"Die haben gesagt: Du wirst ja Taxifahrer"

Interview | Karin Riss, 15. Juni 2012, 17:48
  • Katja Urbatsch will ihre Idee, Mentoren für Arbeiterkinder in Schulen zu schicken, nach Österreich bringen.
    foto: arbeiterkind.de

    Katja Urbatsch will ihre Idee, Mentoren für Arbeiterkinder in Schulen zu schicken, nach Österreich bringen.

Katja Urbatsch hat als Erste ihrer Familie gegen viele Widerstände studiert. Damit auch andere das schaffen können, gründete sie die Initiative arbeiterkind.de

Standard: Wie kam Ihnen die Idee zu arbeiterkind.de?

Urbatsch: Als ich zu studieren begonnen habe, habe ich selbst gemerkt, dass das nicht selbstverständlich ist. Mein Bruder und ich waren eben die Ersten in unserer Familie, die studiert haben. Eigentlich haben alle erwartet, dass wir eine Berufsausbildung machen. Ich kenne das also auch, dass man sich rechtfertigen muss, wenn man studieren will, und dass die Familie das nicht versteht.

Standard: Welche Reaktionen haben Sie da erlebt?

Urbatsch: Da haben die immer gesagt, du wirst ja Taxifahrer, du liegst deinen Eltern auf der Tasche, wann bist du endlich fertig. Und dann bin ich auch noch nach Berlin gegangen. Damit kam die Frage: Kannst du nicht wenigstens hier in der Gegend bleiben?

Standard: Hat Sie das verunsichert?

Urbatsch: Klar, die wollten immer alle wissen, was ich hinterher mache. Aber das wusste ich ja selbst nicht. Dann habe ich angefangen zu studieren, und gerade Nordamerikastudien sind ja so ein spezielles Fach, wo ich gleich am ersten Tag gemerkt habe: Wow, das sind ja hier Leute, die habe ich noch nie gesehen. Das war auch eine ganz andere Kategorie von Eltern. Die haben Bücher geschrieben, waren selbst Professoren oder hatten einen Doktortitel. Das war echt eine andere Welt.

Standard: Wie hat sich Ihre Herkunft im Studium bemerkbar gemacht?

Urbatsch: Ich habe gemerkt, die anderen sind da mit einem viel größeren Selbstverständnis, die haben überhaupt keine Angst, Professoren anzusprechen. Die wissen Bescheid über bestimmte Dinge, haben Unterstützung von zu Hause, sowohl praktisch als auch emotional. Das hat mich sehr geschockt, aber auch beeindruckt. Als ich meine erste Hausarbeit schreiben musste, hatte ich keine Ahnung, wie ich das machen sollte. Dann habe ich gefragt: Wie macht ihr das, habt ihr schon eine geschrieben? Dann hieß es oft: Ja klar, ich habe das schon mit meinem Vater durchdiskutiert, wir arbeiten schon an einem Thema, er hat schon mal vorrecherchiert, und wir machen das zusammen.

Standard: Wie kam es dazu, dass Sie anderen, denen es ähnlich geht, helfen wollten?

Urbatsch: Mein größtes Problem war fehlende Transparenz. Ich kann Sachen leisten, aber ich muss wissen, wie die Spielregeln funktionieren. Und mir hat es immer geholfen, wenn Leute mir Sachen transparent gemacht haben. Ich habe auch unterrichtet zum Thema "Wie mach ich meine Abschlussarbeit". Da hatte ich eine erfolgreiche Onlineplattform, aus der wurde eine Website mit all den Infos, die ich gesammelt hatte. Und diese Infos, die ich viel zu spät bekommen habe, wollte ich bereits früher weitergeben. Schon in den Schulen.

Standard: Weil Bildung nicht dem Zufall überlassen werden soll ...

Urbatsch: ... weil ich möchte, dass jeder das umsetzen kann, was er machen möchte. Und dass jeder eine informierte Entscheidung trifft. Es muss ja nicht jeder studieren, aber die Statistiken zeigen in Deutschland und in Österreich, dass die Frage, ob man studiert, nicht von den Noten abhängt, sondern davon, ob die Eltern studiert haben. Wenn man Akademikerkind ist, dann geht man zu 90 Prozent studieren, und wenn man Nichtakademikerkind ist, geht man nur zu 50 Prozent studieren. Also meine Chance war fifty-fifty.

Standard: Welche Rolle spielt die Einstellung der Eltern?

Urbatsch: Eine ganz große. Eine große Rolle spielen auch engagierte Lehrer, oder ob man sich ein Studium zutraut, ob man das finanzieren kann. Viele denken, dass die, die nicht studieren gehen, auch nicht studieren wollen. Meine Erfahrung ist eine andere: Da gibt es verdammt viele von diesen 50 Prozent, die gerne studieren möchten, aber glauben, sie können es aus diversen Gründen nicht.

