Kritischer Schülerblog zum Mensa-Essen zensuriert

Neunjährige postete Fotos im Netz - Schulbehörde ruderte zurück

Ein trockener Hamburger, fünf einsame Braterdäpfeln, ein paar Paprikascheibchen und ein Wassereis: So dürfte kaum eine gesunde Verpflegung für Kinder aussehen. Dieser Meinung war auch die neunjährige Volksschülerin Martha Payne und dokumentierte die vorgesetzten Mahlzeiten an ihrer Schule im Verwaltungsbezirk Argyll and Bute in Westschottland. Auf ihrem Blog würzte sie die Posts mit unappetitlichen Fotos. 

Mediales Interesse

Als Konsequenz wurde das Mädchen von der Schulbehörde aufgefordert, keine Fotos vom Mensa-Essen an ihrer Volksschule mehr zu veröffentlichen. Der Blog "Neverseconds" war den Beamten sauer aufgestoßen. Schnell hatte das Mädchen mit dem Blognamen "Veg" eine Million Klicks erreicht. Auch Medien wie "Morgenpost", BBC, "The Sun" und "Telegraph" interessierten sich für den "Kampf" des Mädchens gegen das miserable Schulessen. Unterstützung bekam sie von Starkoch Jamie Oliver, der sich seit Jahren für gesünderes Essen an Schulen einsetzt.

In einem "Goodbye"-Post verabschiedete sich die Neunjährige von ihren Lesern. Sie werde den Blog einstellen.

Ein positiver Effekt

Der kritische Blog hatte einen weiteren Nebeneffekt. Marthas zuvor gestartete Spendenaktion zur Unterstützung der Hilfsorganisation Mary's Meals, die Schulen weltweit mit Mahlzeiten versorgt, verbreitete sich in Windeseile. Inzwischen ist laut TheNextWeb eine Summe von über 8.000 britischen Pfund erreicht und in Großbritannien sind sowohl #neverseconds als auch "Martha Payne" Trending Topics auf Twitter. 

"Unberechtigte Angriffe auf Catering" bedrohen Arbeitsplätze

In einer am Freitag veröffentlichten Stellungnahme wies die Schulbehörde von Argyll and Bute sämtliche Vorwürfe zurück und kritisierte, dass "die unberechtigten Angriffe auf den Catering-Service der Schule beim Personal dazu geführt haben, um ihren Arbeitsplatz zu fürchten".

Kameraverbot

Die Schule habe nichts an den Mahlzeiten auszusetzen und die Schüler könnten ohnehin täglich aus zwei Optionen wählen, erklärte die Schulbehörde. Die veröffentlichten Fotos seien nur ein Teil dieser Menü-Auswahl, weshalb die Behörde mit einem Kameraverbot reagiert habe. Dass die Situation eskalierte, habe die Notwendigkeit nach sich gezogen, die Mitarbeiter zu schützen und den Schaden zu begrenzen. Im Schlusssatz des Statements heißt es, man konzentriere sich nun wieder auf Unterricht und Bildung der jungen Menschen in Argyll and Bute.

Update 16.30 Uhr

Die breite Medienberichterstattung zeigte allerdings Wirkung. Roddy McCuish, Leiter der Schulbehörde von Argyll and Bute, ruderte nun zurück und hob das Kameraverbot in der Schulmensa auf, berichtet TheVerge. Man würde Zensur keinen Platz bieten, sagte er in einer BBC-Radiosendung. Er wolle kommende Woche gemeinsam mit dem Vater des Mädchens eine Lösung suchen, so McCuish. Bis dahin dürfe Martha Payne auf ihrem Neverseconds-Blog weiterhin die Mahlzeiten der Schulmensa analysieren. (ez, derStandard.at, 15.6.2012)

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