Eine spanische Sinfonie und zwei Dirigenten

15. Juni 2012, 18:32
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Das 4:0 gegen Irland bestätigte die überhaupt nicht gewagte These, dass Titelverteidiger Spanien der Topfavorit ist. Musikliebhaber Irland-Coach Giovanni Trapattoni schwärmt vom Orchester des Spanien-Dompteurs Vicente del Bosque

Giovanni Trapattoni hat nicht mit den Armen gefuchtelt. Er ist am Donnerstag knapp vor Mitternacht einfach nur dagesessen. Das weiße Haar war trockengeföhnt, der graue Maßanzug hatte sich vom Danziger Regen auch wieder erholt. "Good Evening", hat er gesagt. Sensationslüsterne hofften, er parliert nun Englisch mit irischem Einschlag oder Deutsch, im Idealfall sowohl als auch. Aber nein, er wählte Italienisch, seine Muttersprache seit mehr als 73 Jahren. Kein "The cat is in the sack", kein "Ich habe fertig", und die Spieler waren auch "nicht schwach wie Flaschen leer." Dabei hätte die Europameisterschaft einen perfekten Rahmen geboten, um diese großartige Zitatensammlung zu erweitern. Trapattoni hat darauf verzichtet.

Unterliegt die irische Nationalmannschaft, für die er seit 2008 verantwortlich ist, der spanischen 0:4, kann man eben nur dasitzen. Beim 1:3 gegen Kroatien ist Irland nach drei Minuten in Rückstand geraten, gegen den Weltmeister hat es eine Minute länger gedauert. Von einer Leistungssteigerung wollte Trap nichts wissen, diese Art von Humor lehnt er ab. "Wir hatten einfach nur Angst. Dabei habe ich von dieser Angst im Training nichts gemerkt. Vielleicht hätte ich sie spüren müssen. Es muss eine unsichtbare Last auf den Schultern der Spieler gelegen sein, die sie erdrückt hat. Alle Pläne wurden aus dem Fenster geworfen." Es sei klar gewesen, "dass wir technisch nicht mithalten können. Spanien ist eine andere Liga. Aber diese schreckliche Angst ist ganz neu." Und dann befasste er sich mit dem "außergewöhnlichen" Gegner. "Das ist ein Orchester, in dem jeder sein Instrument perfekt spielt. Das ergibt eine wunderbare Sinfonie. Sie könnten die Augen zumachen, der Ball würde trotzdem in ihren Reihen zirkulieren."

Trommler Torres

Vicente del Bosque ist seit vier Jahren der Dirigent. In der spanischen Heimat wurde der 61-Jährige nach dem 1:1 gegen Italien kritisiert. Er hatte ohne echten Stürmer begonnen. Del Bosque hat reagiert, gegen Irland Fernando Torres in die Startformation gestellt. Just Torschütze Cesc Fabregas musste weichen. Trommler Torres netzte zweimal, in der 73. Minute wurde er durch den Geiger Fabregas ersetzt, der erzielte prompt das 4:0. Del Bosque, einer der letzten aufrechten Schnauzbartträger dieser Europameisterschaft und Welt, hat aus seiner Sicht keine Fehler gemacht. "Die Kritiker hatten recht, ich hatte recht. Wir haben lauter Weltmeister im Kader. Es ist Geschmackssache. Nach meinem Geschmack sind beide großartig." Torres stellte keine Ansprüche. "Wir haben alle die Qualität. Unser Trainer könnte theoretisch würfeln." Praktisch macht er das nicht. Ein paar Zahlen zur spanischen Gala im Schongang: 66 Prozent Ballbesitz, 26 Schüsse gen irischen Kasten, 20 davon gingen aufs, vier ins Tor. Der direkt betroffene Ire Keith Andrews sagte: "Ich habe noch nie gegen so eine tolle Mannschaft gespielt." Irland trifft in der WM-Qualifikation zweimal auf Österreich, Andrews hat keine Steigerung zu befürchten.

Die Ausgangslage in der Gruppe C ist nicht uninteressant. Sollten am Montag Spanien und Kroatien 2:2 spielen (oder ein höheres Remis), wären beide im Viertelfinale. Da könnte Italien gegen Irland zweistellig gewinnen. Sind drei Teams punktgleich, zählen die Ergebnisse gegeneinander, die gescheiterten Iren fallen weg. Enden diese Duelle ausschließlich unentschieden, kommt es auf die Anzahl der erzielten Treffer an. Und da hätte Italien nur zwei. Spanien und Kroatien hätten drei. Del Bosque: "Ich halte nichts von Verschwörungstheorien. Wir treten an, um Kroatien zu schlagen."

Giovanni Trapattoni glaubt "an das Gute im Fußball. Wir lassen den Kopf nicht hängen." Der Mann kann verdammt gut italienisch reden. Fuchteln muss nicht sein. Sitzen reicht. Good Night. (Christian Hackl aus Danzig, DER STANDARD, 16.6.2012)

  • Dirigent Vicente del Bosque balanciert das liebste Musikinstrument des gewöhnlichen spanischen Kickers auf dem Kopf.
    foto: gregorio borgia

    Dirigent Vicente del Bosque balanciert das liebste Musikinstrument des gewöhnlichen spanischen Kickers auf dem Kopf.

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