Standard: Derzeit hat arbeiter kind.de mehr als 5000 Mentoren. Wie arbeiten die genau?

Urbatsch: Wir gehen mit mehreren Leuten in Schulen. Das ist ein Team von Studierenden aus verschiedenen Fächern, die sich auch auf verschiedene Weise finanzieren, auch verschiedene Bildungswege gegangen sind. Manche haben auch später noch das Abitur nachgemacht. Die erzählen dann von sich selbst, von ihren Erfahrungen. Parallel dazu geben sie bestimmte Fakten weiter, die für alle wichtig sind. Und wir nehmen auch Leute mit zur Uni, damit die sich das mal ansehen können.

Standard: Entscheiden sich die meisten dann für ein Studium?

Urbatsch: Nicht immer. Aber das ist dann eine informierte Entscheidung und nicht, weil derjenige glaubte, er hätte gar keine andere Wahl.

Standard: Wenden sich auch Eltern an arbeiterkind.de?

Urbatsch: Ja. Die möchten, dass ihr Kind studiert, fühlen sich aber überfordert, weil sie nicht helfen können. Bei uns trauen sie sich dann, vermeintlich "dumme" Fragen zu stellen. (Karin Riss, DER STANDARD, 16.6.2012)

KATJA URBATSCH (33) studierte in Berlin Nordamerikastudien. Ihr erster Mentor: ihr Bruder. Ihr Ziel: informierte Bildungsentscheidungen für alle.

Wissen:

Was in Deutschland seit 2008 ein großer Erfolg ist, läuft in Österreich etwas gemächlicher an. Zwar gibt es arbeiter-kind.at bereits seit Herbst 2011, derzeit hat die Initiative aber "noch eine große Fluktuation, weil uns die Strukturen fehlen", sagt die deutsche Gründerin Katja Urbatsch. Also ist sie auf Suche nach Financiers. In der Wiener Gruppe engagieren sich derzeit etwa 30 Leute. Jeden zweiten Donnerstag im Monat trifft man sich zum Stammtisch im Café Einstein in Wien. Auch das Mentorenkonzept will noch für Österreich adaptiert werden. Schließlich gilt es hierzulande ja, im Alter zwischen 13 und 14 Jahren noch einmal eine wichtige Bildungsentscheidung zu treffen, die in Deutschland erst zwischen 15 und 16 ansteht. Und mit dieser jüngeren Zielgruppe müsse man auch anders arbeiten, sagt Urbatsch. 

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Super dass es so eine Plattform gibt - zwar haben, auch wenn ich der erste aus meiner Familie bin, der seine Matura auch tatsächlich als das nutzt wofür sie eigentlich da ist, mich meine Eltern immer bedingungslos beim Studium unterstützt(an dieser Stelle danke Mama und Papa^^); wenn dem aber nicht so wäre wüsste ich nicht, wo ich jetzt wär (wohl kaum an der Uni inskribiert). Einige meiner Freunde aus bildungsferneren Familien hätten diese Plattform sicher auch gut gebrauchen können, als sie trotz verständnislosem Elternhaus und ohne jede Unterstützung diesen Schritt gewagt haben.

Wenn ein Student

seinen Vater dazu braucht etwas zu recherchieren / auszuarbeiten, dann rennt eh' was falsch!

Mein Bruder und ich waren auch die ersten in der näheren Verwandtschaft die studiert haben. Aber einen Unterschied zu Akademikerkindern habe ich keinen gesehen. Deren Eltern haben inhaltlich auch nichts beigetragen (beitragen können). Und psychisch war bei denen der Leistungsdruck (Erwartungshaltung) meist höher.

Geh bitte.

Zu Studieren, obwohl die Eltern nicht studiert haben ist aber wirklich keine besondere Leistung. In Österreich kann jeder der das will auch studieren, die Sache ist nur, dass viele "Arbeiterkinder" einfach nicht wollen.

liegt an den genen, oder?

es geht darum, eine chancengleichheit zu schaffen, wie die nette frau im interview auch gesagt hat: um eine informierte entscheidung.

Gut gemacht!

Diese junge Dame ist ein Vorbild! :)

Meine Geschwister und ich waren auch die ersten in der weiteren Verwandtschaft, die studiert haben. War nicht so arg.

Professorenkinder habe ich im Studium kaum angetroffen. Es gab nicht viele. Die meisten Leute kamen gar nicht aus Akademikerfamilien (es gab ja nicht so viele Akademiker in der vorigen Generation).

Nie habe ich jemanden getroffen, der so pervers gewesen wäre, die Seminararbeit zusammen mit dem Papa zu schreiben.

du hast ja auch was sinnvolles studiert

Und nordamerikanische Literatur und verdienst dir jetzt dein Geld mich mit lobbying sondern was handfesten, oder?

