Schnell, groß, billig statt langfristig und nachhaltig

Gerhard Dilger aus Rio de Janeiro
15. Juni 2012, 18:29

In den vergangenen 20 Jahren hat Brasilien einen Wachstumsschub erlebt, der auch auf Agroboom zurückzuführen ist - mit Auswirkungen auf den Regenwald

Gastgeber Brasilien präsentiert sich vor dem Rio+20-Gipfel selbstbewusst. "Wir wollen allen Besuchern unsere Erfolge zeigen", sagte Präsidentin Dilma Rousseff am Mittwoch bei der Eröffnung des Brasilien-Pavillons, der einen Steinwurf vom Tagungszentrum im Südwesten Rios liegt. Während in Industrieländern soziale Errungenschaften abgebaut würden, sei ihre Regierung der Gerechtigkeit und der Armutsbekämpfung verpflichtet.

In der Tat sind manche Zahlen aus der sozialdemokratischen Ära unter Rousseff und ihrem Vorgänger Lula da Silva imposant: Innerhalb von zehn Jahren stieg das Bruttoinlandsprodukt um 40 Prozent, 28 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden, 40 Millionen Brasilianer stiegen aus der Armut in die Mittelschicht auf. Brasilien steht damit für manches boomende Schwellenland.

Dass dabei die Umwelt unter die Räder kommt, wie die absehbare Aufweichung des Waldgesetzes unter dem Druck der Agrarlobby zeigt, bestreitet die linke Staatschefin vehement: Seit 20 Jahren verfolge Brasilien eine freiwillige Politik der Emissionsbegrenzung, sagte sie: " Seit 2004 ist die Waldzerstörung um 77 Prozent zurückgegangen. Drei Viertel aller seit 2003 geschaffenen Naturschutzgebiete liegen in Brasilien. 45 Prozent unserer Energie stammen aus erneuerbaren Quellen". Damit spielt sie vor allem auf Brasiliens Wasserkraftwerke an, die von Ökologen heftig kritisiert werden. Das Megaprojekt Belo Monte am Amazonas-Nebenfluss Xingu ist das sinnfälligste Symbol für Brasiliens Wachstumsdrang und Energiehunger: 8000 Arbeiter bauen bereits 17 Stunden am Tag am drittgrößten Staudamm der Welt.

2015 soll die erste Turbine in Betrieb gehen, die hochsubventionierte Wasserkraft ist größtenteils für Stahl- und Aluminiumwerke bestimmt. Europäische Firmen wie Andritz, Siemens oder Daimler-Benz verdienen kräftig mit. Für Zehntausende bedeutet das Kraftwerk Zwangsumsiedlung und Umweltzerstörung, für weitere Staudämme in Amazonien hat die Regierung Naturschutzgebiete verkleinert.

Sojafront bedroht Regenwald

Das größte Tropenwaldgebiet der Erde wird aber auch durch Sojamonokulturen oder Rinderzucht bedroht - weil weiter südlich riesige Flächen mit Zuckerrohr für die Produktion von Agrosprit bepflanzt werden, rückt die Sojafront noch schneller auf den Regenwald vor. Eisenhütten und Stahlwerke werden mit Holzkohle aus Urwaldreisern oder wasserfressenden Eukalyptusplantagen befeuert, sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse sind dabei keine Seltenheit. Der Lebensraum vieler indigener Völker wird durch den Agroboom immer weiter beschnitten.

Billiger soll der Export agrarischer und mineralischer Rohstoffe durch den Bau von Land- und Wasserstraßen werden. 2011 machten Eisenerz, Rohöl, Soja, Fleisch, Zucker und Kaffee 47,1 Prozent der Exporte aus - 2006 waren es 28,4 Prozent.

Von der Förderung riesiger Erdölvorkommen in der atlantischen Tiefsee verspricht sich die Regierung den nächsten Wachstumsschub. Umweltpolitisch geht es hingegen bergab. Als Präsidentschaftskandidatin kam Lulas erste Umweltministerin Marina Silva 2010 auf 20 Prozent, doch in den Medien fristen "harte" Umweltthemen immer noch ein Schattendasein.

"Der größte Fortschritt seit 1992 ist das gestiegene Umweltbewusstsein", findet Silva, "das war die Basis für mehrere wichtige Gesetze, die in Brasilien seither verabschiedet wurden". Doch seit Rousseffs Amtsantritt 2011 gebe es klare Rückschritte, meint Silva, deren Nachfolgerin Izabella Teixeira einseitig die Wachstumsagenda stärke. So wies die Ministerin Kritik an einer Steuersenkung zurück, mit der die Regierung den Autoverkauf ankurbeln will. Umweltschützer attackierte Teixeira als unqualifiziert. Dabei kollabieren Brasiliens Innenstädte schon jetzt. " Die Regierung hängt einem kurzsichtigen Entwicklungsdenken an", gab Silvas Mitstreiter João Paulo Capobianco zurück. "Auf dem Rio+20-Gipfel ist Brasilien gut vertreten - aber eher durch die Gesellschaft, Wissenschafter und einige Unternehmer". (Gerhard Dilger aus Rio de Janeiro, DER STANDARD, 16./17.6.2012)

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7 Postings
jo mei. europa hat seine welt ausgebeutet. die anderen machen es einfach nach.

die politiker und machterhalter sind nicht lernfähig. daher ists den menschen wurscht.

überschrift und bild schlagen sich irgendwie

(in einem land in dem man zucker aus rüben gewinnt^^)

ein wasserkraftwerk ist eine tolle sache, aber auch da wird wieder genörgelt. wers denen lieber, die pflantzen ein akw dort hin?

der umstieg auf erneuerbare energie hat auch seine schattenseiten. siehe windkraftwerke die nordostdeutschland völlig verschanteln.

ich kann damit leben

Ich verstehs auch nicht.

Unsere Energie muss irgendwo herkommen und da sind mir Wasserkraftwerke, Pumpspeicherkraftwerke, Winräder etc. lieber als so Dinge wie Atomkraftwerke.

Keine Technologie ist "wirklich" Grün. Man muss sich halt entscheiden.

Aber auch bei Wasserkraftwerken gibt es Unterschiede.

Ein Megakraftwerk in die Betunien zu stellen, so weit weg von jedem Verbraucher, dass man 20 bis 30 % beim Transport verliert, erscheint mir nicht wirklich durchdacht oder nachhaltig.
Die ökologischen und sozialen Probleme steigen nicht linear mit der Größe eines Wasserkraftwerkes....

Was kümmert uns die Zukunft? Das scheint die Devise dieser Generation zu sein, ich finde das furchbar.

Arbeitsplätze schaffen oder mehr Steuern zahlen?

Für was entscheiden sie sich?

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