, sich abwenden und neue Wege gehen, ihre Arbeit öffentlich und frei verfügbar zu machen. (Sarah Spiekermann, derStandard.at, 18.6.2012)

Links

Open Access

Öffentlicher Brief (pdf)

Der Blog-Text ist auch auf Englisch verfügbar: Testimonial for Open Access

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All accessible

Michael Haberlandt wird 1928 zitiert in der englischen Übersetzung von Günthers Rassenkunde :

"For what is here at stake is the unhindered development of the
bearers of the highest culture of mankind, who, if the process of amalgamation with these emissaries of the East goes further, run the risk in mind and body of wandering off those paths which their own genius has marked out for them."

http://archive.org/stream/Th... 6/mode/1up

Zugang offen

Volkskundemuseumsgründer Prof. Dr. Michael Haberlandt, Die Völker Europas und des Orients, Leipzig 1920, wird zitiert bei Hans Günther, Rassenkunde des deutschen Volkes, München 1922, S. 423

http://www.archive.org/stream/ra... 7/mode/1up

Haberlandt bedankt sich mit der Besprechung beim "Rassengünther" :

"Besonders bedeutungsvoll und inhaltsreich ist der Anhang, der die Rassenkunde des jüdischen Volkes beibringt."

Wiener Zeitschrift für Volkskunde, 28. Jhg., Wien 1923, S. 12)

http://quod.lib.umich.edu/g/genpub/... view=image

Alles nachzulesen in den Scans der University of Michigan ...

Entweder "Damokles' Schwert" oder

"Damoklesschwert". "Damokles-Schwert" altertümelt.
"Damokles Schwert" sabbert bzw. saugt.

Ein paar Zahlen zu dem Thema gab es im The Guardian bzw. Der Freitag

Gewinnspannen der betreffenden Verlage, Probleme der Bibliotheken usw.

Der Artikel mit Quellenangaben:

http://www.monbiot.com/2011/08/2... -learning/

Veröffentlichung im Guardian:
http://www.guardian.co.uk/commentis... -socialist

Der Freitag:
http://www.freitag.de/autoren/t... -sozialist

Die obigen Thesen sind überhaupt nicht neu,

ich vertrete sie schon seit langem. Es tut sich leider sehr wenig. Die Wissenschaftsverlage sind mittlerweile reine Schmarotzer, die insbesondere die Politker der EU schmieren, um ihre Pfründe nicht nur zu erhalten sondern sogar auszubauen. Die Zeche zahlt der Steuerzahler durch völlig unnötige Kosten für Bibliotheken. Dieses den Wissenschaftsverlagen geschenkte Geld könnten wie viel sinnvoller verwenden.

Nationallizenzen ....

In Deutschland gibt es die Möglichkeit, auch für Privatpersonen (mit Wohnsitz in Deutschland) einen (kostenlosen) Zugriff auf Originalliteratur zu erhalten.

Ich hoffe, dass auch in Österreich eine ähnliche Regelung angedacht ist.

Hier der Link:

http://www.nationallizenzen.de/

jahre lang habe ich über die uni freien zugang auf so gut wie alle wissenschaftlichen journale gehabt. jetzt bin ich fertig, mein uni-account ist gesperrt und ich hab gar keinen zugang mehr. müsste nun für papers zahlen. das ist schon äußerst enttäuschend, da ich mich auch neben dem beruflichen alltag noch für bestimmte naturwissenschaftliche themen interessiere und jetzt nicht mehr die neusten papers lesen kann :/ weiß jemand, ob man als ex-student der uni wien da noch irgendwie zugänge hat? auf die bibliothek kann ich ja auch nicht. die verlangen den studentenausweis und bei den computern muss man sich einloggen.

Ich glaube als Jahreskarteninhaber der OeNB sollte man ebenfalls Zugang auf diverse Dinge haben (online), hab's aber nie ausprobiert.

Für 15€/Jahr bekommt man auch als Nichtstudierende(r) einen Bibliotheksausweis.

http://bibliothek.univie.ac.at/bibliothe... sweis.html

Ich wollte kürzlich einen ~10 J alten Artikel über den Klimawandel abrufen.

Da ist aber die Zeitschrift mit ihrem kostenpflichtigen Onlineportal drauf gesessen. Die wollten 25 Dollar.

Forschungsbeiträge müsssen frei zugänglich sein .

Nachsatz Kosten:

Ein recht renommiertes Portal für Veröffentlichungen im medizinischen Bereich, Kostentabelle:

http://www.biomedcentral.com/about/apc... aq/howmuch

Danke, nicht genügend, setzen!

Wer bezahlt...?

Das Problem ist, dass alle renommierten Online-Journals, die Open Access anbieten, ihre Kosten dennoch decken müssen. Dies übernimmt wer? - Na, klar, im neoliberalen Wissenschaftszirkus: die AutorInnen! Das bedeutet, Institutionen (z.B FWF, viele Unis, etc) bezahlen für Veröffentlichungen von bewiligten Projekt-Resultaten. Aber nicht für freelance-Forschung. Ergo: Die Wissenschaft ist um einen Kontrollmechanismus reicher: wer es sich nicht leisten kann, publiziert nicht (Preise reichen üblicherweise von ca. 300 Eu pro Artikel bis 5000 Eu pro Artikel je nach Renommeee und "Impact-Faktor"). Gratuliere. Super Idee. Open Access, Restricted Input.

