Japan fährt erste Atommeiler wieder hoch

"Endgültige Entscheidung" trotz großer Sorgen in der Bevölkerung getroffen - Nach Fukushima-Katastrophe waren alle AKW im Land abgeschaltet worden

Tokio - Erstmals seit Beginn der Atomkatastrophe in Fukushima vor mehr als einem Jahr werden in Japan wieder Atomkraftwerke hochgefahren. Er habe die Unterstützung der lokalen Verantwortlichen erhalten, sagte Regierungschef Yoshihiko Noda am Samstag nach einem Gespräch mit dem Gouverneur der betroffenen Provinz Fukui. Dieser hatte erwartungsgemäß sein Einverständnis gegeben. Daher habe die Regierung in Tokio jetzt eine "endgültige Entscheidung" zum Hochfahren der Reaktoren 3 und 4 des Atomkraftwerks Oi getroffen, sagte Noda. Der Betreiberkonzern begann daraufhin sofort mit den Vorbereitungen. Reaktor 3 werde frühestens am 8. Juli und Reaktor 4 am 24. Juli in vollem Betrieb sein, hieß es.

Vor dem Regierungssitz in Tokio protestierten Hunderte bei schwerem Polizeiaufgebot gegen die Entscheidung der Regierung. Seit Anfang Mai dieses Jahres sind sämtliche 50 einsatzfähigen Reaktoren in Japan abgeschaltet. Die umliegenden Gemeinden und Provinzregierungen lehnten aus Sorge um die Sicherheit der Meiler ein neuerliches Hochfahren der Reaktoren bisher ab. Doch angesichts der wiederholten Warnungen der Atomindustrie und der Zentralregierung vor Stromausfällen im Sommer mit Folgen für die Wirtschaft der Industrieregion um die Stadt Osaka gaben sie ihren Widerstand auf.

Drängen von Regierung und Atomlobby

Bis zum GAU in Fukushima infolge des Erdbebens und Tsunamis vom 11. März vergangenen Jahres deckten die Atomkraftwerke rund 30 Prozent des Strombedarfs ab. Sie werden in Japan alle 13 Monate für eine Wartung heruntergefahren. Ans Netz kommen die Reaktoren erst wieder, wenn die lokalen Regierungen zugestimmt haben. Wochenlang drängten die Regierung und Atomlobby immer stärker darauf, zumindest die Reaktoren in Oi nach bestandenem Stresstest wieder hochzufahren. Die Regierung sei in der Lage, eine Katastrophe wie in Fukushima zu verhindern, versicherte Premier Noda. Kritiker bezweifeln das.

Kritik kam am Samstag auch von der Umweltschutzorganisation Global 2000: "Die überhastete Entscheidung zeigt, wie stark die Atomlobby in Japan immer noch mit der Regierung vernetzt ist und wie egal der Zentralregierung die Stimme der Bevölkerung ist, die gegen das Wiederanfahren der unsicheren Reaktoren sind", so Reinhard Uhrig, Atomexperte von Global 2000, in einer Aussendung.

Die Regierung arbeitet nun an der Entwicklung eines neuen Energiekonzepts. Bis zum Sommer will die Regierung klar machen, welchen Anteil die Atomenergie an der Stromversorgung des Landes künftig haben soll. Die zur Diskussion stehenden Optionen reichen von einem Atomausstieg bis hin zum Ausbau. Einiges deutet darauf hin, dass es nach der Fukushima-Krise ein "Weiter so" nicht mehr geben wird. Allerdings sollte nach Einschätzung von Beobachtern die Macht der Atomlobby und auch die Interessenverwicklung zwischen der Wirtschaft, der Politik und den Medien des Landes nicht unterschätzt werden. (APA, 16.6.2012)

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