"Klassische Tänzer brauchen klassische Stücke"

15. Juni 2012, 18:22
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Der Staatsballett-Chef Manuel Legris im Gespräch

Wien - "Rudolf Nurejew hat mir viel gegeben", sagt Staatsballett-Direktor Manuel Legris: "Er war mein Mentor und zeigt mir auch jetzt den Weg." Nicht zuletzt deshalb beendet - wie im Vorjahr - auch heuer die Nurejew-Gala Legris' zweite erfolgreiche Saison.

Geboten werden am 23. Juni unter anderem Ausschnitte aus Nurejews Fassungen von Schwanensee, Nussknacker und Raymonda, aber auch Stücke anderer Choreografen, die für den russischen Meister wichtig waren, wie La Jeune Homme et la Mort von Roland Petit.

"Ich bin noch nicht ganz dort, wohin ich möchte, aber es geht nur Schritt für Schritt. Es ist viel geschehen und war anstrengend, vor allem die acht Premieren im letzten Jahr. Ich war mir gar nicht sicher, ob wir das schaffen werden", sagt Legris, doch trotz knapper Probenzeit sei es gut gegangen. "Heute weiß ich, es war richtig, unter Hochdruck zu arbeiten. Es war wie eine Explosion". Zuerst überzeugte Legris das Ensemble, dann das Publikum: "Ich habe jeden Tag mit meinen Tänzern trainiert und jetzt sind wir wie eine Familie", bis zu zwölf Stunden täglich verbringt Legris in der Staatsoper.

Dass Solisten und Corps de Ballett neuerdings von den Medien in höchster Begeisterung gelobt werden, erklärt der 46-jährige Ballettchef so: "Sie waren auch früher gut, aber mangels Perspektiven nicht besonders motiviert. Ich habe das hierarchische System geändert und den Rang der Ersten Solisten eingeführt. Dadurch gibt es mehr Karrieremöglichkeiten und jeder hat eine Chance." Neu ist auch, dass die Tänzer ständig Bühnenpräsenz zeigen, früher wären manche nur zweimal im Jahr aufgetreten: "Da weiß man nicht mehr, wofür man eigentlich arbeiten soll."

Auch am Repertoire gibt es einiges nachzubessern. Gilt es manchem Stammbesucher jetzt als zu modern, ist es für andere noch immer zu traditionell. "Ich kann nicht alles machen, was mir gerade in den Sinn kommt, sondern ich muss Rücksicht nehmen auf die jeweilige Situation der Staatsoper und der Volksoper. Ich muss überzeugt sein, dass ich richtig handle und dass mir das Publikum folgen kann. Dann gehe ich einen Schritt weiter."

Wichtig sei, die internationale Bekanntheit des Ensembles zu erhöhen. " Ich bin offen für alles und will auf jeden Fall auch berühmte und junge Choreografen holen. Aber die berühmten Kollegen machen nichts für eine Compagnie, die sie noch nicht kennen." Die Herausforderung eines guten Spielplans läge in der richtigen Balance aus Klassik, Neoklassik und Moderne: "Klassische Stücke brauchen wir als klassische Tänzer unbedingt. Das haben wir ja studiert."

Kulturelle Unterschiede

Im Rahmen der Nurejew-Gala gibt Legris auch eine Probe seines immer noch formidablen Könnens und tanzt mit Maria Eichwald ein Pas de deux aus Onegin von John Cranko - keine der Nurejew-Choreografien. Die überlässt er seinen jungen Tänzern und ist froh, dass sie den Verehrten so gut annehmen: Auch nach dem Ende der UdSSR ist sein Image in Russland nämlich nicht besonders hoch, wohl auch, weil er seine sowjetische Heimat eher links liegen ließ.

Nun werde aber alles immer durchlässiger, offener: "Die russischen Tänzer haben früher den französischen Stil nicht akzeptiert. Ich dagegen habe den russischen Stil in seiner Größe immer bewundert." Heute gebe es einen ständigen Austausch, und er lerne viel von seinem internationalen Ensemble, das vorwiegend aus Osteuropa stammt. "Eigentlich finde ich es schade, dass gewisse kulturelle Unterschiede nicht mehr lang existieren werden."   (Barbara Freitag, DER STANDARD, 16./17.6.2012)

Staatsoper: Nurejew-Gala 2012, 23. Juni, 18.30

  • Der Wiener Ballett-Chef Manuel Legris.
    foto: standard/newald

    Der Wiener Ballett-Chef Manuel Legris.

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