Konsumforscher Miller: "Grüner Konsum ist keine Lösung"

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Der Anthropologe und Konsumforscher Daniel Miller im Gespräch über Konsumkritik, Opferrituale und die Macht der Dinge

Daniel Miller macht sich gerne die Finger schmutzig. Der britische Anthropologe hat sich tief in das vergraben, was seit den späten 80er-Jahren unter dem Namen "material culture studies" firmiert, und nichts mag er lieber, als die feine akademische Theorie in den "Matsch und die Dunkelheit des Alltagslebens hinunterzuziehen".

In seinen Studien geht es Miller meist um Dinge, um "stuff", wie er es nennt, Zeugs also, er beforschte Tongefäße in Indonesien, Saris in Indien, Coca-Cola in Trinidad, Mobiltelefone und Autos auf Jamaika oder Kücheneinrichtungen in London. In einer Studie, aus der das Buch A Theory of Shopping hervorging, folgte er etlichen Familien in den Supermarkt, um zu sehen, was von wem und warum für den täglichen Gebrauch eingekauft wird.

Miller unterlegt seinen Forschungen eine "Theorie der Dinge", die er anhand seines Materials immer wieder darlegt. Sie besagt einerseits, dass - entgegen aller moralischen Empörung über oberflächlichen Materialismus - Dinge Medien der Beziehung sind. In diesem Sinne ist Papua-Neuguinea nicht materialistischer als Großbritannien. Ein zweiter Pfeiler seiner Theorie ist die Überzeugung, dass Dinge eine eigenständige Handlungskraft besitzen. Dinge machen Menschen mindestens ebenso, wie Menschen Dinge machen.

Alle Themen, die Miller bearbeitet, verweigern sich einer einfachen Konsumkritik genauso wie einer Konsumeuphorie. Von Millers rund 30 Büchern wurden bisher nur zwei ins Deutsche übersetzt, Der Trost der Dinge (2010) und Weihnachten (2012). In diesen Tagen erscheint sein neues Buch Consumption and its Consequences bei Polity Press.

Standard: Herr Miller, Ihre Bücher sind von großem Mitgefühl für Menschen und ihr Verhältnis zu Dingen geprägt. Mit Ihren Thesen, wie zum Beispiel "Einkaufen ist Liebe" oder "Menschen, die Dinge mögen, sind sozialer als solche, denen Dinge unwichtig sind", richten Sie sich gegen eine landläufige und zu einfache Verachtung des Konsums. Was ist falsch an der Konsumkritik? Sie scheinen sie verlogen zu finden...

Miller: Alle Konsumkritiker, die ich kenne, leben auf einem so hohen Verbrauchsniveau, wie es für jede vorhergehende Generation unvorstellbar gewesen wäre. Da kann man schon auf die Idee kommen, dass Konsumkritik scheinheilig ist. Die Taten der Kritiker entsprechen einfach nicht ihren Worten, und trotzdem halten sie nicht ihre eigenen Parolen für flach und verirrt, sondern nur die Auffassung anderer Menschen. Am schönsten zeigt Kim Humphrey diese Widersprüche in seinem Buch Excess auf.

Standard: Machen Sie denn keine Ausnahme?

Miller: Doch, es gibt einige Arten der Konsumkritik, die ich stark unterstütze, zum Beispiel die sozialistische Kritik der Ungleichheit. Die ungerechten Teilhabemöglichkeiten am Konsum in den meisten Ländern der Erde muss man scharf kritisieren. Zudem bin ich für klare Verbote von Gütern, deren Herstellung und Verbrauch den Klimawandel mitverantworten. Ich glaube nicht, dass die Lösung der Umweltprobleme in einer "Wahl des Lebensstils" liegen kann und darin, dass Menschen sich für "grünen Konsum" entscheiden. Der Umgang mit Natur ist zu ernst, als dass er einer Wahl überlassen werden könnte.

Standard: Das heißt, hier muss die Politik die Verantwortung für den Konsum übernehmen?

Miller: Die richtige Antwort auf den Klimawandel kann nur in internationalen Verordnungen liegen. Man muss schädliche Formen der Produktion verbieten und sicherstellen, dass die Beschränkung für die Armen wie für die Reichen gilt. So sollten zum Beispiel gar keine Autos über einer bestimmten Motorengröße hergestellt und gefährliche Chemikalien gleich am Anfang des Produktionsprozesses verboten werden.

Standard: Oft geht Konsumkritik mit Kapitalismuskritik Hand in Hand. Glauben Sie, man müsste beides voneinander trennen?

