Das rosa Gekröse als Bekrönung

15. Juni 2012, 22:05
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Die Art Basel bestätigte sich eindrucksvoll als zentraler Umschlagplatz - auch für die Kunst des 21. Jahrhunderts.

Franz West erregte mit einer Riesenskulptur Aufsehen.

Unmittelbar neben dem Messegelände hat der Knie seine Zelte aufgeschlagen. Der ungleich größere Zirkus aber ist die bis 17. Juni laufende Art Basel. Marlborough Fine Art stahl mit einem sensationellen One-Trick-Pony allen die Schau: Man bot ein Bild von Mark Rothko in Orange und Rosa (1954) aus einer Schweizer Sammlung um 87 Millionen Dollar an. Eine Absperrung verhinderte, dass man dem Gemälde zu nahe kommen konnte, und ein Securitas-Mann hielt Wache - er wurde zu einem der am meisten fotografierten Objekte auf der Kunstmesse.

Äußerst gut besucht war auch die Galerie 1900-2000 aus Paris: Sie präsentierte auf Flokatiteppich eine explizite Schau zu Sex in der Kunst mit Werken u. a. von Marcel Duchamp, Man Ray und Francis Picabia. Und bei Richard Nagy sah man ein masturbierendes Mädchen. Nein, nicht von Egon Schiele oder Gustav Klimt, deren Zeichnungen die Stellwände zierten, sondern von Auguste Rodin.

Sonderbarerweise bot auch Ursula Krinzinger je eine Zeichnung von Klimt und Schiele an (um 90.000 bzw. 160.000 Euro) - als "edukative Ergänzung" zu den Wiener Aktionisten. Sie war daher im ersten Stock, wo man fast ausschließlich Kunst des 21. Jahrhunderts sieht, eine Ausnahme. Aber Krinzinger, im Rahmen der Art Basel vom europäischen Galerienverband Feaga für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, punktete ohnedies mit frischer Ware: Ein Foto-Selbstporträt von Marina Abramovic (80.000 Euro) hätte sie mehrfach verkaufen können.

Georg Kargl präsentierte in Weiß gehaltene Arbeiten, aus denen eine Reliefscheibe von Documenta-Teilnehmer Nedko Solakov (49.000 Euro) heraussticht; Eva Presenhuber ließ sich ihren Stand von Doug Aiken gestalten, dem sie eine stimmige Soloshow rund um die Spiegelarbeit More (585.000 Dollar) gewährte.

Gleich mehrfach stieß man auf alte Porträts, die Hans-Peter Feldmann mit Clown-Nasen verzierte; Markus Schinwald war zumindest mit einer Übermalung (Frauenporträt mit Prothese) um 38.000 Euro bei Gió Marconi vertreten.

Unter den Österreichern hatte Heimo Zobernig die größte Präsenz. Friedrich Petzel bot einen schönen Weltenzertrümmerer von Maria Lassnig (2001) um 200.000 Euro an, Nicolas Krupp aus Basel zeigte u. a. Thomas Baumann und Werner Reiterer.

Die deutschen Großformat-Fotografen spielten eine untergeordnete Rolle, Eigen+Art verkaufte die neuen Neo Rauchs um je 720.000 Euro gleich in der ersten Stunde. Und Alex Katz gab es mit seinen Frauenporträts, darunter bei Thaddaeus Ropac (um 380.000 Dollar), in Hülle und Fülle. Wiewohl im Erdgeschoß zwischen den großen Händlern eingebettet, zeigte Ropac viel Nagelneues (u. a. von Erwin Wurm, Daniel Richter, Robert Longo und Georg Baselitz). Sein Atout war aber ein kleiner Gerhard Richter aus 1994 um 3,85 Millionen Dollar. Ums Eck, bei The Pace Gallery, hing aber ein großformatiger Richter aus 1986. Er wurde um 22 Millionen Dollar oder mehr verkauft.

Trendwende scheint es keine zu geben: Mit den Werken von Andy Warhol, darunter dessen atypischen Zeichnungen aus den 1950er-Jahren bei Daniel Blau, hätte man eine komplette Retrospektive bestücken können. Eine faszinierende Koproduktion namens Op Op von Warhol und Jean-Michel Basquiat (1984) fand bei Bruno Bischofsberger sogleich einen neuen Besitzer (Preis unbekannt).

Die Acquavella Galleries boten einen Roy Lichtenstein in Museumsqualität (Still Life with Palette aus 1972) um 15 Millionen Dollar an, die Gladstone Gallery hatte einen recht erfrischenden Keith Haring um 3,8 Millionen Dollar, die Helly Nahmad Gallery verlangte für eine rund vier Meter hohe Alexander-Calder-Skulptur zwölf Millionen Dollar.

Die Österreicher konnten preislich nicht mithalten. Hubert Winter positionierte wieder Birgit Jürgenssen, Krobath präsentierte das Künstlerehepaar Jirí Kolár und Bela Kolárová, für das sich das MoMA stark interessierte, Martin Janda setzte erfolgreich auf Roman Signer, und Rosemarie Schwarzwälder strahlte, weil sie viel verkaufte, darunter einen Adrian Schiess um 48.000 Euro.

Aber zumindest ein österreichischer Künstler zog alle Blicke auf sich: Franz West dominierte mit einem riesigen rosaroten Gekröse aus 2011 - sicher seine größte Skulptur - die Art Unlimited, die Schau der Grenzen sprengenden Objekte. Wie viel der West kostet, verriet die Gagosian Gallery nicht. Dort, in der Halle 1, zeigte Krinzinger eine Metallbrücke von Chris Burden, ins Auge stach aber u. a. die Lichtinstallation Revoltage von Raqs Media Collective.

Auf der Satelliten-Messe Volta, wo es leider vor Kitsch triefte, präsentierte Ernst Hilgers Brotkunsthalle die Fotografin Anastasia Khoroshilova; auf der Liste, wo Experimentelles und Abstraktes überwog, reüssierte Andreas Huber mit Florian Schmidt. Und auf der Scope bot die Berliner Galerie Deschler eine neue, unheimliche Installation von Deborah Sengl an (65.000 Euro). Mit ihrer Hochpreisware von Jan Fabre und Tony Cragg waren die Mauroners im Scope-Zelt eher fehl am Platz.   (Thomas Trenkler, Album, DER STANDARD, 16./17.6.2012)

  • Die Galerie Ropac kombiniert Erwin Wurm mit Alex Katz.
    foto: trenkler

    Die Galerie Ropac kombiniert Erwin Wurm mit Alex Katz.

  • Franz West dominiert 
mit seinem "Gekröse" die Art Unlimited.
    foto: trenkler

    Franz West dominiert mit seinem "Gekröse" die Art Unlimited.

  • Blickfang auf der Scope: Installation 
von Deborah Sengl.
    foto: trenkler

    Blickfang auf der Scope: Installation von Deborah Sengl.

  • Sprachspiel auf der Art Unlimited: Installation "Revoltage" von Raqs Media 
Collective.
    foto: trenkler

    Sprachspiel auf der Art Unlimited: Installation "Revoltage" von Raqs Media Collective.

  • Das Gemälde von Mark Rothko aus 1954 ist mit 87 Millionen 
Dollar das teuerste Objekt bei der Art Basel.
    foto: trenkler

    Das Gemälde von Mark Rothko aus 1954 ist mit 87 Millionen Dollar das teuerste Objekt bei der Art Basel.

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