Wer ins Theater geht, muss Opfer bringen

  • "The 100% Environmentally Friendly Show"
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    foto: toxic dreams

    "The 100% Environmentally Friendly Show"

  • DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Rio
    grafik: der standard

    DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Rio

Kunstproduktion ist meist nicht umweltschonend. Die Wiener Theatergruppe toxic dreams hat deshalb in ihrer "The 100% Environmentally Friendly Show" das Publikum gebeten, ausgleichende Maßnahmen zu treffen

Wien - Meist ist es umgekehrt, doch von Fall zu Fall stellt sich auch die Kunst in den Dienst der Natur. Als künstlerisch-ökologische Intervention ließ Joseph Beuys 1982 bei der Documenta in Kassel zum Beispiel 7000 Eichen pflanzen. Und die US-amerikanische Künstlerin Amy Balkin tritt in ihrem Projekt Public Smog dafür ein, die Erdatmosphäre zum Welterbe zu erklären. Bisher ohne Erfolg.

Im Vorjahr hat die Wiener Theatergruppe toxic dreams das Publikum ihrer 100% Environmentally Friendly Show dazu aufgefordert, sich vor Beginn des Stücks persönlich für umweltfreundliche Maßnahmen zu verpflichten, um den durch die Bühnenarbeit produzierten ökologischen Fußabdruck  wieder auszugleichen. Neben Optionen wie einen Tag Öffis statt Auto oder Duschen statt Vollbad bot sich auch die Möglichkeit, den nächsten Theaterbesuch auszulassen. Als in der Zukunft angesiedelte, sciencefictionhafte Untergangsgeschichte der Erde rekapitulierte The 100% Environmentally Friendly Show auf einer 142 Quadratmeter großen Leuchtweltkarte Themen wie Ressourcenverteilung, Essverhalten oder Bevölkerungsentwicklung der Spezies Mensch.

Yosi Wanunu und Kornelia Kilga (Regie und Produktion) haben während der Probenarbeit protokolliert, welche schädlichen Investitionen in die künstlerische Arbeit nötig waren, vom Safttrinken bis zum Computereinsatz. Trotz aller Bemühungen sind sie auf eine eher "unfriendly" Bilanz gekommen. "Wären wir umweltverträglich, müssten wir eigentlich nackt auf einer leeren, dunklen, unbelüfteten Bühne stehen", sagt Wanunu.

The 100% Environmentally Friendly Show hatte vor einem Jahr im Brut-Theater im Künstlerhaus Premiere - der Standard berichtete. Der finale ökologische Fußabdruck wurde mit knapp 5000 gha (Globalhektar) gemessen, ganz genau ist das auf der Homepage der Gruppe nachzulesen. Ähnlich einem anatomischen Theater des 18. oder 19. Jahrhunderts, dessen Zuschauerreihen nach oben steil ansteigend im Kreis den Seziertisch umgaben, blickte das Publikum dabei von einer Balustrade auf das historische Weltgeschehen am Bühnenboden. Das notwendige Faktenmaterial für den Patienten Erde besorgten Mitarbeiter des Instituts für Soziale Ökologie der Universität Klagenfurt. Auch Bücher zur "Deep Ecology" wurden als Recherchegrundlagen verwendet.

Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind sichere Themen, meint Wanunu, jeder kann sich darauf verständigen. Allerdings möchten Menschen gern einen klaren Feind, am besten den Kapitalismus. Da wir uns dieser Lesart verweigert haben, auch nicht ironisch waren, sondern schlicht nur poetisch, melancholisch, weich und "touchy", waren manche Zuschauer enttäuscht. Jeder muss bei sich selbst anfangen.

"Die Entdeckungen, die wir während der Recherchen gemacht haben, waren bitter", so Kilga. "Die Auseinandersetzung mit der Umwelt hat uns herangeführt an schwierige ethische Fragen und Werthaltungen, etwa was die Massentierhaltung betrifft." Wanunu: "Am Anfang habe ich dann weniger Fleisch gegessen, aber man vergisst leider sehr schnell."

"Theatres go green"

Von The 100% Environmentally Friendly Show wurde im Frühling übrigens eine Version für junges Publikum erstellt: Raumschiff Erde. In manchen Großstädten gibt es mittlerweile die "Theatres go green"-Bewegung für eine nachhaltige Theaterinfrastruktur (Sonne und Wind erzeugen den Strom auf der Bühne). In London setzt man derzeit auch auf Kurzzeit-Theater, die aus Abfallholz schnell an öffentlichen Plätzen gezimmert werden und nur für zwei, drei Vorstellungen bestehen bleiben. Wanunu: "Es wird dort zwar schrecklich gespielt, aber das sehr umweltschonend."    (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 16./17.6.2012)

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