Miller: Ich glaube sogar, dass diese beiden Kritiken sehr wenig miteinander zu tun haben und dass sie getrennt werden sollten. Die Hauptprobleme des Kapitalismus, vor allem sein Hang zur Ungleichheit und zu unethischem Verschweigen der Finanzinteressen, haben nichts mit Konsumption zu tun. Umgekehrt würden die Probleme des Konsums, wie etwa die Entfremdung in der massiven Konsumkultur, auch dann existieren, wenn die Produktionsweise eine andere als eine kapitalistische wäre.

In meinem Buch Consumption and its Consequences entwickle ich meine eigene Kritik der politischen Ökonomie, die zu zeigen versucht, dass Kapitalismus komplexer und in der Tat auch vielfältiger ist, als es die traditionellen Kritiken des Kapitalismus glauben machen. Sie entwerfen eine „dialektische Theorie der materiellen Kultur" und begreifen den Prozess der Moderne als widersprüchlich. Die Konsumgesellschaft führt daher gleichzeitig zu Selbstverwirklichung und Entfremdung, sie birgt Fortschritt und Zerstörung.

Standard: Es mehren sich aber Klagen über psychische Erschöpfung, alles sei zu viel und gehe zu schnell. Scheinbar können sich die Menschen nicht endlos an ein konstant wachsendes Angebot an Gütern und Ideen anpassen. Oder etwa doch?

Miller: Mein Mitgefühl mit den Menschen hat mit meiner Auffassung von Anthropologie als einer ihrem Wesen nach empathischen Disziplin zu tun. In meinem Buch Digital Anthropology (2012) argumentiere ich, dass wir eine anthropologische Herangehensweise an diese Phänomene brauchen. Denn erstaunlicher als die Geschwindigkeit der digitalen Kultur selbst ist unsere Fähigkeit, sie so schnell als selbstverständlich in unser alltägliches Leben zu integrieren.

Standard: Als Vertreter der "material culture studies" erforschen Sie die Effekte materieller Umgebungen. Sind digitale Daten "Dinge" oder etwas anderes?

Miller: Es ist eine Illusion zu glauben, dass das Digitale immateriell sei. Von den Bausteinen der Computer bis hin zu den strukturellen Begrenzungen von Facebook gibt es genauso viele materielle Hemmnisse im Digitalen wie im Nicht-Digitalen. Manche Dinge werden jetzt mehr und manche weniger greifbar.

Wir müssen das Digitale als eine rasche Entfaltung der "Dialektik der Kultur" verstehen und dabei dem grundsätzlichen Argument folgen, mit dem wir auch schon die dialektische Verfassung der vor-digitalen Konsumkultur erklärt haben - die Entwicklungsprozesse sind immer widersprüchlich. Es liegt immer noch etwas Unheimliches in materiellen Dingen und dem Zauber, den sie auf uns ausüben können.

Standard: Was, glauben Sie, sind die tieferen anthropologischen Gründe für das Misstrauen gegenüber dem Materialismus? Haben wir Angst, von den Dingen überwältigt zu werden?

Miller: Die Kritik am Materialismus ist so alt wie das Opferritual, das ja früher in menschlichen Gesellschaften allgegenwärtig war. Bevor wir etwas verbrauchen, wollen wir die heiligen Ursprünge jener Welt versöhnen, die wir im Akt des Konsumierens aufzehren werden. Konsumption nimmt der Welt etwas weg, während Produktion ihr etwas hinzufügt. Es ist daher gar nicht erstaunlich, dass wir die Konsequenzen fürchten.

Standard: Worin liegt denn der wesentliche Unterschied zwischen einer Konsumkultur und einer Nicht-Konsumkultur in der Beziehung zu Dingen?

Miller: Der Unterschied ist, dass wir in der Konsumkultur jene Beziehung zu den Dingen verlieren, die wir hatten, als wir selbst noch in den Prozess ihrer Herstellung eingebunden waren. Und wir sollten nach Wegen suchen, an dieses Gespür und die Hingabe an das Einzelne wieder anzuknüpfen. Das könnte durch so etwas wie „produktive Konsumption" geschehen. (Andrea Roedig, DER STANDARD Album, 16.6.2012)

 

Zur Person:

Daniel Miller, 1954 geboren, studierte Archäologie und Anthropologie an der University of Cambridge. Heute lehrt er am University College in London Ethnologie. Konsumforschung gehört zu seinen Schwerpunkten. Zuletzt erschien "Consumption and its Consequences" (Polity Press, 2012). Sein Buch "Weihnachten. Das globale Fest" ist auf Deutsch 2011 bei Suhrkamp erschienen.

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