Textileskapaden und der Kampf gegen das Korsett

15. Juni 2012, 18:14
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Die Ausstellung "Reflecting Fashion" zeigt, wo die Kunst die Mode berührt, ihre Formen und Techniken variiert

... sie inspiriert, aber auch ihre Verfahren kritisch beäugt. Eine allzu museale Mumok-Schau mit Glanzlichtern.

Wien - Rund 1.500 Euro kosteten die bei Promis begehrten Balmain-Jeans der Kollektion 2011/12. Auch Helmut Langs vierzehn Jahre ältere Designerjeans waren nicht gerade billig. Zwei Balmain-Exemplare und ein blaues Beinkleid des Österreichers hat Künstler Klaus Scherübel so hergenommen, wie es das strapazierfähige und vernietete Stück Denim im Sinne des Erfinders Levi Strauss vorgesehen hat: Als Arbeitshosen.

So titelt auch Scherübels Installation in der Ausstellung Reflecting Fashion im Mumok und führt sehr prägnant den Wandel vom Kleidungsstück der Working Class zum Must-Have markenbewusster Fashion-Victims vor. Kleidung ist Politik. Allerdings markieren Jeans heute nicht mehr die Zugehörigkeit zu den "blue collars", der im Blaumann steckenden, körperlich schuftenden Klasse.

Kleidung und Mode als Mittel und Symbol der Grenzüberschreitung zu nutzen - wem sollte das näher liegen als den, seit jeher gesellschaftliche Konventionen den Kampf ansagenden Künstlern. Das Naheverhältnis von Kunst und Mode jedoch als "Liebesbeziehung" zu beschreiben - wie etwa die Kulturwissenschafterin Barbara Vinken - gerade so, als ob da tatsächlich zwei Disziplinen miteinander flirten würden, erscheint abwegig.

Mode und Kunst sind vielmehr wesensverwandt: Das Bestreben, einer innen liegenden Wahrheit eine äußere, körperbezogene Form zu geben, ist in beider Naturen begründet. Das miteinander Verfließen von Kunst und Mode ist der gleichen Diskussion geschuldet, wie die aufgelöste Grenze zwischen Kunst und Design. Kann man vor diesem Hintergrund also Kunst zeigen, ohne auch den umgekehrten Weg, etwa mit Designern wie Martin Margiela, zu beschreiten? Das Mumok kann.

Henry van de Velde war einer der ersten bildenden Künstler, der einen Beitrag zur emanzipatorischen Reformkleidbewegung leistete: Für seine Frau entwarf er ein Kleid ohne Korsett. Auch die plissierten Delphos-Roben, die weibliche Formen umspielen, statt diese in ideale Formen zu zwängen, hat kein expliziter Modeschöpfer, sondern der Universalkünstler Mariano Fortuny erfunden. Der wienerische Weg war eine Allianz aus berühmten Künstlernamen und modischem Know-how: Emilie Flöge nutze die Marke Klimt um ihre reformistischen, mit einigem Ornament verzierten, raumgreifenden Textileskapaden zu vermarkten. Eines davon, ein sahnetortenfarbenes Volant-Ungetüm steht in der Schau allerdings nicht für die Politik der stofflichen Körperkleider, sondern für die Anfänge des Naheverhältnises Kunst und Mode in der Moderne.

Denn die Logik der Ausstellung ist eine musealisierende, die weniger gesellschaftspolitischen Fragestellungen als kunstgeschichtlichen und formalen Aspekten folgt: Der "Mode als Platzhalterin im Surrealismus" oder der Dekonstruktion des in die Nähe der Ritterrüstung und des Korsetts gesetzten Männeranzugs sind zwei weitere Kapitel der mit 300 Exponaten doch recht umfangreich geratenen Ausstellung.

Tigersprünge ins Nichts

Dieser Zugang ist eine legitime Entscheidung, dennoch fehlen veranschaulichende Thesen. An die Wand montierte Zitate von Guillaume Apollinaire oder Roland Barthes sind als Stichwortgeber nicht immer stimmig. In dem der Moderne, also Avantgarde und Aufbruch, geschuldeten Saal verwirrt Walter Benjamins Vergleich der Mode mit einem "Tigersprung ins Vergangene".

Dafür wird man Zeuge der lustvollen Allianzen zwischen künstlerischer Avantgarde und Mode: Die Begründer des farbenfrohen Orphismus in der Malerei, Sonia und Robert Delaunay, führten ihre Modekreationen auch sehr gerne höchstpersönlich aus. Der russische Konstruktivismus beflügelte die fantastischen Kleiderentwürfe von Liubov Popova und Vavara Stepanova, die auch Rodtschenkos Arbeitsanzug entwarf. Ein Statement, so wie Giacomo Ballas exzentrische Anzüge und sein 1914 aus einem Stück hergestellter Overall.

Am nachhallendsten ist Reflecting Fashion allerdings dort, wo es explizit politisch wird: Wenn Martha Rosler aus der Vogue rezitiert, Jakob Lena Knebl das Korsettthema vor schnurgeraden Möbeln variiert oder Ferhat Özgür zwei ältere türkische Damen, eine mit Kopftuch, die andere ohne, mit dem Outfit auch die Perspektive tauschen lässt.    (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 16./17.6.2012)

Bis 23. 9.

  • Mode als Skulptur und Last: Christos modekritischen Kommentar "Wedding Dress" zog 1967 ein Model anlässlich der Eröffnung des Museum of Merchandise in Philadelphia durch den Raum.
    foto: andré grossmann

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