Tiefgefrorenes Konflikttheater

  • Eine unmögliche Liebe und ihre klischeehafte Pose an der Wiener 
Staatsoper: die großartige Krassimira Stoyanova (als Elisabetta) und 
Ramon Vargas (als Don Carlo).
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    Eine unmögliche Liebe und ihre klischeehafte Pose an der Wiener Staatsoper: die großartige Krassimira Stoyanova (als Elisabetta) und Ramon Vargas (als Don Carlo).

Premiere von Giuseppe Verdis "Don Carlo": Regisseur Daniele Abbado setzt auf szenische Routine von bescheidener Wendigkeit

Tolle Stimmen und ein gutes Orchester tragen durch den Abend.

Wien - Bedauerlich, dass die Wiener Staatsoper mithilfe von Regisseur Daniele Abbado fast zwei Wochen vor Saisonschluss szenisch in die wohlverdiente Sommerpause ging. Somit kann man zum einen nur hoffen, dass sich die Sängerschaft, die in einem düsteren Holztrichter nie theatrale Opernschablonen auslassen darf, bei der einseitigen Herumsteh-Belastung keine nachhaltigen Muskelkater eingefangen hat. Sich daraus ergebende Umbesetzungen wären so zahllos wie schmerzhaft.

Zum anderen endet damit eine oft bis in den Alltag hinein sehr gute Staatsopernsaison mit dem paradoxen Eindruck, dass heuer selbst Repertoireabende diese Premierenversion von Verdis Don Carlo an Lebendigkeit übertrafen. Wobei: Es wirkt zunächst plausibel, die Figuren - mit ihrer Gefangenschaft in Misstrauen und Macht- wie Gefühlschaos - in räumliche Enge zu hüllen. Das Ambiente (Bühnenkonzeption: Graziano Gregori; Bühne: Angelo Linzalta) schafft auch eine gewisse Dichte der Atmosphäre und ermöglicht optische Effekte, so etwa, wenn durch Öffnungen poetisches Licht (Alessandro Carletti) hereinstrahlt oder der Blick frei wird auf das Gemälde eines herrschaftlichen Kollektivs des stilisierten 19. Jahrhunderts.

Ja, die Wandelbarkeit der Bühnenkonstruktion erbringt punktuell auch elegante dramaturgische Verwandlungseffekte; die Raumgestalt allein vermag allerdings nie die gesamte Erfolgslast einer Oper zu tragen. Hier wäre es auch zu viel der Last: Zumal nicht nur die Einzelfiguren, vielmehr auch die Gruppenszenen mehr einem Posing für eine Fotoprobe ähnelten denn einem dynamischen Bewegungstheater, das als Kontrast zu intimen Momenten hätte fungieren können. Kurzum: So wenig Interaktion zwischen den Figuren, so wenig Belebung der an sich vor Konflikten berstenden Charaktere führte nur zu einer Form des träg-oberflächlichen Geschichtenerzählens. Es hätte ja nicht gleich die inspirierte Leichtigkeit eines Peter Konwitschny sein müssen. Auch nur ein wenig mehr Mobilität hätte das Stück jedoch erst recht inhaltlich erhellt.

Die musikalische Seite jedenfalls versprühte Glanz, konkret: von packender Vokalintensität Rene Pape (als Filippo II.), im Großen und Ganzen solide Ramon Vargas (als Don Carlo) und besonders zum Finale hin von glühender Intensität die Stimme von Krassimira Stoyanova (als Elisabetta). Zudem: energisch Luciana D'Intino (als Eboli), profund Eric Halfvarson (Il Grande Inquisitore) und nicht nur stimmlich grandios, vielmehr auch schauspielerisch differenziert Simon Keenlyside (als Rodrigo).

Glanzvoll auch das Staatsopernorchester unter Franz Welser-Möst: Da strömten die Kantilenen elegisch dahin, da entfaltete dieser Orchesterklang kostbarste Aura. Nur bei kollektiven Akzenten der dramatischen Art wurde es etwas zu knallig. Und dies an jeder exponierten Stelle. In Summe dennoch eine orchestrale Performance von starker Sogkraft. Applaus für alle, auch für Regisseur Abbado. (Ljubiša Tošic, 18.6.2012)

Weitere Vorstellungen: 19., 22., 26. und 29. Juni, 19.00

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