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Matthias Nawrat, "Wir zwei allein".
18,40 Euro / 192 Seiten. Nagel & Kimche, Zürich 2012
Selten ist die postadoleszente Krisis poetisch gehaltvoller beschrieben worden als in Ingeborg Bachmanns Erzählung Das dreißigste Jahr: "Wenn einer in sein dreißigstes Jahr geht, wird man nicht aufhören, ihn jung zu nennen. Er selber aber, obgleich er keine Veränderungen an sich erkennen kann, wird unsicher (...). Und eines Morgens wacht er auf, an einem Tag, den er vergessen wird, und liegt plötzlich da, ohne sich erheben zu können, getroffen von harten Lichtstrahlen und entblößt jeder Waffe und jeden Muts für den neuen Tag."
Auch Benz, der Protagonist in Matthias Nawrats Debütroman Wir zwei allein, steht kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag, und die Bilanz seines bisherigen Lebens fällt einigermaßen ernüchternd aus, was sich nicht auf den ersten Blick, spätestens aber nach einem seiner häufigen Besuche in "Rudis Kneipe" zeigt, nach denen er meist "früher als die Zeit selbst" erwacht: "Es schläft ein Tod in allen Dingen. Ich müsste ein geheimes Glücksgefühl entdecken, ich müsste einen Winkel in mir finden, in dem es so etwas gibt wie Glück. (...) Es ist zu spät, um nochmals schlafen zu gehen, zu früh, um in die Mechanik des Tages schon einzutreten."
Die Mechanik des Tages ergibt sich für Benz aus dem allmorgendlichen Beladen seines Kleintransporters mit Frischgemüse, mit dem er die umliegenden Schwarzwalddörfer beliefert, um am Abend wieder nach Freiburg im Breisgau und an seinen Stammtisch bei Rudi zurückzukehren.
Als Benz langsam anfängt, sein glückloses Dasein für ein zuweilen glück-, zumindest aber bierseliges zu halten, tritt Theres - auch sie ist in ihrem dreißigsten Jahr und könnte die Wiedergängerin einer Ingeborg-Bachmann-Figur sein - in Benz' Leben: "Und dann kommt endlich Theres. Sie kommt ganz leise, als ob sie nur ein Luftzug von draußen wäre. Theres erscheint, anders kann man es nicht sagen."
Doch, man kann das anders sagen, und man braucht dabei nicht einmal Weltliteratur zu bemühen, Nawrat selbst kann das wenige Zeilen später: "Theres mit ihren Ideen über eine Stadt ganz aus buntem Papier, über Gemälde, die Ängste einfangen und nie mehr entlassen und ihre Besitzer ein Leben lang beschützen vor den Stimmen in ihren Köpfen. Theres mit ihrem Lachen, das hüpft wie eine Bachstelze über Steine."
Man kann an Matthias Nawrats überbordender Metaphorik Ge- oder Missfallen finden, Literatur bleibt ja letztlich immer auch eine Frage des Geschmacks. Dass der 1979 im polnischen Opole geborene Autor es versteht, Sogwirkung zu erzeugen, steht außer Frage.
Dass er dabei in allerhand Schieflagen gerät, mag bei Benz' Berg-und-Tal-Fahrten durch die südwestlichste Provinz Deutschlands nicht verwundern; erst recht nicht, wenn ihm eine wie Theres den Kopf verdreht und seine Welt auf den Kopf gestellt hat.
Man darf gespannt sein, ob sich die Klagenfurter Jury bei den diesjährigen "Tagen der deutschsprachigen Literatur" für Nawrat als einen der Preisträger entscheiden wird, und wenn Matthias Nawrats neuer Text ohne einen Satz wie diesen auskommt, dann wäre es ihm allemal zu wünschen: "Habe nichts dabei gedacht, weil Denken an Bahnhöfen in zu viele Richtungen entgleisen kann." (Josef Bichler , Album, DER STANDARD, 16./17.6.2012)
Matthias Nawrat, "Wir zwei allein".
18,40 Euro / 192 Seiten. Nagel & Kimche, Zürich 2012
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