Der Generationswechsel im Hause Saud rückt näher

Analyse17. Juni 2012, 18:11
28 Postings

Nach dem Tod des saudischen Kronprinzen Nayef bleibt dem 87-jährigen König Abdullah nur mehr ein Bruder, der als potenzieller Nachfolger gehandelt wird

Dann sollte die Enkelgeneration von Staatsgründer Ibn Saud folgen.

Riad/Wien - Der saudische König Abdullah Bin Abdulaziz Al Saud hat am Samstag innerhalb eines Dreivierteljahres den zweiten Kronprinzen verloren - dabei war der am Samstag in Genf verstorbene Prinz Nayef fast zehn Jahre jünger als sein Halbbruder, der König, mit seinen gut 87 Jahren. Zwar kam der Tod des Vizepremiers und Langzeit-Innenministers (seit 1975) letztlich unerwartet, denn er war noch vor wenigen Tagen öffentlich aufgetreten. Aber der schlechte Gesundheitszustand des Kronprinzen war bekannt.

Es wird nun allgemein erwartet, dass der 76-jährige Prinz Salman - viele Jahre Gouverneur von Riad und seit November Verteidigungsminister; ein Amt, das er vom verstorbenen Kronprinzen Sultan übernahm - als Kronprinz nachrückt. Salman ist direkter Bruder Nayefs und des 2005 verstorbenen König Fahd. Allesamt sind sie, wie auch Abdullah, Söhne von Staatsgründer Ibn Saud, und es wird damit gerechnet, dass nach Salman ein Sprung zur nächsten Generation stattfinden wird.

Noch bestimmt er, wo es langgeht, aber zur zukünftigen Nachfolgeregelung hat König Abdullah einen Thronrat einrichten lassen, der aus Repräsentanten aller Söhne Ibn Sauds besteht. Mit Machtkämpfen zwischen den Familien ist zu rechnen - die die Existenz des Königreichs in Zeiten des Umbruchs in der arabischen Welt gefährden könnten.

Saudi-Arabien ist ein Produkt einer im 18. Jahrhundert eingegangenen Allianz zwischen der Familie Saud und der Familie des Gründers der puritanistischen wah habitischen Schule, die das religiöse Establishment in Saudi-Arabien kontrolliert. Der verstorbene Nayef war erzkonservativ und stand wie kein anderer zum wahhabitischen Erbe, das jede "Neuerung" ablehnt. Insofern werden jene Kräfte im Königreich, die auf Reform setzen, froh sein, dass er ihnen als König erspart bleibt, obwohl er von Abdullah eingeleitete Reformen - wie die vorsichtige Öffnung des öffentlichen Raums für Frauen - eher nicht rückgängig gemacht hätte.

Nayef war auch ein Sicherheitshardliner - und obwohl er 9/11 anfangs sogar als jüdische Verschwörung bezeichnete, wurde er zum wichtigsten US-Partner beim Kampf gegen Al-Kaida. Aus diesem Zusammenhang stammte auch seine Ablehnung der Muslimbruderschaft: Mit ihrer politischen Ideologie hätten die Muslimbrüder (die, von Nasser verfolgt, in Saudi-Arabien aufgenommen wurden) den "reinen" - autoritätsgläubigen - Wahhabismus infiziert, was letztlich zum Extremismus à la Osama Bin Laden geführt habe. Dass Nayif nicht König wird, wird für Saudi-Arabien die Zusammenarbeit mit den als Folge des Arabischen Frühlings erstarkten Muslimbrüdern in der Region erleichtern.

Nayef war auch kein Freund der Schiiten und des Iran - er gilt als Architekt der saudi-arabischen Intervention in Bahrain im März 2011, als dort der von Schiiten getragene Aufstand niedergeschlagen wurde, hinter dem eine iranische Machination vermutet wurde. An der antiiranischen Politik Saudi-Arabiens wird sich jedoch auch nach seinem Tod bestimmt nichts ändern. (Gudrun Harrer /DER STANDARD, 18.6.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    König Abdullah (re., mit Stock) mit seinem Halbbruder Salman (li., mit Stock) – wahrscheinlich der nächste Kronprinz – bei der Ankunft in Mekka zur Teilnahme am Begräbnis von Kronprinz Nayef.

Share if you care.