Und ewig rauschen die totgesagten Wälder

16. Juni 2012, 18:05
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In keinem anderen Land Europas wurde der Zustand der Bäume in den Achtzigerjahren derart pessimistisch gesehen wie in Deutschland

Schön war der Anblick nicht, weder in natura noch auf den unzähligen mahnenden Fotos in den Medien. Krüppelige Fichten streckten ihre letzten kahlen Äste gen Himmel, graubraunes Gehölz kündigte die Apokalypse an.

"Der Wald stirbt", befand das Hamburger Leitmedium Der Spiegel im November 1981. Von "Siechtum" war die Rede, vom Waldsterben als einem Vorboten "einer globalen Umweltkatastrophe von unvorstellbarem Ausmaß". Andere Medien zogen nach, viele beriefen sich auf den Göttinger Forstwissenschafter und Bodenforscher Bernhard Ulrich, der 1981 erklärte: "Die ersten großen Wälder werden schon in den nächsten fünf Jahren sterben. Sie sind nicht mehr zu retten."

Waldexperte Ulrich, Jahrgang 1926, lebt immer noch in der Nähe von Göttingen. Seine Einschätzung zum Zustand des Waldes heute: "Dem geht es recht ordentlich." Für seine Aussagen damals hat er viel Kritik einstecken müssen. "Meine Einschätzung war drastisch, aber richtig", sagt er 31 Jahre später zum Standard. Und überhaupt: "Die Warnungen haben ja etwas bewirkt, die Politik dachte um."

Aber wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass die Sorge um das Waldsterben vor allem in Deutschland solche Dimensionen annahm? Der Forstwissenschafter Roland Wagner hat sich in seiner Dissertation mit der steilen Karriere des Waldsterbens befasst und kommt zum Ergebnis, dass das Thema dem Zeitgeist entsprach: "In Deutschland herrschte Ende der Siebzigerjahre eine gewisse Endzeitstimmung. Arbeitslosigkeit und Ölpreis waren hoch, auch der Kalte Krieg dominierte die Schlagzeilen."

Da kam der wachsenden Umweltbewegung der Zustand der Bäume gerade recht - zumal viele ja tatsächlich in schlechtem Zustand waren. Nadeln vergilbten, Kronen von Laubbäumen lichteten sich. "Seriöse Forscher sprachen aber von Waldschäden, nicht vom Waldsterben", erklärt der Wiener Waldökologe Gerhard Glatzel, der für die Ursachen vor allem zwei Faktoren ausmacht: Zum einen extreme Luftverschmutzung (Schwefeldioxid aus Verbrennungsanlagen und Autoabgasen, Chlor aus PVC, Ozon, Schwefelsäure, Schwermetalle).

Doch diese Umstände, die den berüchtigten "sauren Regen" begünstigten, waren nicht die einzige Belastung. Glatzel: "Dazu kam eine außergewöhnliche Wettersituation, ein Wechsel von extremer Kälte und Tauwetter." Bis man Waldschäden auch auf die Witterung zurückführte, dauerte es jedoch ein wenig, viele hatten sich einseitig auf den "sauren Regen" eingeschossen.

Immer dramatischer wurden die Zustandsbeschreibungen. "Am Ausmaß des Waldsterbens könnte heute nicht einmal der ungläubige Thomas zweifeln, allenfalls ein pathologischer Ignorant", schrieb die Zeit im Jahr 1984.

Vergleich mit Krieg

Und erklärte auch: "Im Klartext: Die üblichen waldbaulichen Rezepte - Düngung, Kalkung, Schädlingsbekämpfung, strikte Waldhygiene, ja selbst die Züchtung widerstandsfähigerer Bäume - können das Waldsterben allenfalls verzögern, nicht aber aufhalten."

Hubert Weinzierl, damals Chef des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) war sich 1987 sicher: "Das Sterben der Wälder wird unsere Länder stärker verändern als der Zweite Weltkrieg."

Der Druck auf die Politik war enorm, zumal die junge Grünen-Partei einen Erfolg nach dem anderen feierte und natürlich auch auf das Waldsterben setzte. Als Helmut Kohl (CDU) 1983 als Bundeskanzler vereidigt wurde, überreichte ihm die grüne Abgeordnete Marie-Luise Beck (Enkeltochter eines Försters) statt Blumen einen verdorrten Tannenzweig.

Die Industrie protestierte, doch die Maßnahmen der Politik für eine bessere Luftqualität ließen sich nicht aufhalten. Autos bekamen Katalysatoren, Benzin wurde bleifrei, Kraftwerke und Industrieanlagen bekamen Filter.

"Ich kann doch nicht ewig warten, bis der letzte Baum verreckt", rechtfertigte Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) vor Industrievertretern die Neuerungen.

Das Umdenken hat gewirkt, der Wald starb nicht großflächig. "Heute wächst in Mitteleuropa mehr Holz als vor dem sogenannten Waldsterben", sagt Glatzel. Gänzlich gesund ist der Wald aber nicht. In Deutschland zeigen 35 Prozent aller Bäume leichte Schäden an der Baumkrone. Betroffen sind vor allem die Buchen, den Eichen hingegen geht es besser.

Nachlesen kann man das alles in einem Bericht des deutschen Verbraucherschutzministeriums, der jährlich erscheint. Dieser erschien, als Folge der Waldsterben-Debatte, zum ersten Mal 1984. Damals hieß er noch "Waldschadensbericht", heute "Waldzustandserhebung". (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, 16./17.6. 2012)

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