Haben sich die Zeiten sooo verschlechtert?

Von meiner Maturaklasse (1969) haben 10 die Lehrerbildungsanstalt besucht und 10 studiert. Von den Studenten war ich das einzige Akademikerkind. Da ich ein anderes Fach, auf einer anderen Fakultät und auf einer anderen Uni als mein Vater studiert habe, habe ich alle Probleme alleine lösen müssen. Keine meiner Schulkolleginnen hat in ihrer (Nichtakademiker)- Familie negative Bemerkungen wegen des Studiums gehört.

Infos gab es nur von älteren Kommilitonen, kein Internet, keine schriftlichen Studienpläne. Wir haben uns alle selbst durchgefragt und durchgebissen- ohne dauernd zu jammern.

Finde das Argument "Hausarbeit" etwas polemisch. Einerseits hat das "Arbeiterkind" bereits eine maturaführende Schule besucht, wo auch Projekt-, Hausarbeiten usus sind und andererseits werden bereits im 1. Studienabschnitt mehrere Proseminararbeiten verlangt, die auch in Gruppen verfasst werden können, wo aber wissenschaftliches Schreiben und Arbeiten erlernt und gelehrt werden. Jene Arbeiterkinder die studieren, haben sich den elaborierten Sprachcode, das Wissen, den Umgang mit Lehrenden angeeignet. Kenne viele Arbeiterkinder die einen Studienabschluss haben und tolle Karrieren hingelegt haben.

Es spricht nichts dagegen, dass Sie eine Initiative gründen, die sich zB "Akademikerkind.at" nennt

Diese könnte dann die akademikerkinder überzeugen, dass Studieren nicht der einzige Weg ist, und könnte sie dann begleiten, wenn Zweifel sich einstellen, weil ihre eltern ....usw usf

So sehr ich die Initiative auch begrüße, dass jeder der möchte auch studieren kann. Nur sollte man sich auch mal der Realität stellen, in welcher der Facharbeiter dringend gesucht wird, wahrscheinlich irgendwann auch nach diesen Umständen bezahlt wird, und viele studierte Menschen keinen Arbeitsplatz finden, oder nur solche welche sie auch ohne 5 jähriger Ausbildung bewältigen könnten.

Lothar, geh erstmal selber arbeiten.

Am besten als "Facharbeiter". Da kommst schnell auf den Boden der Tatsachen.

Suchen reicht nicht, zahlen wär auch mal ganz nett!!!

... und warum muss es gerade das "Arbeiterkind" sein. Nur weil die Eltern, aus unterschiedlichsten Gründen, die Arbeiterlaufbahn eingeschlagen haben, darf der Filius höchstens Facharbeiter werden?

Es spricht nichts dagegen, dass Sie eine Initiative gründen, die sich zB "Akademikerkind.at" nennt

Mir ist es doch gleich, wenn sich die Akademiker gegenseitig die Löhne senken. Ist halt nur sinnlos, wenn alle Welt in Berufsparten drängt, die jetzt schon heillos überfüllt sind.

akademikerkinder.at: gemeint war...

auch akademierkinder brauchen unterstützung, enn ihre eltern meinen, sie müssten unbedingt studieren, dabei täte ihnen vielleicht eine lehre gut. also die initiative akademikerkinder.at könnte diese begleiten in eine Lehre, wenn die eltern meinen, das wäre ein desaster.....

Mit Laura Rudas als Gründerin? ;-)

Unendlich viel Grün kann man hier leider nicht vergeben.
Einmal muss also reichen.

Ist ja nur eines von vielen Selbstbemitleidungsinterviews..

sorry, ich war auch der erste in meiner Familie der ein Studium abgeschlossen hat, und ich bin noch dazu schwerhörig - und trotzdem habe ich mich nicht diskriminiert oder sonstwas gefühlt.

Das die Eltern ihren Kindern beim Studium bei den Hausarbeiten helfen finde ich nur lachhaft, das habe ich nie erlebt. Das man sich gegenseitig hilft sehr wohl.

gut für sie, aber die statistik lügt (in dem fall) nicht.

Die Statistik zeigt

eine Korrelation - Akademikereltern - zu Akademikerkindern. D.h. also wenn einer Akademikereltern hat, dann ist es wahrscheinlicher das er auch Akademiker ist.

Aber Korrelation ist nicht Kausalität!

Die Statistik lügt nicht, lügen tun die, die sie bewusst falsch interpretieren.

nein, korrelation ist nicht kausalität. aber eine anekdote ersetzt auch noch immer keine qualifizierte aussage. anstatt auf die kritik einzugehen, immunisieren sie.

Daß... Daß...

mich stört das auch...

...aber wenn, dann korrigiere richtig --> daSS

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