"Reform­fetischismus in Teilen Europas"

18. Juni 2012, 11:53
215 Postings

Die Wahlen sind geschlagen, sie verschaffen Athen und Europa allenfalls eine Atempause. Der Schlüssel zur Lösung liegt für Martin Knapp in der Realwirtschaft

Der Ausgang der griechischen Parlamentswahlen entspricht zunächst einmal dem, was sich die europäische Politik gewünscht hat: Die konservative Nea Dimokratia gewinnt. Damit stünde eigentlich einer Koalition der Euro-Befürworter nichts im Wege. Das Damoklesschwert: Es wird vermutlich eine Regierung entstehen, die so regiert, wie bisher. Mit den entsprechenden Begleiterscheinungen, sagt Martin Knapp, Chef der Deutsch-Griechischen Handelskammer in Athen, im derStandard.at-Interview.


derStandard.at: Rundherum macht sich einerseits Erleichterung über den Wahlausgang in Griechenland breit. Andrerseits ist das - sollte der Konservative Antonis Samaras tatsächlich die Regierung führen - eine höchst unsichere Angelegenheit.

Martin Knapp: Ja natürlich. Sichere Angelegenheiten gibt es hier kaum. Es gab bei den Wahlen zwei Möglichkeiten. Entweder eine Regierung, die die Sache - sagen wir einmal - sehr dynamisch angegangen wäre. Das wäre eine Syriza-Regierung gewesen, die versucht hätte, die bisherige Politik mit einem Paukenschlag zu Ende zu bringen. Und die andere Möglichkeit: Vermutlich wird eine Regierung entstehen, die mehr oder weniger so agiert, wie die bisherige Regierung. Mit den entsprechenden Begleiterscheinungen natürlich.

derStandard.at: Im Prinzip haben wir also eine festgefahrene Situation?

Knapp: Im Prinzip ja. Jetzt ist einmal nichts grundlegend Neues zu erwarten, sondern eine ähnliche Situation wie gehabt.

derStandard.at: Das klingt ja nicht gerade gut.

Knapp: Ich wüsste nicht, was gut wäre an der jetzigen Situation. Eine ideale Lösung ist das nicht, ein ideales Wahlergebnis gab es in diesem Fall auch nicht.

derStandard.at: Herr Samaras hat ursprünglich die Krisenpolitik der EU als grundlegend falsch bezeichnet, jetzt möchte er bessere Bedingungen aushandeln. Wie wird das in Griechenland kommentiert?

Knapp: Es gibt kaum jemanden, der sagen würde, dass das ein Erfolgsrezept ist. Niemand erwartet jetzt von diesem Memorandum den großen Durchbruch. Es gibt schon einen erheblichen Anteil von Bürgern, die sagen, es müssen grundlegende Änderungen und Reformen in diesem Staat stattfinden. Das ist richtig. Aber ob es gerade die sein müssen, die in diesen Memoranden stehen, das ist eine andere Frage. Deshalb wird man vermutlich einer solchen Nachverhandlung allenthalben positiv gegenüberstehen.

derStandard.at: Derzeit wird viel von Wachstumsimpulsen gesprochen. Es gibt auch zahlreiche Ideen, wie die denn aussehen sollten. Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Knapp: Es wird natürlich immer teurer. Je größere Teile der Wirtschaft praktisch in Konkurs gehen, desto mehr muss man tun, um wieder Arbeitsplätze zu schaffen. Dass man etwas tun muss, um die griechische Realwirtschaft am Leben zu erhalten, hat man so richtig erst jetzt in den letzten Monaten begriffen. Das gilt nicht nur für Griechenland, das gilt für die ganze Südschiene und für Europa überhaupt.

derStandard.at: Was Griechenland betrifft: Sprechen Sie jetzt auch von Reformen im Land selbst?

Knapp: Man muss das unterscheiden. Ich sehe mit zunehmender Sorge so einen Reformfetischismus in anderen Teilen Europas. Man meint, dass die Reformen dann automatisch auch Wachstum bringen. Das tun sie natürlich nicht. Viele Reformen sind absolut notwendig, damit ein Wachstum, wenn es denn kommt, auch überlebt. Es muss sich vieles ändern in diesem Land, das ist völlig klar. Aber es muss Leute geben, die bereit sind, zu investieren.

derStandard.at: Das wird allerdings durch die jetzige Situation auch nicht erleichtert, oder?

Knapp: Investoren haben einheitliche Kriterien weltweit. Das spielt jetzt keine Rolle, ob das Griechen, Eskimos oder Außerirdische sind. Niemand investiert irgendwo, wo zum Beispiel die Diskussion anhält, dass man eventuell aus dem Euro aussteigen würde. Wer will schon seine Euros investieren, um dann eventuell einmal irgendeine abgewertete Neodrachme zu bekommen.

derStandard.at: Die Euro-Austritts-Diskussion scheint nun tatsächlich einmal vom Tisch. So gesehen wäre wohl mit den Wahlen schon ein erster Schritt geschafft?

Knapp: Mit den Wahlen ist zumindest wieder eine Atempause eingetreten. Man muss jetzt nicht damit rechnen, dass Griechenland in den nächsten Tagen oder Wochen den Euro verlässt. Das ist ja auch schon einmal etwas wert. Wenn man jetzt die richtige Politik macht, kann man dann auch irgendwann einmal sagen: Wir sind jetzt ein essentielles Stück nach vorne gekommen.

derStandard.at: Und das trauen Sie den politischen Proponenten trotz ihrer Vergangenheit zu?

Knapp: Mal schauen. Die Wähler haben es ihnen offenbar zugetraut. Gut, die hatten auch keine Alternative in dem Sinne. Aber sie müssen jetzt liefern und ich glaube, dass sich langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass das alte Geschäftsmodell gestorben ist.

derStandard.at: Höre ich da ein bisschen Zuversicht?

Knapp: Ich glaube, man weiß ganz genau, dass die alte Art, das Land zu verwalten, zu regieren, nicht mehr funktioniert. Es gibt auch nicht mehr viele, die dahin zurück wollen. Wenn man bei den Wahlergebnissen die Altersverteilung anschaut, gibt es einen eklatanten Unterschied zwischen Älteren und Jüngeren. Wenn die Jüngeren unter sich gewesen wären, hätte es die Syriza bequem geschafft. Aber die Älteren sind dann doch ein bisschen auf die Bremse getreten und haben gesagt ‚Halt! Halten wir uns doch einmal ans Bekannte‘, denn ans Bewährte kann man wohl nicht sagen. (Regina Bruckner, derStandard.at, 18.6.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Schäfchen sind noch lange nicht im Trockenen.

  • Martin Knapp: "Mit den Wahlen ist zumindest wieder eine Atempause eingetreten."
    foto: ahk

    Martin Knapp: "Mit den Wahlen ist zumindest wieder eine Atempause eingetreten."

Share if you care.