"Weniger zahlen und viel mehr erreichen"

Interview |
  • Bjørn Lomborg
    foto: emil lupin

    Bjørn Lomborg

  • DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Rio

    DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Rio

Bjørn Lomborg, Kritiker der Klimaschutzpolitik, sieht den Kampf gegen CO2-Emissionen und Subventionen für alternative Energie als Geldverschwendung

STANDARD: Der Rio-Prozess hat seine Klimaschutzziele bisher nicht erreicht. Hat dieser Prozess je eine Chance gehabt?

Lomborg: Er war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, denn der Ansatz, der in Rio gewählt wurde, war falsch. Er lautete: CO2 verursacht Erderwärmung, daher müssen wir mit fossilen Brennstoffe aufhören. Vergessen wurde, dass wir fossile Brennstoffe nicht verbrennen, um Al Gore und andere Umweltschützer zu ärgern, sondern weil sie riesige Vorteile bieten: Wärme, Kühle, Essen, Unterkunft, Transport, Strom. Sie schaffen Wohlstand - und nicht nur in den reichen Ländern. China hat in den letzten 30 Jahren 600 Millionen Menschen aus der Armut befreit, und das geschah nicht durch Solarpaneele, sondern indem sehr viel Kohle verbrannt wurde.

STANDARD: Aber das ändert doch nichts an der grundsätzlichen Gefahr des Klimawandels, oder?

Lomborg: Ja, der Klimawandel ist ein Problem, und es muss gelöst werden. Aber über die Reduktion fossiler Brennstoffe wird das nicht gelingen. Stattdessen müssen wir den Preis der erneuerbaren Energie durch Innovation senken. Wenn diese in den nächsten zwei bis vier Jahrzehnten billiger wird als fossile Brennstoffe, dann haben wir gewonnen. Der Kioto-Prozess bringt uns nicht dorthin.

STANDARD: Und wenn man fossile Brennstoffe durch Emissionshandel und CO2-Steuer verteuert und die Erneuerbaren subventioniert?

Lomborg: Kein Ökonom ist dagegen, CO2 zu besteuern, weil es Schaden anrichtet. Aber in den USA, in China oder Indien ist eine solche Steuer politisch nicht durchsetzbar, und auch in der EU wird sich das Verbraucherverhalten nicht ändern, wenn sich der Benzinpreis um ein paar Cent pro Liter erhöht. Und eine dramatisch höhere Steuer wäre ökonomisch sehr ineffizient. Bisher wurde der Preisunterschied zu den Fossilen durch Subventionen für Sonnen- und Windenergie überbrückt. Doch ineffiziente Technologien müssen sehr hoch gefördert werden. Anfangs kann man das tun, um sich besser zu fühlen. Aber sobald Leute es in großen Maßen in Anspruch nehmen, wird es zu teuer. Das haben wir in Europa gesehen. Dort fördert man Solarpaneele, aber sagt zugleich: Bitte kauft nicht zu viel davon, denn das können wir uns nicht leisten. Subventionen, die Staaten in den Bankrott führen, bevor sie etwas bewirken, sind sicher keine Lösung.

STANDARD: Also wie bringen wir den Preis von grüner Energie hinunter?

Lomborg: Indem wir auf Innovation setzen. Erneuerbare Energie ist derzeit mindestens doppelt so teuer wie fossile Brennstoffe. Sie lässt sich nicht gut speichern, und sie benötigt bessere Netze. Der Preis ist in den letzten Jahrzehnten bereits deutlich gefallen, aber das reicht nicht. Es ist wie bei Computern: Stellen Sie sich vor, wir hätten in den 50er-Jahren diese riesigen Dinger, die fast nichts konnten, subventioniert, damit sie auf jedem Schreibtisch stehen. Der Durchbruch kam erst durch neue Technologien, angetrieben durch Wettrüsten und Raumfahrt. Statt ineffiziente Energie zu subventionieren, müssen wir in die Entwicklung neuer Technologien investieren. Und das geht nur mit öffentlichen Mitteln für die Grundlagenforschung.

STANDARD: Wie viel wird benötigt?

Lomborg: Derzeit geben wir 15 Milliarden Dollar im Jahr für Forschung in alternative Energie aus, davon gehen fünf Milliarden in die Atomkraft. Klima-Ökonomen glauben, dass wir 100 Milliarden brauchen, also das Zehnfache. Wenn man es über viele Technologien streut, wird zumindest eine viel billiger als fossile Brennstoffe sein. Mit einem Euro für die Forschung lassen sich mindestens elf Euro an Klimaschaden vermeiden, durch Subventionen und den Kioto-Prozess nur zwei Cent. Wir könnten 500-mal so viel pro Euro erreichen, würden weniger zahlen und viel mehr erreichen.

STANDARD: Sie fordern seit Jahren andere Prioritäten im Umweltschutz. Welche sollten das sein?

Lomborg: Bei Rio+20 geht es um die Umwelt. Warum aber machen wir uns solche Sorgen über den Klimawandel, wann es in Entwicklungsländern zwei viel größere Probleme gibt: Luftverschmutzung in Innenräumen, vor allem durch primitive Kocher, und schmutziges Wasser. Dadurch sterben drei Millionen Menschen im Jahr, das sind 13 Prozent aller Toten in der Dritten Welt. Der Klimawandel mit allen Wetterkatastrophen tötet nur etwa 0,06 Prozent. Ich könnte daher eine Person durch den Kampf gegen Klimawandel retten und 210 Personen durch andere Maßnahmen, und dies wäre auch billiger und einfacher. Im Norden hält jeder den Klimawandel für das größte Umweltproblem. Luftverschmutzung ist alt, fad und nicht sexy. Aber wir sollten uns bei Rio+20 um jene Probleme kümmern, bei denen wir am meisten tun können, und das ist Luft und Wasser.

STANDARD: Beim Klimawandel geht es doch auch darum, eine Katastrophe der Zukunft zu vermeiden.

Lomborg: Die pessimistischen Prognosen sehen einen wirtschaftlichen Schaden von 20 Prozent am Ende des Jahrhunderts, die meisten Ökonomen erwarten nur Schäden von ein bis fünf Prozent. Auch das wäre viel. Aber wenn wir andere Umweltprobleme lösen, dann bringt das der Welt einen Wachstumsschub von 100 bis 200 Prozent. Wenn wir Menschen heute helfen, werden sie reicher, gesünder und besser ausgebildet, und dann können sie in der Zukunft mit allen Problemen besser umgehen. Erdwerwärmung ist nicht das einzige Zukunftsproblem, auch Luft und Wasser sind es. Und wenn Menschen etwas gegen den Klimawandel tun wollen, warum setzen sie dann auf Rio und das Kioto-Protokoll - also auf Strategien, die nicht funktionieren und bereits gescheitert sind? Tun wir etwas gegen den Klimawandel, aber bitte, bitte, auf klügere Weise. (Eric Frey, DER STANDARD; 16./17.6.2012)

Bjørn Lomborg (47) ist ein dänischer Politikwissenschafter und Buchautor. Im Kopenhagen-Konsensus erarbeitete er 2002 mit Wirtschaftsnobelpreisträger Prioritäten für die Entwicklungspolitik.

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