Griechische Krise, türkische Freunde

Blog16. Juni 2012, 19:33
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Auf den griechischen Inseln vor der türkischen Küste füllen nun Touristen aus dem ehemals verfeindeten Nachbarnland die Kassen auf. Visa-Erleichterungen bringen Chios und Izmir wieder einander näher.

„Unsere Hoffnung kommt von der anderen Seite“, sagt Nikolaos Panteloukas, und die andere Seite ist nur eine Dreiviertelstunde entfernt, und groß ist sie, sieben Mal mehr Menschen, alle im Wirtschaftsboom (naja, fast alle). Der Hotelmanager auf Chios hat seine griechischen Besucher vom Festland abgeschrieben. Von den Deutschen will er erst gar nicht reden: sie sind von der Krise verschreckt, und außerdem ist die Rollbahn auf dem Flughafen von Chios – immerhin die fünftgrößte griechische Insel – zu kurz für dicke Chartermaschinen. Dafür hängt ein guter Teil des Einkommens auf Chios mittlerweile von den türkischen Touristen ab, die von der „anderen Seite“ mit der Fähre kommen. Es sollen noch viel mehr werden, und länger sollen sie in den Hotels auf der Insel bleiben, nicht nur die eine Nacht von Samstag auf Sonntag. „Die türkischen Touristen sind unsere Zukunft“, sagt Panteloukas, der das Vier-Sterne-Hotel Chandris in Chios-Stadt führt.

Griechenlands Bankrott und die Rezession haben die Barrieren zwischen den lange verfeindeten Staaten weiter verschwinden lassen. In den Geschäften und auf den Menükarten der Restaurants im Hafen von Chios steht alles auf Türkisch, Autovermieter und Hotels werben um türkische Kunden. Das ist eine ziemliche Revolution. Denn gerade dieser Teil der Ägäis war Schauplatz einer der fürchterlichsten Kapitel der griechisch-türkischen Kriegs. Chios ist der Halbinsel Karaburun vorgelagert, die wiederum den Golf von Izmir umschließt, das einstige Smyrna. 90 Jahre ist es her, im September 1922, als Atatürks Truppen in die mehrheitlich griechische Stadt einmarschierten, Armenier und Griechen massakrierten und den Großteil der Stadt in Brand setzten. Ein Großteil ist nach Chios geflüchtet und dann weiter in die USA.

Die türkische Geschichtsschreibung sieht das selbstverständlich vollkommen anders, und es sei angemerkt, dass auch die Soldaten des Regierungschefs Eleftherios Venizelos türkische Einwohner umgebracht hatten, als sie nach dem Ersten Weltkrieg Smyrna besetzten und dann marodierend tief nach Anatolien vorstießen. (eine gute neue – aus offizieller türkischer Sicht einseitige – Darstellung ist: Giles Milton, Paradise lost. Smyrna 1922. The Destruction of Islam's City of Tolerance, Sceptre 2008) Als Folge des Großbrands ist Izmir, heute eine Vier-Millionen-Stadt, – mit Verlaub – einigermaßen hässlich geblieben. Die Erinnerung an Massaker, Brandschatzung und Vertreibung ist in den Familien weitergegeben worden. Spricht man mit eingesessenen Türken aus Izmir oder griechischstämmigen Amerikanern aus Smyrna oder Chios, wird es in der Regeln schnell still. Statt Hass oder Feindseligkeit hängt dann eine Art sprachloses Bedauern in der Luft über die Gewalttaten, die beide Seiten begangen hatten und das Jahrhunderte lange gemeinsame Leben, das ein für alle Mal dahin ist.

Oder nicht ganz. Seit vergangener Woche gilt theoretisch ein neues Visa-Regime für türkische Touristen, die nach Chios, Lesbos, Kos, Samos oder Rhodos wollen. Die griechische Regierung hat das mit der EU-Kommission aushandeln müssen, das Ergebnis ist nicht umwerfend, aber eine kleine Verbesserung für die Türken: Besucher aus dem großen Nachbarland müssen immer noch Bargeld und Hotelbuchungen nachweisen, Passfotos und Visaformulare bei der Hand haben und dürfen maximal 15 Tage unter der Türritze in das Schengen-Imperium schlüpfen. Dafür müssen die türkischen Insel-Touristen aber nicht mehr bei einem EU-Konsulat bittstellen gehen. In der Praxis erledigte das bisher schon eine Reiseagentur gegen entsprechend Geld. Jetzt – in Chios ab Ende dieses Monats – wird das Visum direkt bei der Ankunft im griechischen Hafen in den Pass gestempelt.

Griechischer Inselurlaub kostet allerdings ein bisschen was. Die Lebenshaltungskosten sind in Griechenland auch im fünften Jahr der Rezession interessanterweise nicht gesunken, eher im Gegenteil. Für die Boom-Türken ist das kein rechtes Problem. Und ganz ähnlich wie auf der "anderen Seite" in Çeşme, der Party-Beach-Villen-Stadt gegenüber von Chios, ist die türkische Insel-Crowd eher den weltlichen Dingen zugeneigt.

  • Alles läuft rund: In der Hafenstadt Chios und auf dem Rest der Insel tummeln sich türkische Urlauber.
    foto: markus bernath

    Alles läuft rund: In der Hafenstadt Chios und auf dem Rest der Insel tummeln sich türkische Urlauber.

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