Könnte vielleicht heilsam sein !

das heutzutage gängige publish-or-perish könnte dann ein Ende haben. Wenn ich für die Veröffentlichung zahlen muß, überlege ich mir ganz genau, was ich überhaupt veröffentlichen will. Der Qualität könnte solchiges durchaus zuträglich sein, bei sinkendem äußerlichen quantitativen Output.

Schön wär's

Das ist etwa so idealistisch wie der "trickle-down"-Effekt. De facto publizieren die gut situierten Institutionen wie verrückt, während noch so geniale Einzelforschende auf der Strecke bleiben.

Das ist das Matthäus-Prinzip, keine qualitative Selektion wie Sie (ich natürlich auch) das gerne hätten...

Welcher geniale "Einzelforschende" ist denn nicht in irgendeine Institution eingebettet? Die Zeiten als man allein in seinem Keller saß und großartiges erfunden hat sind vorbei.

Das traurige an diesem Neoliberalismus und Turbokapitalismus ist,

das man über solche Dinge wie Open Access in der Wissenschaft, überhaupt reden muß? In einer Welt voller anständiger Menschen, sollte das ein No-Na sein?

sozusagen part of the game ;)

Die Verlage sind nun mal for-profit-Unternehmen, daher verlangen sie auch Geld. Die besonders angesehenen haben dann auch noch genug Marktmacht und hohe Preise durchzusetzen. Ist in jeder Branche so, was soll also die Überraschung?

Die Papers kann man sich aber in der Regel fast immer zumindest als working-paper-Version von der Webseite des Autors runterladen, damit haben in den meisten Fällen alle Zugriff (gibt aber natürlich Ausnahmen).

Was hat ein Verlag mit einer Veröffentlichung eines Forschungsergebnisses zu tun? Das Thema ist, daß ein Forscher etwas entdeckt und sich Firmen, die an der Forschung beteiligt waren, herausnehmen das diese Ergebnisse nicht veröffentlicht werden dürfen. Da kommt das Wort Verlag nicht drinnen vor. Wer braucht heute noch einen Verlag? Das ist ja auch so eine Besitzstandwahrerkaste von Vorgestern. Ich hab schon viel veröffentlicht, aber einen Verlag hab ich hierzu noch nie benötigt.

Traurig schon, aber nicht am Turbokapitalismus

Diese ganze Pfründewirtschaft ist ein Relikt, das nicht wirklich viel mit dem modernen Kapitalismus zu tun hat. Vom veralteten, an den Randbedingungen der Vor-Internet-Zeit ausgerichteten Regeln des Urheberrechts bis zu Anachronismen des gebührenfinanzierten Rundfunks. Da gibt es eine Menge, was neu zu regeln ist. Und das Hauptproblem sind nicht irgendwelche Turbo-Kapitalisten, sondern Besitzstandswahrer aller Art.

Richtig,

nur dass die Turbo-Kapitalisten und Besitzstandwahrer nur allzu oft identisch oder wenigstens recht gut durch gemeinsame Jagdausflüge und Yachfahrten befreundet sind.

Exakt so ist es. Da hat sich ein Filz in der Gesellschaft festgefressen, da wird einem ganz übel. Hatte am Wochenende die Chance bei einer Wanderung mit einem Sparkassen-Prokuristen zu plaudern. Da wird einem ganz übel, wen der alles kennt, wer da zu welchen Veranstaltungen eingeladen wird, wo die Sparkasse was finanziert, wie die Sparkassa mit Stadtmarketing und den dortigen Unternehmern verbandelt ist und wie die alle gemeinsam Ideen entwickeln wie man dem kleinen Mann das Geld aus der Tasche ziehen kann.

All das, war ja früher o.k.. Als die Sparkasse noch für die kleinen Sparer da war. Heute sind die alten Ziele, Dienstleistung am Sparer, völlig vergessen. Da geht es um höhere Ziele.

Nettes Gschichtl. Und was bitte hat das mit der Branche der wissenschaftlichen Verlage zu tun?

Da ist was dran!

Das gehört zu den Merkwürdigkeiten von Gesellschaften, die durch abstruse Beziehungsgeflechte geprägt sind: da können die, die von den alten Pfründen profitieren, sich mit denen arrangieren, die an den Umbrüchen profitieren. Und da kann dann auch mal ein 'sozialdemokratischer' Kanzler zum Berater eines Oligarchen werden. Oder ein Typ, der den Strizzis am Gürtel suspekt wäre, zum VP-Innenminister und dann zum EU-Parlamentarier.

fänd ich gut. besonders die literatursuche ist mühsam, wenn man einen artikel nicht bekommt, weil die universität die zugangsrechte nicht hat.
außerdem ist hier zuviel macht auf zu wenige firmen konzentriert... ich nenne besser einmal keine namen.

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